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Tierversuche

An Tieren studieren

Von Birgitta vom Lehn
 - 06:00

Wie verhält es sich eigentlich mit Tierversuchen im Biologiestudium? Muss man sie mitmachen oder kann man sich Alternativen suchen?“, fragt eine Person, die sich Nobody nennt, im Chemie Online Forum. Kristina antwortet: „Ich studiere in Münster, und dort ist es unerlässlich, auch Tiere zu sezieren. Aber es gibt genauso gut Universitäten, an denen man keine Tiere auseinandernehmen muss. Also, wenn Du damit Probleme haben solltest, ist es empfehlenswert, sich vorher schlauzumachen.“ Kristinas Empfehlung ist richtig, denn es ist schwierig, im Studium Versuche an toten oder lebenden Tieren zu vermeiden. In den meisten lebenswissenschaftlichen Studiengängen gehören sie nach wie vor zum Pflichtprogramm. Das zeigt das neue „Ethik-Hochschulranking“ des Bundesverbands Menschen für Tierrechte.

Mit der Vergabe von grünen, gelben und roten Punkten ähnelt es optisch dem Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Den Ethik-Rankern geht es um die Frage, ob in der Human-, Zahn- und Veterinärmedizin sowie der Biologie lebende oder tote Tiere, Tierorgane, Zellen oder Enzyme von Tieren eingesetzt werden.

Sie prüfen außerdem, ob die Tiere auf natürliche Weise gestorben oder in Arztpraxen eingeschläfert wurden und ob Ersatzlehrmittel in Form von Simulationsprogrammen, Filmen und Dauerpräparaten zum Einsatz kommen. Nach Paragraph 10 Tierschutzgesetz müssen Unis den Einsatz von Tieren in der Ausbildung erfassen und melden. Für das Ranking wurden im vergangenen Jahr die medizinischen Fakultäten von 35 Unis, fünf veterinärmedizinische Fachbereiche und die Biologie-Fachbereiche von 66 Unis befragt.

Drei Lehrstühle haben Tierversuche wieder eingeführt

Die Tierschützer haben herausgefunden, dass in der Medizin immer noch gut 80 Prozent der Lehrstühle Methoden anwenden, in denen Tiere oder Tierprodukte eingesetzt werden. Drei Lehrstühle haben Tierversuche wieder eingeführt, zwei beabsichtigen dies. Der Grund: Die Studenten waren mit der Simulationssoftware als Ersatzlehrmethode nicht einverstanden. In der Veterinärmedizin werden Simulationsprogramme von vorneherein nur als Ergänzungs-, nicht als Ersatzverfahren verwendet. Tiere aus dem Schlachthof würden „auch deshalb schon akzeptiert, weil viele der Ärzte später vielleicht in der Massentierhaltung arbeiten werden“, erklärt der Tierschutzverband.

In der Biologie setzen nur elf von 66 Lehrstühlen weniger Tiere ein. Ganz ohne Tiere kommen acht Lehrstühle aus, aber nur, weil sie die klassische Physiologie nicht anbieten. Immerhin sieben Unis verzichten auch in der Physiologie auf Tierexperimente. Dagegen gibt es Lehrstühle, die gegenüber der letzten Befragung im Jahr 2007 sogar wieder mehr Tierarten einsetzen. Dazu zählt die TU Dresden: Dort werden wieder Säugetiere verwendet. In den meisten Biologie-Kursen beschränkt man sich dagegen auf Insekten – wohl auch deshalb, vermuten die Ranking-Autoren, „weil sie nicht unter die strengen Tierschutzbestimmungen fallen“. Simulationsprogramme am Computer werden zwar an jedem zweiten Biologielehrstuhl verwendet, allerdings genau wie in der Tiermedizin nicht als Ersatz, sondern nur als Ergänzung. Die Tierschützer ziehen daher das für sie ernüchternde Fazit: Der „jahrzehntelange Einsatz für Ersatzverfahren in der Lehre“ habe sich zwar „positiv auf die Qualität der Lehre ausgewirkt, sein Ziel aber nicht erreicht, den Tierverbrauch in der Lehre zu beenden“.

Länderhoheit bei Tierversuchen

Tierversuche für Forschungszwecke sind gesellschaftlich ein heißes Eisen. Einerseits gibt es Vereine wie „Ärzte gegen Tierversuche“, die Experimente am lebenden Tier für überflüssig halten. Auf der anderen Seite stehen Forscher, die Tierversuche für unentbehrlich halten oder sogar glauben, dass vor allem an Mäusen künftig noch mehr experimentiert wird. Schließlich sei man heute in der Lage, menschliche blutbildende Zellen so in einen Mäusekörper hineinzugeben, dass dieser ein humanes Immunsystem ausbilde, erklärt Annette Oxenius vom Institut für Mikrobiologie der ETH Zürich.

