<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Aus dem Kopf unters Mikroskop, 2017 · Foto: Tabea Seufert

Bilder der Wissenschaft

Von UTA JUNGMANN
Aus dem Kopf unters Mikroskop, 2017 · Foto: Tabea Seufert

23.02.2018 · Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein machen aus wissenschaftlicher Arbeit Fotografien. Fünf von ihnen erzählen: Von ihren Motiven, der Hilfe von Max-Planck-Forschern – und brotloser Kunst.

A ls Fotograf hat Nikolaus Brade oft vor der Aufgabe gestanden, eine wissenschaftliche Arbeit im Bild darzustellen. „Dabei gilt es, die Übersetzung für einen schwerverständlichen Prozess zu finden“, sagt der Dozent an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Die Erfahrung brachte Brade auf die Idee, seine Studierenden in den Austausch mit Wissenschaftlern treten zu lassen. Aus Gesprächen am Max-Planck-Institut (MPI) für ethnologische Forschung in Halle und am MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben die Nachwuchsfotografen Fragestellungen für die Bilder ihres Semesterprojekts entwickelt. Daraus wurde „Flurgold“, eine Ausstellung der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt. Die Kernfrage: Wie passt Wissenschaft in ein Foto?


Im Stil einer Reportage hat Tabea Seufert fotografiert, Bachelor-Studentin im 7. Semester Kommunikationsdesign.

Ihre Arbeit zeigt den Weg vom Gehirn im Ganzen bis zum Gewebsbild im Schnitt. Die 23 Jahre alte Berlinerin sagt: „Ich habe nie verstanden, wie Gewebsbilder vom Gehirn in Biologiebücher kommen. Deshalb wollte ich wissen: Was muss an Arbeitsschritten vorab passieren, damit ich solch eine Aufnahme machen kann? Am Leipziger MPI habe ich verfolgt, wie Histologen dafür das Gehirn immer weiter in Scheiben schneiden, bis sie eine hauchdünne haben – und sogar in die zoomt der Fotograf noch ganz stark hinein. Für mich war es nicht eklig, die Bilder zu machen. Vielleicht, weil ich weiß, dass sich das Gewebe genauso im Kopf wiederfindet. Als das Gehirn in einzelne Scheiben aufgefächert wurde, habe ich auch gemerkt: Je kleinteiliger es wird, desto mehr verliert man beim Betrachten den Bezug zum menschlichen Gehirn. Das Sezieren war wie eine sich öffnende Tür: Was sehe ich Neues, wenn ich da durchgehe?“

Aus dem Kopf unters Mikroskop, 2017 Foto: Tabea Seufert

Noch größer als ihr Forscherdrang sei ihre Leidenschaft für die Fotografie, die hatte schon ihr Vater. So habe sie Kommunikationsdesign gewählt, weil der Studiengang auch viel Fotografie beinhaltet. Zugleich habe er sie nicht gleich auf ein Gebiet festgelegt. Sie wolle Grafikdesign später mal so stark wie möglich mit der Fotografie verbinden. Auch die Sorge, womöglich eine brotlose Kunst zu studieren, werde immer geringer. „Ich habe viele Kontakte und bereits kleinere Auftragsarbeiten erledigt, wie die Gestaltung eines Logos oder eines Plakats“, sagt sie. „Dass ich reich werde, darum geht es mir ja nicht. Ich möchte mit dem zufrieden sein, was ich mache, und dahinterstehen.“


Anja Eilert, 27 Jahre, hat nach ihrem Bachelor in Textildesign ein Gast-Semester im Fach Fotografie eingelegt, bevor sie ihren Master angeht.

