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Gründerserie

Krimidinner - Mord zum Filet

Von Daniel Mohr
 - 09:18

Lady Ashtonburry begrüßt die Gäste persönlich an der Tür. Tief ergriffen muss sie die Trauerfeier für ihren Mann auf ihrem Stammsitz in Schottland hinter sich bringen. Wurde er etwa umgebracht? Kerzen flackern auf allen Tischen. Es gewittert natürlich. Und abgeschnitten von der Außenwelt passiert der nächste Mord. Ein bisschen sind die Krimidinner wie Karl May. Niemand weiß so genau, wie es in der schottischen Adelswelt vor 60 Jahren so zuging. Man kann sich aber gut vorstellen, dass es genauso war, wie Alexandra Stamm ihre Stücke schreibt und inszeniert – auch wenn man sich im Schloss Sayn in der Nähe von Koblenz befindet. Stamm ist die Gründerin von „Das Original Krimidinner“. Das mit dem Original ist ihr wichtig. Denn längst gibt es viele Nachahmer. Mitbewunderer nennt sie die.

Stamm ist gelernte Schauspielerin. Die Österreicherin hat am Mozarteum in Salzburg gelernt, hatte ein Engagement in Heilbronn, wurde damit aber nicht recht warm. „Ich hatte zu viel Energie, ich konnte mich in der Gruppe nicht unterordnen und nur die Ideen von anderen umsetzen“, sagt Stamm. „Die eigene Kreativität geht dabei kaputt.“ Bis sie ihre eigene Chefin wird, dauert es jedoch ein paar Jahre. In Berlin lernt sie ihren Mann Thomas kennen. Der hat dort Shows veranstaltet, Stamm hat mitgeholfen. Und in ihr reifte ein Gedanke: Das klassische Schauspiel hatte für sie zu wenig Platz für Kreativität, das reine Improvisationstheater zu viel. Eine Mischung musste her. Und in Kombination mit ihrer Liebe zu gutem Essen und zu Krimis entstand die Idee des Krimidinner.

„Wir wussten natürlich gar nicht wie das ankommt, aber wir haben in Essen das Stiftshaus gemietet, den Termin festgelegt und dann habe ich angefangen, mein erstes Theaterstück zu schreiben“, sagt die 53 Jahre alte Stamm. „Ein Leichenschmaus“ entstand. Die Testamentseröffnung zum Tod von Lord Ashtonburry. Das Testament darf ein Zuschauer in der Rolle des Notars vortragen. Der Arzt wird ebenfalls aus dem Publikum rekrutiert. Die Interaktion ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Stücke. „Das ist eine große Herausforderung für die Schauspieler“, sagt Stamm, die anfangs auch selbst mitgespielt oder Regie geführt hat. „Im Theater haben sie den Schutz der Wände und des Bühnenbilds und ihren festen Text. Beim Krimidinner spielen sie zwischen den Tischen des Publikums und müssen sehr flexibel auf die Stimmungen reagieren.“

Wachsende Konkurrenz

Zwei bis drei Monate im Jahr setzt Stamm als Probezeit an. Wegen des großen Erfolgs gibt es mittlerweile sechs Stücke zu den Ashtonburrys. Das siebte soll im April kommen und „Sherlock Holmes und der Fluch der Ashtonburrys“ heißen. Die Stücke müssen nicht in der chronologischen Reihenfolge geschaut werden. Es gibt aber viele Fans, die alle gesehen haben.

1,6 Millionen Zuschauer haben seit der Premiere im Jahr 2002 Krimidinner von Alexandra Stamm gesehen. Mehr als 200 Hotels und Restaurants quer durch Deutschland sind Gastgeber. „Die melden sich meist von selbst bei uns, weil wir ein Garant für ein volles Haus sind“, sagt Stamm. Der Gastgeber ist für das Vier-Gänge-Menü zuständig, das die Gäste zwischen den einzelnen Szenen serviert bekommen. Den Rest macht das Krimidinner-Team. „Wir bringen unsere eigenen Kerzenleuchter, Spinnweben, Beleuchtung, Ton, Grablichter und was wir sonst so brauchen mit“, sagt Stamm. Derzeit hat sie Hochsaison. Zehn Schauspielteams sind derzeit gleichzeitig im Land unterwegs. Für jedes Stück werden fünf Schauspieler gebraucht, dazu eine Abendleitung und ein Mitarbeiter für Regie und Technik. Insgesamt 70 Schauspieler hat Stamm unter Vertrag.

