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Kolumne „Nine to five“

Verrückt, diese Deutschen

Von Nadine Bös
 - 23:33

Die neue Kollegin kommt aus Amerika. Vom ersten Tag an fiel sie durch die Angewohnheit auf, jeden Morgen den Flur entlangzuschreiten, den Kopf in jedes einzelne der kleinen Büros zu strecken und dem dort Sitzenden fröhlich entgegenzurufen: „Und – wie geht’s?“ Vom ersten Tag an kam die gute Frau allerdings erst sehr spät dazu, sich an den eigenen Schreibtisch zu setzen und ihrer Arbeit nachzugehen. Denn da war Frau Müller, die auf die Wie-geht’s-Frage erst einmal lang und breit darüber elaborierte, dass sie mal wieder schreckliche Bauchschmerzen habe, mal wieder beim Arzt gewesen sei, der leider nichts feststellen könne und so weiter und so weiter.

Da war Herr Meier, der ausführlich darlegte, wie schlecht er geschlafen habe. Das passiere immer, wenn Vollmond sei, irgendetwas sei da vermutlich dran, an den schlaflosen mondhellen Nächten. Er habe sogar schon mal über ein Schlafmittelchen nachgedacht. Aber nun ja, die Probleme mit der möglichen Abhängigkeit von solcherlei Pillen – das müsse ja auch nicht sein.

Die neue Kollegin nickte verständnisvoll und ging weiter zum nächsten Büro. Dort erzählte Frau Weber mit Begeisterung darüber, wie gut es ihr gehe, seitdem sie den neuen Sportkurs für sich entdeckt habe. Endlich mal wieder die Muskeln spüren, das sei ja so wichtig nach dem ewigen Am-Schreibtisch-Sitzen jeden Tag. Der Kurs koste zwar einiges, die Fitness-Studios seien ja so teuer geworden heutzutage, aber was soll’s!

„Na, alles klar?“ – „Muss“

Völlig entnervt erreichte die neue Kollegin jeden Morgen am Ende des Flures ihr eigenes Büro, ein ganzes Päckchen an Geschichten im Kopf. „Ich will doch nur höflich sein“, schüttete sie eines Tages ihrer Vorgesetzten ihr Herz aus. „Wie kommt es bloß, dass sie mir alle ständig jedes Detail aus ihrem Leben erzählen?“ Die Chefin war verwundert: „Sie sind doch selbst schuld, Sie fragen doch immer alle nach ihren Befindlichkeiten!“ Das sei nicht wahr, sagte die Kollegin, „das ist einfach nur ein netter Gruß am Morgen. Da will ich gar keine ausführliche Antwort drauf!“ Man einigte sich darauf, dass die Kollegin es am nächsten Tag mit „Na, alles klar?“ probieren sollte.

Und siehe da: „Muss“, sagte Frau Müller lediglich, als die Kollegin morgens ins Büro schaute. Herr Meier antwortete: „Logo“, und Frau Weber nickte und lächelte bloß und sagte ebenfalls: „Na?!“ – „Verrückte Deutsche“, murmelte die Amerikanerin, als sie ungewohnterweise schon Sekunden nach ihrem Eintreffen am Schreibtisch saß. Wenig später schaute die Chefin vorbei und fragte: „Na, alles klar?“ – „Nix ist mir klar“, antwortete die Kollegin.

Quelle: F.A.Z.
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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