Die in Brandenburg an der Havel geborene Frau sagt zu ihren abstrakten Darstellungen: „Für mein Projekt habe ich mich gefragt: Wie kann ich eine wissenschaftliche Arbeitsweise an einer Kunsthochschule übersetzen, in meinen Möglichkeiten? Und wie wirkt sich eine nach festen Parametern abgearbeitete Versuchsreihe auf das Fotomaterial aus? Als Ausgangsstoff habe ich den Rollfilm für eine Mittelformatkamera gewählt. Der hat eine Schutzhülle mit beschichtetem Papier und lässt sich gut unterschiedlichen Einflüssen aussetzen. Dazu habe ich nach einem Motiv gesucht, das recht ruhig ist und Platz für Veränderungen bietet, die Strommasten mit viel Himmel im Hintergrund. Nach der Aufnahme habe ich auf den belichteten Film eingewirkt – chemisch, thermisch oder mechanisch, etwa mit Stichen: Dafür habe ich mit einer Ahle, einer großen Nadel, auf den Film eingestochen, ihn ganz normal entwickelt und nachgeschaut, welchen Einfluss das auf das Bild genommen hat. Inzwischen habe ich so oft gehört, dass auf dem Bild mit den Stichen Schneeflocken zu sehen sind, dass ich es inzwischen auch sage. Zumal es davor geschneit hatte und tatsächlich Schnee am Boden zu sehen ist.“ Im Berufsleben hoffe sie ebenfalls auf Forschungsaufgaben zu Materialien – „zumal ich im Textildesign schon Hiwi-Stellen in Projekten zu natürlichen Farbstoffen hatte.“ An gute berufliche Chancen glaubt sie allemal: „Auch andere Master-Absolventinnen haben sich ins Zeug gelegt und gute Jobs bekommen. Sie sind nicht verlorengegangen.“

Strommast, 2017/2018 Foto: Anja Eilert

Nach menschlichen Spuren auf digital erstellten Landkarten hat Tim Bruns gesucht. Nach dem Bachelor und einem Jahr Assistenz bei einem Fotografen in Japan strebt der 29 Jahre alte Bruns den Master im Fach Fotografie an.

Er studiert im zweiten Semester, stammt aus dem Harz und sagt über sein Projekt: „Ausgehend von Techniken wie Google Street View, habe ich mich mit menschlichen Relikten auf den Karten digitaler Dienste befasst. Solche Reste stammen von Kamerafehlern, wenn etwa die 360-Grad-Ansicht an Grenzen stößt und dadurch Formen variiert und verformt werden. Heute sorgt die digitale Fotografie für Menschheitsfunde in Landkarten, so wie es früher Knochenfunde gab. Auf der Suche nach den Resten habe ich Street-View-Aufnahmen nahe von Orten in Afrika gesichtet, wo Anthropologen einst auf menschliche Knochen gestoßen sind. Die Suche dauerte ewig, über Wochen, denn ich musste mir die Aufnahmen sehr genau anschauen. Durch Zufall bin ich schließlich auf den Fingerzweig gestoßen. Ich habe ihn deshalb nach seinen Fundort-Koordinaten benannt, obwohl die Gotteshand Michelangelos meine erste Assoziation dazu war. Schwierig war an meinem Projekt vor allem eine Form zu finden, wie man mit solchen digitalen Funden umgeht und sie darstellt.“

Und die berufliche Zukunft? „Ich überlege schon länger, mit welchen Mitteln sich Kunst machen lässt. Die Fotografie ist ein schwieriges Medium, bei dem ein Bild oft nicht ausreicht. Ich hoffe, im Masterstudium die angemessenen Mittel zu finden, mich mit den interessanten Dingen in der Welt auseinanderzusetzen. Zwar besteht die Gefahr, dass man etwa mit Fragen, was das Digitale mit dem Menschen macht, später bei einer brotlosen Kunst landet – vor allem, wenn man an Familie denkt, ist das im Hinterkopf. Ich hoffe dennoch, eigene Projekte verfolgen zu können, die über reine Dokumentation und Auftragsarbeiten hinausgehen.“

Novae Terrae, 2017 Foto: Tim Bruns

Florian Fäth aus Göttingen, 30 Jahre alt, hat einen Bachelor in Architektur und studiert im 2. Mastersemester Fotografie. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit Aufnahmen zu Baudokumentationen.

