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Christine Hohmann-Dennhardt

Frau Ausgerechnet

Von Susanne Preuß
 - 06:00
Harmonie ist nicht entscheidend: Christine Hohmann-Dennhardt hat sich nie hinter den Paragraphen verkrochen. Bild: Röth, Frank

Eine Quotenfrau. Es mangelte nicht an Kritik, als vor gut einem Jahr Daimler-Chef Dieter Zetsche für das neue Vorstandsressort Recht und Integrität Christine Hohmann-Dennhardt nominierte.

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Eine Linke mit SPD-Parteibuch: ausgerechnet im Machtzentrum von Daimler, wo Statussymbole auf Räder gesetzt werden! Eine ehemalige Verfassungsrichterin, die gegen den Großen Lauschangriff plädierte: ausgerechnet in dem Stuttgarter Autokonzern, der auf Geheiß der amerikanischen Börsenaufsicht SEC endlich dafür sorgen soll, dass alles mit rechten Dingen zugeht! Eine Frau, die niemals in der Privatwirtschaft tätig war: ausgerechnet in einem der größten deutschen Konzerne mit 260 000 Mitarbeitern! Eine BMW-Fahrerin: Ausgerechnet in diesem Tempel von Ingenieuren, wo bisher nur Zutritt erhielt, wer glaubhaft den Eindruck erweckte, jede einzelne Schraube in einem Mercedes zu kennen.

Ihr Weg scheint auf den ersten Blick verworren

Christine Hohmann-Dennhardt lächelt alle Zweifel weg. Sie kennt das. Harmonie ist nicht maßgeblich für sie, sondern Gerechtigkeit. Aus diesem Blickwinkel wirkt ihre Berufung in den Vorstand von Daimler wie die Krönung eines Berufswegs, der auf den ersten Blick etwas verworren erscheint: Sozialrichterin war sie, dann Sozialdezernentin in Frankfurt in der Ära von Volker Hauff, Justizministerin und später Wissenschaftsministerin in Hessen im Kabinett von Hans Eichel und zuletzt Richterin am Bundesverfassungsgericht. „Meine Leitmotive waren immer dieselben: Ungerechtigkeiten ausgleichen, Respekt vor Menschen und klare Marschrouten, an die man sich halten kann“, sagt Christine Hohmann-Dennhardt.

An ihrer neuen Wirkungsstätte hat sie längst klargemacht, dass es dazu nicht notwendigerweise zusätzlicher Regeln bedarf, sonst werden Entscheidungen hinausgezögert aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Stattdessen wünscht sie sich, dass die Daimler-Mitarbeiter einem inneren Kompass folgen können, der ihnen sagt, was recht ist und was nicht. Diesen Kulturwandel herbeizuführen ist eine Herkules-Aufgabe, dessen ist sich Christine Hohmann-Dennhardt bewusst. Wenn ihr Dreijahresvertrag im Februar 2014 ausläuft, ist sie fast 64 Jahre alt, also gilt es die Zeit zu nutzen: „Ich will das Amt ausfüllen, vom ersten bis zum letzten Tag.“

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Politisch interessiert und engagiert

Das Mitmischenwollen liegt ihr im Blut. Der Großvater, ein Stuhlmacher, war als Gewerkschaftsführer und Abgeordneter des Sächsischen Landtags von den Nazis verhaftet worden, der Vater, ein Maurermeister, floh bald nach ihrer Geburt aus der DDR, um einer Verhaftung zu entgehen. „Das war schon prägend: die Frage, warum wir dort weggegangen sind“, erinnert sich Christine Hohmann-Dennhardt: „Ich bin mit politischen Diskussionen aufgewachsen.“ Harmonisch war auch das nicht immer. Während der Vater wegen der Ostpolitik aus der SPD austrat, fühlte sie sich zu der Politik von Willy Brandt hingezogen: „Mehr Demokratie wagen: Das hat mir imponiert.“

Damit war sie bestens gewappnet, als sie nach dem Abitur 1968 an der Universität Tübingen mitten in die Studentenproteste geriet. Sie mischte mit, als eine Gruppe von Studenten eine eigene Staatsrechtsvorlesung organisierte, und sie mischte unversehens auch offiziell mit, als Fakultätsbeauftragte für die Studienreform, Seite an Seite mit jenen Repräsentanten, die das Ziel der Studentenproteste waren.