Letztlich gilt die Beobachtung: Wer ein lebenswissenschaftliches Studium plant, muss nicht nur gute Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften mitbringen, sondern auch eine gehörige Portion Robustheit. „Sonst kann man sehr schnell bitter enttäuscht werden“, sagt Renate Thiel, Tierschutzbeauftragte an der Berliner Charité. Im Ethik-Ranking hat die Charité drei gelbe Punkte bekommen. Das heißt: Die Tiere erleiden keine Schmerzen und überleben den Kurs schadlos. Außerdem ist es möglich, durch Fehltage, passive Teilnahme oder Ersatzleistungen Kursinhalte mit Tiereinsatz zu umgehen. „Wenn Studenten zu mir kommen, weil sie Probleme mit Tierversuchen haben, rate ich ihnen, mit dem betreffenden Kursleiter zu sprechen und zu fragen, ob es zum Beispiel auch möglich ist, einen Studienschein zu bekommen, ohne eine Maus präpariert zu haben“, erklärt Thiel. Eigentlich seien die Studiengänge bundeseinheitlich geregelt, aber bei den Tierversuchen komme die Länderhoheit zum Tragen. Es hänge von der Hochschule ab, „ob man mit einer Gummikuh arbeitet oder mit einer echten“.

Nicht aus reiner Tierliebe Tiermedizin studieren

Thiel hält es freilich für ein „großes Problem“, wenn jemand aus reiner Tierliebe Tiermedizin studieren wolle. „Diese Personen sind häufig am wenigsten geeignet für den Beruf. Man braucht schon einen gewissen emotionalen Abstand“, sagt die Veterinärmedizinerin. Als Tierarzt befinde man sich ständig im „Brennfeuer“ zwischen eigenem ethischen Anspruch und den Anforderungen der modernen Landwirtschaft. Da brauche man „ein gerüttelt Maß an innerer Stabilität“. Tierärzte seien im Übrigen die Berufsgruppe mit der höchsten Selbstmordrate, gibt Thiel zu bedenken. „Es ist schon sehr belastend, zwischen die Mühlen des eigenen ethischen Anspruchs und denen der Schlachthofbesitzer zu geraten.“

Thiel rät, vor Studienbeginn für sich zu erforschen, ob man dem jeweiligen Beruf gewachsen ist. Für am besten geeignet hält sie diejenigen, die bereits aus einer Tierärztefamilie stammen oder aus der Landwirtschaft. „Diese Leute wissen dann genau, was auf sie zukommt.“ Sie habe im ersten Semester erlebt, wie ein Student, der drei Jahre auf seinen Studienplatz gewartet habe, in der ersten Anatomie-Stunde fluchtartig das Weite gesucht habe und nie wieder gekommen sei, nachdem er dort einen toten Hund in einer Säurelösung schwimmen sah.

Tristan Stöber, 23 Jahre, studiert im vierten Semester Biologie in Münster. Tierversuche seien für ihn und seine Kommilitonen ein Thema, bestätigt der Fachschaftsvertreter. Gerade weil es auch viele Vegetarier unter den Biologie-Studenten gebe. Er habe bisher nur kleine Versuche miterlebt, bei denen Fruchtfliegen mit Äther betäubt oder Mäuse für kurze Zeit Temperaturen von fünf bis zehn Grad ausgesetzt worden seien, um deren Stoffwechsel zu testen. Das könne sich allerdings nach dem viersemestrigen Pflichtprogramm ändern, meint er. Vor Studienantritt habe ihn die Uni klar gewarnt: Wer Probleme damit habe, sollte lieber auf das Biologiestudium verzichten.

Viele Insekten

In den Studiengängen der Human- und Tiermedizin und der Biologie kommen viele Insekten und Wirbellose zum Einsatz.

Auch an Fröschen und Ratten, Schlachthaustieren sowie Würmern, Fischen, Krebsen, Mäusen und Hühnerküken wird experimentiert.

Seltener sind eingeschläferte Hunde und Katzen, Ziegen, Schnecken und Muscheln.

Ein Biologie-Lehramtsstudium ohne Tierversuche gibt es in Dortmund, Hildesheim, Lüneburg und Trier. In Bochum, Frankfurt, Kiel, Marburg, Münster und Witten-Herdecke wird in den vorklinischen Kursen des Medizinstudiums auf den Einsatz von Tieren verzichtet.

In Berlin (FU), Greifswald, Düsseldorf und Heidelberg gibt es Pharmaziestudiengänge ohne Tierversuche.

Quelle: F.A.Z.
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