Doch nun hat er sich mit dem Spannungsverhältnis von Religion und Wissenschaft beschäftigt. Fäth sagt: „Religionen haben immer eine Grenze, die von der Wissenschaft durchstoßen wird: Zum Beispiel hat die Religion die Erde lange Zeit als Zentrum des Universums gesehen und wurde später von der Wissenschaft widerlegt. Deshalb hebt mein Triptychon zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Menschen die Wissenschaft gegenüber der Religion hervor. Aber das ist nur meine Sicht: Ich frage den Betrachter, ob er das genauso sieht und ob er bereit ist, sein Verhältnis zur Religion zu überdenken. Der linke Flügel meiner Collagen zeigt die Schöpfungsgeschichte mit einem umgekehrten Himmel, als würde er ausgeschüttet. Dem stehen als Detail zwei Schafe am unteren Bildrand gegenüber – eins steht für das Lamm Gottes, das andere für das Klon-Schaf Dolly. Denn: Auch Forscher sind mit dem Klonen nun in der Lage, Leben zu erschaffen und wie ein Schöpfer gottgleich zu werden. Später soll die Architekturfotografie mein kommerzielles Standbein bleiben. Dafür schaue ich: Was lässt sich aus der Kunst herauszuziehen, so dass nicht nur einfach Gebäudeaufnahmen entstehen, sondern solche mit einer eigenen Bildersprache? Im Studium laufen die Dinge jetzt parallel: Ich habe Lust an der Kunst und am Ausstellen gefunden. Zugleich entwickelt sich aus den Kunstprojekten meine Bildersprache für die Architekturfotografie heraus.“

heri – hodi – cras, 2018 Foto: Florian Fäth

Anna Martynenko, 23 Jahre, stammt aus der Ukraine und studiert im 1. Mastersemester Fotografie.

Sie erläutert ihr Projekt: „Für mich ist Wissenschaft die Psychologie. Ich habe daher Bücher zu Farben und Emotionen gelesen. Spannend war für mich, dass jede Farbe ganz verschiedene Emotionen auslösen kann: Ich mag zum Beispiel Blau, weil es mich ruhig macht. Bin ich aber traurig, macht mich das Blau noch trauriger, weil es so kühl wirkt. So nimmt umgekehrt unsere Stimmung Einfluss darauf, wie wir Farben empfinden und aufnehmen. Für mein Projekt habe ich zwei Emotionen einer Farbe des Regenbogens zugeordnet, nach den Vorgaben aus den Büchern: zur Farbe Rot etwa Leidenschaft und Grimm. Mein Model, eine Tänzerin, hat den passenden Ausdruck dazu vorbereitet, frei nach ihrem Empfinden. Vor Ort stellte ich sie vor einen roten Hintergrund und spielte die entsprechende Musik zur Emotion, damit sie sich besser einfühlen konnte. Sie legte los, und den Rest habe ich mit Photoshop erledigt. Später würde ich gerne ein Kreativ-Studio aufmachen, mit Schreibern, Grafikern und Fotografen – zur Gestaltung von Büchern, Magazinen oder für Mode-Aufnahmen. Über Jahre dachte ich ja, das sei brotlos mit meiner Fotografie. Zumal ich aus einem armen Land komme und keine reiche Familie im Hintergrund habe. Trotzdem wollte ich nach meinem Bachelor im Tourismus bloß fotografieren. Das ging und geht finanziell: Ich arbeite nebenher frei für ein Studio in Berlin und auf Anfrage für Designer in der Katalog- und Modefotografie. Davon kann ich leben.“

Farben der Emotionen, 2017/2018 Foto: Anna Martynenko

Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Die Kunsthochschule Burg Giebichenstein liegt bei Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt. Sie hat eine lange Tradition und ist im Jahr 1915 aus der Gewerblichen Zeichen- und Handwerkerschule der Stadt Halle hervorgegangen. Die rund 1100 Studenten können dort in den Fachbereichen Kunst und Design studieren. Sie schließen ihr Studium in den Designstudiengängen mit Bachelor- und Mastergraden ab, in den Kunststudiengängen mit dem Diplom und im Lehramtsstudiengang mit dem ersten Staatsexamen. Rektor der Kunsthochschule ist Dieter Hofmann.

Die Ausstellung „Flurgold“ ist noch bis zum 25. Februar 2018 in der Kunsthochschule Burg Giebichenstein zu sehen. Am Sonntag um 16 Uhr gibt es die Möglichkeit einer geführten Ausstellungsbegehung. Burg-Studentin Laura Meltke (Kunst/Lehramt), die den Entstehungsprozess der einzelnen Arbeiten der Flurgold-Präsentation mitverfolgt hat, bietet die Möglichkeit, mit ihr über die ausgestellten Arbeiten in einen besonderen Dialog zu treten.
Quelle: F.A.Z.