Die Liebe brachte die Studentin zu ihrem späteren Arbeitsschwerpunkt. Ihr heutiger Ehemann Eckart Hohmann (seit 1992 Präsident des Hessischen Statistischen Landesamts), den sie zu Beginn des Studiums kennengelernt hatte, schien ihr in Sachen Staatsrecht so überlegen, dass sie sich der Konkurrenz nicht aussetzen wollte, sondern sich lieber auf Arbeits- und Sozialrecht konzentrierte. Den Praxisbezug lieferten ihr Seminare, die sie als Stipendiatin der Stiftung Mitbestimmung absolvierte, und wiederum die Gespräche mit ihrem Vater, der als Gewerkschafter so manche größere Betriebsstilllegung zu begleiten hatte.

Anfangs ging ihr Gehalt direkt an die Kinderfrau

Ihrem Doktorvater Manfred Weiß folgte sie nach Frankfurt ans Institut für Arbeitsrecht. Die Freiheiten, die ihr der Universitätsalltag ließ, waren gerade groß genug, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, als 1978 Tochter Sarah zur Welt kam und zwei Jahre später Sohn Moritz. „Morgens war ich früher an der Uni als die meisten anderen, dann blieb ich bis 14 oder 15 Uhr und nahm mir Arbeit mit nach Hause oder gab abends noch Seminare“, erinnert sie sich an die Zeit. „Mein Gehalt ging für eine Kinderfrau drauf.“ Manche Vorhaltung musste sie in den ersten Jahren über sich ergehen lassen, dass sie die Kinder vernachlässige.

Später waren es die Kinder, die sich Vorhaltungen machen lassen mussten, der Mutter wegen, die – nach Stationen an verschiedenen Sozialgerichten und zuletzt als Direktorin des Sozialgerichts Wiesbaden – in die Politik gewechselt war. Als Sozialdezernentin der Stadt Frankfurt rückte sie plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit. Wenn die Kinder mit der Mutter ins Theater gingen, dann mit dem Versprechen, sich in der Pause entfernen zu dürfen, berichtet Hohmann-Dennhardt schmunzelnd.

Später wurde es noch heikler, denn als Justizministerin blies ihr ein kräftiger Wind entgegen. Reihenweise brachen damals Häftlinge aus Gefängnissen aus, die RAF verübte einen Anschlag auf den Gefängnisneubau in Weiterstadt, in Schwalmstadt wurde ein Häftling befreit, indem ein Schützenpanzer durchs Gefängnistor rauschte, den Kumpel auflud und davonfuhr. „Wie will man ein Gefängnis davor schützen, dass ein Panzer reinfährt?“, ereifert sich Hohmann-Dennhardt noch heute über die „angeheizte Diskussion“ einschließlich des Umstands, dass damals kaum thematisiert wurde, wie einfach es offenbar gewesen sein musste, der Bundeswehr einen Panzer zu entwenden.

Drohungen, Rücktrittsforderungen, Untersuchungsausschuss – all das kennt Christine Hohmann-Dennhardt aus jenen Jahren. „Mama, lass dich nicht niederdrücken“, sagten die Kinder. Rücktritt kam für sie nicht in Frage: „Meine Haltung war: Das musst du meistern.“ Von Pflicht spricht Hohmann-Dennhardt und von Verlässlichkeit. Der Parteiräson beugte sie sich, als sie in der nächsten Legislaturperiode Wissenschaftsministerin werden sollte, obwohl ihr das zunächst gar nicht behagte. Ein Angebot, in die Juristerei zurückzukehren, schlug sie aus, aber es gab ihr Rückhalt: „Ein beruflicher Background ist gut, damit man sich nicht alles gefallen lassen muss“, sagt sie und schiebt nach: „Und damit meine ich nicht nur die Opposition.“

Zuhören, beobachten und die Dinge verständlich machen

Mit dem Ruf ans Bundesverfassungsgericht 1998 musste die streitbare Politikerin schlagartig umschwenken auf politische Enthaltsamkeit. Sie war noch voll im hessischen Landtagswahlkampf, auf Platz 2 der SPD-Landesliste, als sie plötzlich nach Karlsruhe berufen wurde, wo sie achtgeben musste, nicht wegen parteipolitischer Äußerungen für befangen erklärt zu werden. Hinter den Paragraphen verkrochen aber hat sie sich nicht, wenn über gleichgeschlechtliche Paare und alleinstehende Mütter, über heimliche Vaterschaftstests oder die Rechte von Transsexuellen zu urteilen war.

