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Studieren im Ausland

Eine Spielwiese für Querdenker

Von Laura Dubois
 - 14:48

Wie soll man handeln? Wie kann man Veränderung umsetzen? Kann man unser System verbessern? Diese Fragen beschäftigen Madleina Spatz. Sie studiert Politik, Philosophie und Ökonomik an der Universität Witten/Herdecke. Ursprünglich wollte sie Philosophie studieren, das war ihr dann aber doch zu einseitig. „Ich dachte, es ist vielleicht interessanter, wenn man die Philosophie auf ein konkretes Problem anwenden kann“, sagt sie.

Ausschlaggebend war die Finanzkrise – wohl für viele der jüngeren Generation ein einschneidendes Ereignis. „Wie kann es sein, dass wir so ein Wirtschaftssystem haben? Das muss auch anders gehen“, sagt Madleina. Also entschied sie sich für einen interdisziplinären Bachelor, der Philosophie mit Elementen der Politik und der Wirtschaft verknüpft. Der Studiengang verspricht, gesellschaftliche Phänomene aus unterschiedlichen Perspektiven zu analysieren, sei es Globalisierung, Migration oder der Klimawandel. Das Ziel: Antworten auf diese großen Fragen zu finden.

Fachübergreifendes Angebot in Oxford

Die Fächerkombination Politik, Philosophie und Wirtschaft ist an deutschen Universitäten noch relativ unbekannt. Ursprünglich kommt „Politics, Philosophy and Economics“, kurz PPE, aus England. Schon seit 1920 wird der Bachelorstudiengang in Oxford angeboten, um junge Menschen durch fächerübergreifendes Wissen an gesellschaftliche Probleme heranzuführen. Das Besondere in Oxford ist, dass Studenten pro Woche zwei Essays persönlich mit einem Dozenten durchsprechen. „In erster Linie soll kritisches und unabhängiges Denken vermittelt werden“, erklärt Marius Ostrowski, PPE-Dozent in Oxford.

Inzwischen ist der Studiengang bekannt dafür, einen Großteil der britischen politischen Klasse auszubilden. Der frühere Premierminister David Cameron gehört dazu, auch der derzeitige Schatzkanzler Philipp Hammond und viele Abgeordnete. Aber nicht nur wer in die politische Elite aufsteigen will, geht nach Oxford: Auch in den Medien, zum Beispiel bei der traditionsreichen BBC, und in der Wirtschaft sind PPE-Alumni allseits vertreten.

Interdisziplinarität liegt auch an deutschen Universitäten immer mehr im Trend. „Die Probleme des 21. Jahrhunderts werden immer komplexer und scheren sich nicht um die Fächergrenzen zwischen den Disziplinen“, sagt zum Beispiel Professor Joachim Zweynert von der Universität Witten/Herdecke. Hier kann man seit 2011 die gleiche Fächerkombination wie in Oxford studieren. „Die Idee war, das wirtschaftswissenschaftliche Verständnis zu erweitern“, sagt Professor Dirk Sauerland, der Zuständige für den Bachelor in Politik, Philosophie und Ökonomik. „Um große gesellschaftliche Probleme wie die Finanzkrise zu lösen, muss man sowohl Wirtschaft als auch Politik verstehen. Philosophie bietet dann eine weitere Reflexionsebene.“

Studenten lernen erst einmal die Grundlagen in den drei Disziplinen. Dazu gehören Module wie Internationale Politik, Mikro- und Makroökonomie und Praktische Philosophie. Später setzen die Studenten einen Schwerpunkt in einer oder auch zwei Fachrichtungen. Maximal 35 Studenten beginnen den Bachelor jedes Jahr, unterrichtet wird ausschließlich in Seminaren. Zum Vergleich: In Oxford werden pro Jahr im Schnitt 300 Studenten für PPE zugelassen. Individuelle Tutorien wie in Oxford gibt es in Witten allerdings nicht.

