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Sozialarbeit

„Du obdachlos, ich Wohnung“

Von Ursula Kals
 - 10:00

„Wenn die Temperaturen fallen, steigen die Anfragen der Leute, die etwas über unsere Arbeit erfahren möchten. Das kriegt im Winter so eine Eigendynamik, auch die Politik wird dann nervöser“, sagt Johannes Heuser freundlich-nüchtern.

Er ist Sozialarbeiter und gewohnt, daß sich bei Presse und Passanten verstärkt Mitleid regt, wenn Obdachlose ihr eisiges Nachtlager zwischen Beton und Belüftungsschächten aufschlagen. Ließe sich der Frankfurter von großer Betroffenheit leiten, dann wäre er eine Fehlbesetzung: „Uns kommt es auf einen professionellen Umgang mit Menschen an, die auf der Straße leben“ - oder im Park und Frankfurter Stadtwald. Denn Heuser ist sogenannter „Streetworker“ des Beratungszentrums für Obdachlose in der Bleichstraße nahe der imposanten Bankentürme.

Er wartet nicht darauf, daß Gestrauchelte ihn in seinem Büro aufsuchen, sondern geht dorthin, wo diese Menschen hausen. Hausen ist nicht übertrieben, denn in und um Frankfurt leben Obdachlose auch in Grünanlagen und im Wald. Manchmal unter Plastikplanen, mitunter in aus Sperrmüll zusammengeschusterten Zelten. Regelmäßig sucht Heuser diese Menschen auf. Sie in ein bürgerliches Leben zurückzubegleiten, das gelingt keineswegs immer. Sozialarbeiter müssen solche Situationen aushalten können. „Wir versuchen alles, um Menschen wiedereinzugliedern, aber manchmal geht das nicht.“

„Menschen mit Psychosen, Depressionen und Alkoholproblemen“

Denn viele Nichtseßhafte, von denen rund zehn Prozent Frauen sind, haben große psychische Probleme, die nicht damit behoben sind, ihnen ein bescheidenes Zimmer und regelmäßiges Essen anzubieten. „Auf der Straße haben Sie Menschen mit Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Alkoholproblemen.“ Manchmal stranden diese Schicksale in Wohnheimen, meist sind das Männer zwischen 30 und 40 Jahren.

Unter ihnen nicht wenige Osteuropäer, die auf der Glückssuche im Westen scheitern. In jüngster Zeit fragen häufig abgeschobene Deutschamerikaner nach einer Bleibe, die aus den Vereinigten Staaten aufgrund von Delikten ausgewiesen worden sind, „die Amis sind da heutzutage auch bei kleinen Vorfällen rigoros“. Theoretisch ist für all jene in einer Großstadt jederzeit eine warme Übernachtungsmöglichkeit verfügbar. Theoretisch, denn die Menschen in Not stehen meist seelisch im totalen Abseits. Äußerlich ist ihnen das keineswegs immer anzusehen.

„Das klassische Bild des Berbers, der durch Deutschland zieht, ist die Ausnahme. Sie würden ganz viele Bewohner eines Männerwohnheims nicht unterscheiden von Bewohnern eines durchschnittlichen Stadtteils“, sagt der Fünfundvierzigjährige. Sein Werdegang ist für einen Sozialarbeiter nicht ungewöhnlich. Mit 17 Jahren ist er Chemiefachwerker, ausgebildet bei der Hoechst AG - „aber das hat mich eigentlich nicht interessiert“. Auf dem zweiten Bildungsweg holt er sein Fachabitur nach und studiert an der Fachhochschule Sozialarbeit. Das Studium ist beliebt, auch viele ältere Krankenschwestern sind unter den Erstsemestern. „Damals war es relativ unproblematisch, in einen akademischen Beruf hereinzukommen, das muß man ehrlich sagen.“

Wiedereingliederung von Obdachlosen

Das Studium sei zwar einerseits sehr verschult gewesen, „aber in den kleinen Seminaren wurde viel debattiert, die Scheine hat man immer irgendwie gekriegt. Heute geht das dort viel strenger zu.“ Doch Anfang der achtziger Jahre ist manches anders. „Es war eine politisierte Zeit, die Startbahn West war nur eines unserer Themen. Studium und Demos war für viele das Programm. Wir haben eher aus ideologischen Gründen in Wohngemeinschaften gelebt.“ Mit dem Studium läßt er sich Zeit, zwischendurch sind Jobs wichtiger. Oder die Fahrt mit dem Transitbus nach Portugal, wo die Clique günstig Keramik kauft und sie hier auf Flohmärkten anbietet - die Geschäftsidee funktionierte nicht so recht.

