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Interview BWL-Professorin

„Junge Männer reden ständig über Kinder“

Von Georg Meck
 - 12:27

Frau Achleitner, Sie waren Deutschlands jüngste Professorin.

Das wurde öfters geschrieben, aber ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob es stimmt, ich habe das nie überprüft...

Jedenfalls haben Sie als BWL-Professorin die Macher von morgen im Blick. Was taugt der Nachwuchs?

Das Auffälligste ist die Neigung, etwas Eigenes gründen zu wollen. Sehr viele junge Menschen drängt es in die Startup-Welt, zumindest in meinem direkten Umfeld unter den Studenten an der TU München. Früher war das ein Nischenphänomen, heute sehe ich eine breite Begeisterung dafür.

Was ist die Ursache dafür? Vorbilder wie Oliver Samwer oder die Zalando-Gründer?

Ein Grund ist der technologische Umbruch. Die jungen Leute merken, das bietet Chancen, etwas Eigenes zu gestalten. Verstärkt wird das durch die Bemühungen der Universitäten mit Gründungszentren und Ähnlichem. Außerdem verliert die klassische Karriere als Manager in einem Großkonzern an Attraktivität.

Bevor das mittlere Management sie verschluckt, versuchen die jungen Leute lieber was Eigenes?

Die Freiheitsgrade spielen sicher eine Rolle, der gefühlt größere Einfluss des Einzelnen in der Start-up-Welt. Dazu kommt, dass diese Generation eine andere Vorstellung hat von dem, was sie erwartet von ihrem Leben.

Zur Freiheit gehört, zu sagen: Ich mache mir’s gemütlich, gönne mir ein Sabbatical oder reise in der Elternzeit mit der Familie um die Welt.

Diese Unterstellung kommt von Ihnen. Wahr ist: Das Bewusstsein hat sich in den vergangenen zehn Jahren komplett geändert, das merke ich an meinen Assistenten. Die haben eine völlig andere Einstellung, wer sich um die Kinder kümmert. Elternzeit für Väter ist absoluter Alltag, man kann förmlich dabei zugucken, wie sich die Lebensentwürfe in diese Richtung ändern.

Der karrierefixierte Macho ist ausgestorben?

Anspruch der Paare ist es, die Kindererziehung gemeinsam zu tragen. Die Männer reden heute auch viel mehr darüber. Wenn meine Assistenten zu Mittag essen, wird sehr viel über Kinder geredet. Das war früher nicht so.

Bei Ihnen lief es traditioneller. Sie haben Ihren Lehrauftrag reduziert – der drei Kinder zuliebe.

Richtig. Die Kinder stehen an erster Stelle, das ist so. Und ich bin froh, dass der Freistaat Bayern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an den Universitäten ermöglicht und die TU München dies auch voll unterstützt. Viele Jahre hatte ich eine 50-Prozent-Stelle, vor vier Jahren bin ich auf 20 Prozent gegangen.

Wie teilen Sie Ihre Arbeitszeit auf?

Die Hälfte der Zeit bringe ich für berufliche Tätigkeiten außerhalb der Universität auf, zu denen auch meine Aufsichtsratsmandate gehören, 20 Prozent gehen an die Uni. 30 Prozent sind Familienzeit.

Begonnen haben Sie Ihre Karriere bei McKinsey, damals war Berater ein Traumberuf. Ist das vorbei?

Beratung finden immer noch viele sehr spannend. Was eindeutig abgenommen hat, ist der Drang, ins Investmentbanking zu gehen, bei uns in Deutschland mehr als überall sonst. In Großbritannien steht der Investmentbanker noch immer weit oben auf der Liste der Berufswünsche, in Deutschland nicht.

Woran liegt das?

Abgesehen vom Image haben die jungen Leute, die sich für Geld und Finanzierung interessieren, heute mehr Auswahl, die Finanzindustrie ist weiter gefächert. Private-Equity-Firmen suchen Nachwuchs, auch Großunternehmen, die eigene Wagniskapitalfonds auflegen. Und dann lockt die Start-up-Welt.

