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Serie „Anders Arbeiten“

Unser flottes Büro

Von Corinna Budras
 - 12:45

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, auch einem höhenverstellbaren Konferenztisch. Unzählige Male wurde er in den vergangenen Tagen schon hoch- und wieder heruntergefahren, seitdem er im Konferenzraum steht. Inzwischen wurde schon jede Höhe durchgespielt, selbst die Zwischengrößen. Noch immer ertönt dann ein vielstimmiges „Ah“ und „Oh“, als hätte man es nicht mit einem funktionalen Möbelstück, sondern mit einer ungewöhnlichen Kunstinstallation zu tun.

Noch ungestümer geht es zu, wenn der neue Loungebereich besichtigt wird, dabei liegt er in einer bisher eher toten Zone; in einem voll belegten Bürogebäude findet sich kein besseres Plätzchen. Dort steht nun eine strahlend grüne Sofa-Box, auf der reihum Probe gesessen wird. Es ist eindeutig das gemütlichste Stück im ganzen Haus. Für Ausrufe wahlweise des Entzückens oder der Verwunderung sorgen bunte Plastiksitze in Rot, Grün und Grau, auf denen sich reiten lässt wie auf einem Pferd. Nicht wenige Kollegen versuchen genau das. Sie beginnen schon damit, als die Handwerker noch dabei sind, die neue Arbeitswelt aufzubauen. Noch während sich die Pappkartons und Verpackungsfolien stapeln, schlittern die Hocker schon über den Teppichboden.

Das ganze Tohuwabohu haben wir „Designfunktion“ zu verdanken, einem Beratungsunternehmen für Bürogestaltung. Dort kam man nach einem Interview für unsere Serie „Anders arbeiten“ auf die Idee, testweise unsere Arbeitsräume umzugestalten. Schließlich ist die deutsche Wirtschaft gerade dem „Mock-up-Rausch“ verfallen. In den vergangenen Jahren sind etliche Unternehmen umgezogen oder haben sich grundsaniert und in Vorbereitung darauf solche temporären Pilot-Flächen eingerichtet. Etliche andere (auch diese Zeitung) haben es noch vor.

Eine wahre Managerkarawane zog in den vergangenen Jahren ins Silicon Valley auf der Suche nach der neuen Unternehmenskultur, doch das ist längst nicht alles. Inzwischen pilgern die Teams aus den Personalabteilungen dieser Republik hinterher, fahren nach Dublin in die Firmenzentralen von Google oder Airbnb, zu Bloomberg nach London, zu Merck nach Darmstadt oder zu Fraport in Frankfurt oder mieten sich in neue Co-working Spaces ein, um sich an der neuen Bürokultur zu ergötzen. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation hat einen Innovationsverbund „Office 21“ ins Leben gerufen, und Arbeitsforscher und Architekten predigen eisern, der Mensch sei flexibler als gedacht. Letztlich schöpft er aus dem Neuen Kraft, schließlich ändere sich auch in der Natur ständig etwas, wechselten die Jahreszeiten, die Temperatur, die Lichtverhältnisse und die Gerüche. Deshalb sei in Wahrheit auch die stetige Veränderung willkommen.

Hält das auch länger als ein paar Tage?

Nicht wenige Personalverantwortliche kommen von diesen Büro-Touren völlig berauscht wieder, bereit, sofort das eigene Büro umzukrempeln, hippe Großraumflächen mit Rutschen und Bällebädern einzurichten, während die Daheimgebliebenen um ihre Einzelbüros mit Yucca-Palme bangen. Und so ganz unrecht haben sie nicht, geht es doch letztlich bei der Umgestaltung auch allzu oft darum, den Drang zur Platz- und Kostenersparnis durch bunte Möbel zu vertuschen. Da stellt sich automatisch die Frage: Ist dieser Rausch gesund? Und vor allem: Hält er auch tatsächlich länger als ein paar Tage?

Das wollen wir wissen, deshalb kommen eines Tages voller Elan zwei Berater vorbei, eine Dame und ein Herr, um die Örtlichkeiten zu begutachten. Beide sind sehr höfliche Menschen, deshalb war ihnen erst einmal nichts anzusehen, als sie unseren Konferenzraum betraten. Die Dame, zuständig für Konzeption und Planung, ist die Erste, die mit der Sprache herausrückt. „Nun ja, das Ganze wirkt etwas eingefahren“, druckste sie herum. Ein alter Beratertrick? Jedenfalls zeigt er Wirkung. Automatisch geht man auf Distanz zu diesem Raum, den man doch bis dato ganz annehmbar fand: Ein großer Konferenztisch aus Holz, durchaus edel, aber unaufgeregt, dunkle Stühle, noch ganz neu, ansonsten aber zwei Arbeitsplätze im Design der guten alten achtziger Jahre. Außerdem ein überdimensionierter Drucker und kahle Wände, weil sich irgendwie nichts massentaugliches finden ließ. „Ich weiß, es ist etwas schlicht“, sage ich. „Nein, das ist es nicht“, sagen die Berater freundlich. „Schlicht kann ja sehr schön sein.“

Da kommt das Gefühl auf, beim Psychiater auf der Couch zu liegen – zusammen mit dem restlichen Team. Das ist für heutige Zeiten nichts Ungewöhnliches, in denen Büros keine schlichten Arbeitsstätten, sondern gleich ganze Lebenswelten darstellen sollen. Aber es weckt das Bedürfnis, beim Gespräch die Tür zu schließen. Dann hagelt es Fragen: Wie alt sei die Mannschaft, wie technikaffin und wie offen für Neuerungen? Wann und wie lange werde getagt, und wer nehme daran teil? Wie sind unsere Tagesabläufe sonst so? Und wie gelingt der Austausch mit dem Rest des Hauses? Dabei machen sich die Berater Notizen, nicken wissend und lächeln freundlich. Die beiden, so scheint es, haben in ihrem Leben schon viel ausgelatschte Auslegware dezent zur Kenntnis genommen.