Grundlagen in drei Disziplinen

Auch an der privaten Karlshochschule in Karlsruhe gibt es seit 2014 einen PPE-Bachelor. Das Modell ist ähnlich wie in Witten: Kleine Jahrgänge mit bis zu 30 Studenten, Unterricht in Seminaren, interaktives Lernen – allerdings auf Englisch. „Die Hochschule will Menschen mit hoher ethischer Sensibilität und Persönlichkeitsentwicklung ausbilden, die verantwortungsvoll agieren“, sagt Professor Michael Zerr, der Studiengangsleiter in Karlsruhe. Eigentlich sei die Hochschule eine Managementhochschule, doch es gebe mittlerweile auch Bedarf über das Management hinaus.

Das Problem sei, dass die Wirtschaftswissenschaft zu sehr in ihre Modelle verstrickt sei und den Bezug zur gesellschaftlichen Realität verloren habe. „Wir wollen die Welt nicht dem neoklassischen Homo oeconomicus überlassen“, sagt Zerr. Wo die Volkswirtschaft starre Theorien vermittelt, kann die Philosophie helfen, diese kritisch zu hinterfragen und geschichtlich einzuordnen. So soll ein besseres ethisches Verständnis auch innerhalb der freien Marktwirtschaft vermittelt werden. „Es geht uns um Interdisziplin und nicht nur um Disziplin“, sagt Zerr.

PPE-Bachelor als Studium Generale

Der PPE-Bachelor will also eine Art Studium generale sein – das mag nicht für jeden das Richtige sein. Einige Hochschulen bieten aber auch konzentriertere Zweierkonstellationen an. In Bayreuth etwa kann man seit 2001 den Bachelor „Philosophy and Economics“ auf Englisch studieren, Münster bietet seit 2005 die Option Politik und Wirtschaft an. Und an der Universität Erfurt gibt es einen Bachelor in Staatswissenschaften, der Volkswirtschaft und Politikwissenschaft kombiniert.

Wer später im Studium noch aus der eigenen Disziplin ausbrechen möchte, kann PPE auch im Master belegen. „Der Master ist vor allem für Leute, die im Bachelor genau fokussiert waren, das aber zu eng fanden“, erklärt Zweynert, Professor für Internationale Politische Ökonomie und Zuständiger für den englischsprachigen PPE-Master in Witten. Das Konzept ist ähnlich wie im Bachelor, man spezialisiert sich aber stärker in einer Fachrichtung.

Auch an der Universität Hamburg gib es einen vergleichbaren Studiengang. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München richtet sich der Master in Politik, Philosophie und Wirtschaft vor allem an Berufstätige und Führungskräfte, die ihren Horizont erweitern wollen. Der Studiengang wurde 2005 von Professor Julian Nida-Rümelin, ehemaliger Kulturstaatssekretär im ersten Kabinett Gerhard Schröders, als „kleiner Bruder von Oxford“ eingeführt. Im Studium gehe es „immer mehr um Ausbildung und immer weniger um Bildung“, sagt er. Das müsse sich ändern. „Wir möchten ehrgeizige Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen.“

Gefahr der Oberflächlichkeit?

Aber droht nicht die Gefahr der Oberflächlichkeit bei einem solchen Fächer-Mix? Es klingt schwierig, innerhalb der kurzen Studienzeit ein ausreichendes Verständnis von gleich drei Fachrichtungen zu erlangen. In Oxford wird durch die wöchentlichen Tutorien für die nötige Tiefe gesorgt, an deutschen Universitäten gibt es dieses Prinzip bisher aber nicht. „Die Gefahr der Oberflächlichkeit gibt es natürlich“, gesteht Nida-Rümelin. „Aber sie wird gebannt, da einzelne Kurse interdisziplinär sind.“ Das bedeutet, einzelne Module vereinen gleich mehrere Disziplinen. Nida-Rümelin nennt zum Beispiel einen Kurs namens „Risiko“, der philosophisch-ethische und ökonomische Ansätze vereinen will.