Die Umfragen dazu sind widersprüchlich: Mal drängen die jungen Leute angeblich alle in den Staatsdienst, dann wollen alle zu Start-ups, also zum genauen Gegenteil. Wie passt das zusammen? Wir sind verwirrt.

Das passt insofern zusammen, als es beide gesellschaftliche Trends gibt. In einer Karl-Marx-Biographie habe ich gerade gelesen, dass zur Zeit der Industriellen Revolution 50 Prozent der Abiturienten das Priesteramt anstrebten. Sie sehen, widersprüchliche gesellschaftliche Tendenzen können sich gleichzeitig ereignen.

Wie wichtig ist heute der Wunsch, reich zu werden als Antrieb?

Die Studenten, die hier an der TU München BWL studieren, die treibt mehr die Technologie. Insofern haben wir hier eine spezielle Vorauswahl. Die Studenten kommen über die Innovation zum Unternehmertum, wobei Start-ups beides brauchen: Techniker wie Betriebswirte, die auf den Markt schauen.

Muss jeder Student Coden können? Lernen auch Sie Programmieren?

Ich würde es gerne richtig können, kann es aber leider nicht. Wichtig für uns als Betriebswirte ist die Fähigkeit, technologische Möglichkeiten in Geschäftsmodelle umzusetzen. Man muss möglichst früh erkennen, was möglich ist. So wie Peter Thiel, der Paypal- und Facebook-Investor. Der ist auch kein Informatiker, sondern hat in Stanford Philosophie und Jura studiert.

Gehört technisches Grundverständnis heute zur Grundkompetenz?

Zumindest sollte das Interesse da sein. Die Zukunft wird dominiert von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Dem muss man offen gegenüberstehen oder noch besser es verstehen, um ein bestehendes Geschäft zu bewahren und neue Möglichkeiten zu erkunden.

Selbst Traditionskonzerne gieren nach dem Start-up-Spirit. Die einen stellen dazu besprühte Container auf den Hof, die anderen kaufen junge Firmen auf: Was bringt mehr?

Für die deutsche Volkswirtschaft wäre es wichtig, dass heimische Großkonzerne junge Unternehmen erwerben – und die nicht von Ausländern aufgekauft werden. So läuft es viel zu oft. So gingen zwischen 2012 und 2016 insgesamt 44 Prozent aller jungen europäischen Unternehmen, die verkauft wurden, nach Amerika. Das geht uns verloren. Die Innovationen, die wir entwickeln, sollten auch die Unternehmen hier produzieren, sonst wandert die Technologie ab.

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Woran liegt das? Sind die Großkonzerne blind, oder fehlt ihnen das Geld?

Das ist eine Frage der Kultur: Deutsche Großkonzerne haben traditionell lieber selbst geforscht und entwickelt, Amerikaner nicht.

Sie sitzen im Aufsichtsrat von drei Dax-Konzernen: Deutsche Börse, Munich Re, Linde, dazu kommt das Mandat im französischen Energiekonzern Engie: Wie viel geht da noch? Fähige Frauen sind überall gefragt.

Mein Zeitbudget ist aufgebraucht. Und ich habe für mich klare Regeln: Wenn ich neue Aufgaben annehme, trete ich an anderer Stelle kürzer.

Wie hoch ist der Effizienzgewinn, dass Sie mit Ihrem Mann Paul Achleitner – er ist Oberaufseher der Deutschen Bank – und drei weiteren Topmanagern eine Büro-WG in München unterhalten. Zusammen mit Michael Diekmann, Joachim Faber, Peter Löscher kontrollieren Sie ein Drittel aller Dax-Konzerne.

Das Wort „Effizienzgewinn“ streichen Sie bitte, weil es eine Zusammenarbeit unterstellt, die nicht ansatzweise existiert: Wir verhalten uns professionell, seien Sie sicher.

In Ihrer WG schlägt nicht das heimliche Herz der deutschen Wirtschaft, wie manche glauben?

Unsinn. Wir unterhalten dort eine professionelle Bürogemeinschaft, sprich wir teilen uns zwei Büroetagen. Jeder von uns koordiniert seine Mandate für sich. Akten werden voneinander weggeschlossen, jeder hat seine IT, die Vertraulichkeit wird gepflegt und gelebt.