Alleingelassen mit dem neu entfachten Spieltrieb

Dann, Wochen später, kommen die Handwerker, stellen uns den Motortisch „Tyde“ von der Möbelfirma Vitra in den Raum, dazu ein ganzes Potpourri aus Stühlen von Wilkhahn, Cor, Sedus und immer wieder Vitra. Außerdem Whiteboards, Scrum-Boards, eine „Brainstorm Pinnwand“ noch dazu diverse Drop-Hocker stapelbar und auf Rollen. Im Flur bauen sie die grüne Sofa-Box und eine blaue „Workbay“ auf, einen von einer Stellwand abgeschirmten Arbeitsplatz in kräftigem Blau.

Dann lassen sie uns mit unserem neu entfachten Spieltrieb allein. An Arbeit ist nicht mehr zu denken, am Tag darauf fließt zur Feier der neuen Räumlichkeiten der erste Sekt. Seitdem kommen die Besuche, der Tisch wird rauf und wieder herunter gefahren, die Stühle durchprobiert. Besonders schwungvolle Kollegen kommen mit eigenen Ideen, eine Pflanze hier, ein Kühlschrank dort. Wie wäre ein Getränkespender? Aus anderen Stockwerken werden Wunschlisten eingereicht. Natürlich gibt es Lästereien. Eine junge Kollegin, formal der Generation Y zuzurechnen, lästert lautstark über den „Kindergarten“, der neuerdings selbst in den Fluren der F.A.Z. Einzug findet. Der Eindruck wird im Laufe der nächsten Tage noch mehrmals wiederholt und stets für originell gehalten.

Die blaue „Workbay Focus“ ist vielen zu eng, wirkt geradezu klaustrophobisch und bleibt lange Zeit unangetastet. Es ist tatsächlich ein wenig eng dort drinnen und wirkt wie eine Durchgangsstation. Genau das allerdings soll dieses Möbelstück auch sein: Eine Möglichkeit für Mitarbeiter auf Stippvisite, sich für kurze Zeit zwischen zwei Meetings dort auszubreiten und ein paar E-Mails abzuarbeiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Plötzlich wird im Stehen konferiert, früher undenkbar

Doch alles in allem herrscht eine geradezu überschwängliche Aufbruchsstimmung, Dinge einmal anders zu tun. Plötzlich wird im Stehen konferiert, früher undenkbar. Jahrelange Lieblingsplätze werden kampflos aufgegeben. Die Diskussionen werden engagierter. Wo früher gedöst wurde, wird jetzt geplappert. Und schnell kommt die bange Frage, ob das so bleibt. Schließlich verfliegt jeder Zauber des Neuen mit der Zeit. Undenkbar, dass die Begeisterung auf Dauer anhält. Die Macht des alten Trotts ist nicht zu unterschätzen.

Deshalb verabreden wir uns mit David Uhde, Geschäftsführer des Immobilienberatungsunternehmens Re-Invent und Wissenschaftler, der schon seit geraumer Zeit erforscht, ob die schönen neuen Bürokonzepte überhaupt Wirkung entfalten und sich positiv auf die Innovationskraft von Unternehmen auswirken. Nicht ganz unwichtig in Zeiten, in denen internationale Konzerne wie Apple Milliardensummen in neue Gebäude stecken und radikale Veränderungen immer wieder für Kritik sorgen – mal explizit, mal im Verborgenen.

Uhdes Antwort ist ziemlich eindeutig: „Neue Büros haben eine sehr große Auswirkung auf die Innovationskraft und die Kreativität von Teams.“ Er macht eine simple Rechnung auf: Je stärker Unternehmen auf die individuellen Raumbedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen, desto höher seien Motivation und Produktivität. Diese variieren stark nach Tätigkeit, deshalb muss es unterschiedliche Angebote geben für den Austausch in der Gruppe und für die konzentrierte Arbeit. Und je stärker sich Mitarbeiter mit ihrer Arbeitsumgebung identifizieren, desto länger hält auch ihre Begeisterungsfähigkeit. „Das wirkt übrigens auch ansteckend“, sagt Uhde.

Dies bedeutet aber umgekehrt auch: Was sich nicht bewährt hat, muss raus. Eins vom anderen zu trennen ist allerdings die große Kunst. Deshalb greifen schon seit geraumer Zeit die Pilot-Flächen um sich. Innovation muss erst einmal erprobt und zur Not auch wieder verworfen werden. Deshalb stehen unsere Stühle und der Konferenztisch derzeit ein paar Stockwerke weiter unten im Lager. Zur Sicherheit. Man weiß ja nie, wie sich das alles noch entwickelt.

Wie geht es weiter? 22. April: Die Luxus-Büros der Zukunft
Quelle: F.A.S.
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
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