„Trotzdem war das eine schöne Zeit, auch wenn das nach Klischee klingt“, grinst er und fügt an, „Lebenserfahrung ist in unserem Job schon wichtig und vielleicht das A und O.“ Seine Diplomarbeit schreibt Johannes Heuser über Alkoholsucht und knüpft so Kontakte zum Aufnahme- und Übergangswohnheim für Männer in der Ottostraße. Inzwischen befindet sich dort ein Hotel. Angenehm ist die Bahnhofsgegend nicht, sondern eher krimikulissenreif. Hier findet er seine erste Stelle. Die Altbauzimmer teilen sich mitunter acht Männer. „Heute gibt es zwei Straßen weiter ein Nachfolgeheim mit ganz anderem Standard, es gibt Doppel- und Einzelzimmer.“

Als mittlerweile Dreißigjähriger ist er zu jener Zeit unter anderem für die Wiedereingliederung von Obdachlosen zuständig: Er vermittelt Wohnraum, hilft bei Ämtergängen, knüpft Kontakte zu Nachfolgeeinrichtungen und macht Sozialtraining - das heißt, er übt mit den Männern „Einkaufen und Freizeitgestaltung“. Also den Griff zum Obst und nicht zum Schnaps? „Äpfelkaufen, das ist unrealistisch. Wir haben Leute, die haben gar keine Zähne mehr und finden sich in einer Wohnung kaum zurecht. Ihnen fällt es schon schwer, die Heizung aufzudrehen. Das ist der Robinson-Crusoe-Effekt, man ist jahrelang draußen im wahrsten Sinne des Wortes. Du obdachlos, ich Wohnung, so funktioniert das nicht.“

„Solche Verwahrlosung beschäftigt mich schon“

Seit 1997 ist er ohnehin für die „Erstvermittlung“ zuständig und arbeitet als Streetworker in der aufsuchenden Sozialarbeit. Regelmäßige Fortbildungen gehören dazu, etwa jüngst zum Deeskalationstraining. Management spielt in der sozialen Arbeit eine große Rolle, „mir klingt das zu hochgestochen, ich rede eher von guter Organisation“. Dafür sind in der Beratungsstelle sechs Sozialarbeiter und -pädagogen zuständig. Heuser ist der richtige Mann am unruhigen Ort. „Ich finde es draußen spannender, die Arbeit ist weniger mit Sanktionen verbunden als im Wohnheim, wo strenge Regeln herrschen. Was stressig werden kann, ist das Unkalkulierbare an dem Job, denn man weiß nie, was einen erwartet.“

Mit einer Kollegin macht er zweimal wöchentlich routinemäßige Stadtgänge, geht am Brockhausbrunnen auf der Einkaufsmeile Zeil vorbei, wo sich die Punker treffen, und ist einmal die Woche bis 23 Uhr unterwegs. „Von acht bis 16.30 Uhr arbeiten, das können Sie im Sozialbereich vergessen.“ Privatleute, Mitarbeiter vom Ordnungs- oder Gartenamt melden sich bei der Beratungsstelle, wenn draußen jemand campiert. Johannes Heuser zieht dann los und bemüht sich um „Beziehungsaufbau“, wie er das nennt. Eine heikle Aufgabe. So wie bei dem Dreißigjährigen im Niddapark, der in einem vermüllten Zeltverschlag vegetierte, sich wochenlang nicht gewaschen und aus Abfallcontainern der Supermärkte ernährt hatte und die Umgebung als Toilette nutzte, „überall hingekackt hat“, wie Heuser sich ausdrückt.

„Solche Verwahrlosung beschäftigt mich schon.“ Ihn schüttelt es dann, aber nur kurz. Routiniert versucht er, dem Verwirrten eine Perspektive zu bieten. „Wir gucken, was der Mensch braucht, will und kann. Im Einzelfall regen wir eine gesetzliche Betreuung an, aber das geschieht eher selten.“ Sein liebster Arbeitstag ist der Mittwoch. In einer Schule im Bahnhofsviertel spielt er mit den Nichtseßhaften Fußball. Dem sportlichen Familienvater und Marathonläufer ist die Freude darüber anzusehen. Meist spielt der Eintracht-Fan im Sturm. „Das macht ziemlich Spaß. Es ist toll, wie Leute, die kein Körpergefühl mehr hatten, sich anstrengen und mannschaftlich was hinkriegen.“

Quelle: F.A.Z., 24.12.2005, Nr. 300 / Seite 56
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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