Keine Plaudereien in der Kaffeeküche über den nächsten Deal, den nächsten CEO?

Sie wären maßlos enttäuscht, wenn Sie die Bürogemeinschaft live erleben würden.

Weil die wirklich wichtigen Dinge das Powerpaar Achleitner am Abendbrottisch regelt?

Ach, hören Sie auf. Es soll auch Ehepaare unter Journalisten, Juristen oder Medizinern geben, die auch zu Quellenschutz und Vertraulichkeit verpflichtet sind.

Das Wort Powerpaar mögen Sie nicht, richtig?

Gar nicht. Mein Mann und ich sind ein Ehepaar. Das bestätige ich. Der Rest ist privat.

Dann zum Beruf: Wie wichtig ist für Manager ein Netz an Kontakten?

Gemeinsame Erfahrungen und das daraus erwachsene Vertrauen sind immens wichtig, wie Sie am besten in Amerika sehen: Viele der großen Gründungen kommen von Leuten, die zusammen studiert, schon mal zusammengearbeitet haben – diese Nähe trotz Wettbewerbs und Professionalität ist ein tragendes Element des Ökosystems im Silicon Valley. Da herrscht in dem Punkt eine ganz andere Einstellung als bei uns.

Hier ist ein Netzwerk verdächtig, anstößig, im Amerika gehört es dazu.

Nein, es gehört nicht nur dazu: Es ist ein wesentlicher, als positiv empfundener Faktor. Nehmen Sie die viel bewunderte Gruppe, die einst Paypal gegründet hat, diese Leute sind hinterher ausgeschwirrt, um eigene Sachen voranzutreiben. So kam es zu Linkedin, Youtube, Tesla, Palentir und vieles andere mehr. Immer wieder treffen diese Menschen zusammen, privat wie geschäftlich. Das ist ein absolutes Kennzeichen der Finanzierungsstrukturen in Kalifornien. Mit deutscher Brille würden Sie das vollkommen anders bewerten.

Wir haben auch Netzwerke, etwa unter McKinsey-Leuten.

Aber das Wort Netzwerk ist bei uns anders belegt, man denkt dabei an Kontakte, womöglich Kungeleien. Meine anderthalb Jahre bei McKinsey waren aber nicht wesentlich für mich, weil ich heute mit irgendjemand vernetzt bin, sondern weil ich Dinge mitgenommen habe aus dieser Zeit, die mich geprägt hat.

Was ist so prägend an McKinsey?

Als erstes die offene Diskussionskultur: Man tauscht sich über eine Sache aus, unabhängig von Dingen wie Hierarchie, und hat sogar Spaß dabei, weil man lernt und es zu besseren Lösungen führt. Außenstehende finden das womöglich befremdlich; zu hart, zu direkt – dabei wird jedoch zwischen Person und Sache getrennt. Diese Kultur ist für mich ganz wesentlich, die habe ich am Lehrstuhl immer gefördert.

Ist McKinsey der beste Start für eine spätere Vorstandskarriere?

Bei weitem nicht jeder Ex-Mecki wird hinterher Vorstand, ich bin beispielsweise einen vollkommen anderen Weg gegangen, so wie es eine ganze Menge Professoren mit McKinsey-Hintergrund gibt. Bei mir ist diese Station jetzt mehr als 20 Jahre her, trotzdem habe ich mir etliche Sachen bewahrt, zum Beispiel das Recruiting. Ich stelle bis heute Assistenten so ein, wie ich es bei McKinsey schätzen gelernt habe.

Nämlich wie?

Gemeinsam in der Gruppe. Mein Team macht Vorschläge, wen wir nehmen sollen, ich habe ein Vetorecht, am Ende müssen wir uns einigen, denn wir entscheiden zusammen. So kommen nur neue Leute rein, auf die wir uns alle freuen und jeder sagt: Jawohl, mit der oder mit dem will ich zusammenarbeiten. Das ist die beste Grundlage.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Quelle: F.A.S.
Georg Meck
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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