„Ich halte es für wichtig, Dinge verständlich zu machen und zu erklären, wie man als Verfassungsrichter zu einer Entscheidung kommt“, sagt sie. „Wenn man das aber nach außen trägt, ist man automatisch im politischen Feld.“ Wenn sie etwas will, dann kann die zierliche, oft distanziert wirkende Person sich in Rage reden. Aber auch das Anschleichen hat sie gelernt in all den Jahren in der Politik und der Justiz: „Wenn man sich in ein Gremium einbringen will mit möglichst viel von dem, was man für wichtig hält, dann muss man die Bedürfnisse der anderen wahrnehmen und deren Akzente“, rät sie.

Zuhören und beobachten war daher erste Pflicht im neuen Job als Daimler-Vorstand, und darüber hat sie zu allen anderen Vorständen eine gute, zu manchen eine herzliche Beziehung entwickelt. Der Vater wäre wohl stolz, wie sie sich in dieser Männerrunde behauptet, so wie schon von Beginn an, als sie in Tübingen nur eine Handvoll Frauen unter 200 Studienanfängern waren. Er hätte es zwar lieber gesehen, wenn sie Grundschullehrerin geworden wäre – wenn schon unbedingt studiert werden musste. „Aber er hat mir nie im Weg gestanden“, lobt Hohmann-Dennhardt, wie auch sie und ihr Mann den eigenen Kindern keine Vorschriften machten. Nun ist die Tochter Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Sohn Schreiner. „Wir haben immer gesagt: Mach, was dir Spaß macht und was dir liegt, sonst trägt das nicht ein ganzes Berufsleben.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... Muße beim Frühstück und dann einem „Packen wir’s an!“.

Die Zeit vergesse ich ...

... beim Bücherlesen oder Schwimmen im Meer.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will ...

... muss Menschen mögen und glaubwürdig, standfest und hartnäckig sein.

Erfolge feiere ich ...

... am liebsten mit denen, die dazu beigetragen haben, und im Bewusstsein: Es muss nicht immer so gut kommen.

Es bringt mich auf die Palme ...

... wenn Menschen Besserwisser, Egoisten, Selbstbeweihräucherer sind und die Augen vor der Not anderer und der sozialen Schieflage in der Welt verschließen.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... mit dem Kopf durch viele Wände.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... Doch, ich würde, nur dann vielleicht andere Fehler machen, allerdings nicht mehr den, Fremdsprachen zu vernachlässigen.

Geld macht mich ...

... unabhängig und abhängig zugleich. Ich versuche, mir dieser Ambivalenz bewusst zu sein.

Rat suche ich ...

... bei denen, die mir zugetan sind, sich aber dennoch nicht scheuen, mir ehrlich ihre Meinung zu sagen.

Familie und Beruf sind ...

... in ihrer Verbindung mein Anker und meine Freude.

Den Kindern rate ich ...

... sich selbst zu entdecken, offen und neugierig zu sein und sich mit Mut den Herausforderungen zu stellen.

Mein Weg führt mich ...

... weiter ins spannend Ungewisse bis irgendwann hin zur Endlichkeit.

Zur Person

Christine Hohmann-Dennhardt wird am 30. April 1950 in Leipzig geboren. 1951 floh die flieht die Familie in den Westen.

Nach dem Abitur studiert sie Jura in Tübingen. Zweites Staatsexamen mit 24, Promotion mit 29 Jahren.

Sie arbeitet an verschiedenen Universitäten und Sozialgerichten, zuletzt in Wiesbaden, wechselt 1988 in die Kommunal- und zwei Jahre später in die Landespolitik.

Von 1999 bis 2011 ist sie Richterin am Bundesverfassungsgericht, seit dem 16. Februar 2011 Vorstandsmitglied der Daimler AG.

Quelle: F.A.Z.
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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