„Wir stellen sie anders als mancher Konkurrent fest an, bezahlen sie auch bei Krankheit und während der Proben“, sagt Stamm. Da sie selbst als Schauspielerin um das manchmal schwierige Auskommen weiß, ist ihr dieser Umgang sehr wichtig. In einem Hinterhof in Essen hat Stamm seit 2014 eine eigene Kostümschneiderei. Mehr als 1000 Kostüme für die verschiedenen Stücke hängen dort. Theatermaler sind für die Kulissen zuständig. Und in den oberen Stockwerken gibt es Schauspieler-WGs.

„Schneller und besser sein“ ist ihr Anspruch, um der wachsenden Konkurrenz von Nachahmern standzuhalten. Die bieten die Dinner-Abende manchmal für 49 Euro je Person an. Beim Original Krimidinner sind es 79 bis 125 Euro. Dafür sind auch Fünf-Sterne-Häuser unter den Veranstaltern. „Die versuchen damit Publikum anzulocken, was sich dort sonst nie hintrauen würde, aber hinterher ganz begeistert ist“, sagt Stamm. Wie genau der Eintrittspreis zwischen Gastgeber und Krimdinner aufgeteilt wird, will sie nicht verraten. Ein einstelliger Millionenumsatz im Jahr bleibt bei ihr hängen. Mehr als 1000 Veranstaltungen finden derzeit im Jahr statt vor 80 bis 150 Gästen – je nach Größe der Räume, die fast immer ausverkauft sind.

Krimis dominieren das Geschäft

Oft finden die Krimidinner in Schlössern oder Burgen statt, um den Charme der Edgar-Wallace-Filme aus den 1960er Jahren spürbar zu machen. „Das Publikum soll ins Spiel hineingezogen werden, sich mittendrin als Teil der Familie Ashtonburry fühlen.“ Möglichst stilechte Abendgarderobe ist deshalb erwünscht.

Wäre nicht das Finanzamt Essen, hätte sich die Selbständigkeit für Stamm auch durchgängig gelohnt. Doch die anfangs als „umsatzsteuerbefreite Theaterleistung“ eingestufte Dienstleistung wurde rückwirkend mit 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten zehrten an dem Unternehmen und führten letztliche zu sechsstelligen Steuernachforderungen plus sechs Prozent Nachforderungszinsen in Höhe von 125.000 Euro. „Da fühlt man sich alleine“, sagt Stamm. „Ich war früher arbeitslos, habe mich selbst an den Haaren aus dem Sumpf gezogen und kein BWL studiert und nicht wie Siemens und RWE eine große Rechtsabteilung.“ Anders als städtische Schauspielbühnen gibt es natürlich auch keine Subventionen.

Doch das Thema ist durch. Die Mutter von zwei Töchtern im Alter von 12 und 15 Jahren freut sich, ihre Ideen umsetzen zu können und will weiter wachsen. Ein erstes Stück gibt es nun auf englisch. Ihr Mann hat zudem die World of Dinner GmbH gegründet, um das Konzept des Krimidinners zu erweitern. So gibt es Dinner mit Abba-Musik, Udo-Jürgens-Hommage, Elvis Presley, Zauberern, im Dunkeln, zu Opernmusik und vielem mehr.

Doch die Krimis dominieren das Geschäft. Mehr als hundert Bewerber gibt es für die Castings für die neue Saison im Januar. Ungefähr 15 neue Leute werden eingestellt. Die fünf Schauspieler im Schloss Sayn leisten ganze Arbeit. Der Leichenschmaus ist voll von Humor und Situationskomik und am Ende wird nicht nur Lady Ehrenberg aus dem Publikum zur stilechtesten Besucherin gewählt, sondern auch noch der Mörder seiner Tat überführt. Wer es ist, wird hier natürlich nicht verraten.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Mohr
Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.
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