An der Karlshochschule kann man den Kurs „Justice“, also Gerechtigkeit, belegen, der auch nicht so leicht zuzuordnen scheint. In Witten dagegen machen Studenten ein sogenanntes Fokusprojekt, im dem sie ein aktuelles Thema aus der Perspektive der drei Disziplinen analysieren. „Unser Thema war: Europa, quo vadis?“, sagt die Witten-Studentin Madleina Spatz über ihr Projekt. Und tatsächlich seien je nach Fachrichtung unterschiedliche Lösungsvorschläge zur Zukunft Europas herausgekommen. Solche komplett fächerübergreifenden Module gebe es in Oxford nicht, sagt Oxford-Dozent Ostrowski. Dort werden die drei Fächer nebeneinander unterrichtet. Was deutschen Unis also an intensiven Tutorien fehlt, können sie durch ein innovatives Kursangebot aufholen.

Kein Privileg der Elite-Universitäten

Oxford ist bekannt als Kaderschmiede der Elite. Dazu gehört auch, dass vorwiegend Schüler aus bevorzugten sozialen Schichten angenommen werden. Ostrowski bestätigt, dass die Universität sich damit schwertue, Bewerber von staatlichen Schulen anzuziehen. Dieser wirtschaftliche Elitismus ist in Deutschland etwas weniger zu spüren, obwohl PPE vorwiegend an privaten Hochschulen angeboten wird. „Vom Elitegedanken wollen wir uns klar distanzieren“, sagt Michael Zerr über die Karlshochschule. Trotzdem bleibe ein gewisses Ungleichgewicht noch bestehen, obwohl Stipendien vergeben werden.

In Witten zahlen Studenten ihre Studiengebühren erst, wenn sie berufstätig sind und ausreichend verdienen. „Die Studenten sind aus allen sozialen Schichten. 30 Prozent sind internationale Studenten“, sagt Joachim Zweynert. In München finanzieren Studenten ihr Studium durch den Beruf, den sie parallel ausüben. Was die Studenten allerdings über ihre soziale Herkunft hinweg zu einen scheint, ist der Anspruch, die Welt in irgendeiner Form verbessern zu wollen. „Unsere Studenten sind ehrgeizige Leute. Aber nicht im Sinne von Karrieremachen, sondern sie haben eine Vorstellung, was sie verändern wollen“, sagt Zerr.

Im Berufsleben kann sich so ein breites Wissen später auszahlen. „Arbeitgeber suchen heute nicht mehr nur Spezialisten, sondern Leute mit Problemlösungskompetenz“, sagt Dirk Sauerland aus Witten. PPE solle die jungen Leute darauf vorbereiten, in einer komplexen Welt flexibel zu reagieren. Durch ihr fächerübergreifendes Wissen hätten die Studenten außerdem eine große Berufsauswahl, vor allem in der freien Wirtschaft und der Verwaltung.

Masterstudenten ändern ihre Karriereziele

Von den Studenten in Witten wechselten manche in Unternehmen, andere werden wissenschaftliche Mitarbeiter im Bundestag, in privaten Stiftungen oder auch in internationalen Organisationen. Andere entschieden sich, noch einen Master draufzusetzen, zum Beispiel in Oxford, sagt Michael Zerr über die Absolventen der Karlshochschule. Bei den Masterstudenten seien einige dabei, die komplett ihre Karriere geändert hätten, sagt Julian Nida-Rümelin, zum Beispiel vom Ingenieurwesen in die Philosophie. „Man weiß nicht, welche Berufe es in zehn Jahren geben wird. Da muss man sich weit aufstellen, um keine Chancen zu verpassen“, fügt er hinzu.

Auch wenn PPE in Deutschland noch nicht so etabliert ist wie in England, kann der Studiengang durchaus mit dem Oxfordschen Vorbild mithalten. Noch durchdringen Absolventen des Studiengangs nicht die deutschen Führungs- und Verwaltungsebenen – dafür ist er noch zu jung. Und das ist auch nicht unbedingt der Anspruch. Es geht vielmehr darum, die Gesellschaft zu verstehen und zu hinterfragen. Dazu gehört eben mehr als nur eine Disziplin. Auch Madleina Spitz weiß: „Wenn man die Welt nicht versteht, kann man sie nicht verändern.“

Quelle: F.A.Z.
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