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Beschäftigungsrekord

Die Erfolgsformel der deutschen Industrie

Von Johannes Pennekamp
 - 17:19

Wenn die Statistiker aus Wiesbaden neue Zahlen zur deutschen Industrie veröffentlichen, klingt das meistens sehr nüchtern. „Anteil der Industrie am BIP seit zwanzig Jahren nahezu konstant“, verkündete das Statistische Bundesamt im Frühjahr. Und in der vergangenen Woche: „Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe im August 2015: plus 1 Prozent zum Vorjahresmonat.“

Dass sich hinter diesen Zahlen eine Erfolgsgeschichte verbirgt, wird erst bei genauerem Hinsehen deutlich. Denn mit knapp 5,4 Millionen Beschäftigten arbeiteten im August mehr Menschen im verarbeitenden Gewerbe als in jedem anderen Monat, seitdem die Statistiker im Januar 2005 begonnen haben, die Zahlen in dieser Abgrenzung zu erfassen. Dass der Anteil der Industrie am deutschen Bruttoinlandsprodukt 2014 noch immer mehr als 22 Prozent betragen hat, ist keineswegs selbstverständlich. In mehreren industrialisierten Volkswirtschaften ist der Anteil seit der Jahrtausendwende deutlich geschrumpft. „Deutschland hat ein nachhaltiges Talent für die Industrie“, sagt Martin Gornig, Wirtschaftsprofessor vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Ein starke Rolle der Industrie galt nicht immer als erfolgversprechend. Im Gegenteil: „In den Jahren vor der Finanzkrise galt eine hohe Quote eher als Manko“, sagt Gornig, „Länder, die zum Beispiel auf Finanzdienstleistungen gesetzt haben, wurden als moderner angesehen.“ Während der Finanzkrise hat sich diese Wahrnehmung gedreht, auch weil in der deutschen Industrie trotz Rezession viele Arbeitsplätze erhalten blieben.

„Eine optimale Industriequote gibt es nicht“

Anderswo ist die industrielle Basis seit der Jahrtausendwende hingegen deutlich geschrumpft. In Großbritannien ging der Industrieanteil von fast 20 Prozent im Jahr 2000 auf 9,4 Prozent 2014 zurück, melden die Statistiker aus Wiesbaden, in Frankreich im selben Zeitraum von mehr als 15 Prozent auf rund 11 Prozent. In den Vereinigten Staaten blieb der Anteil etwa konstant. „In den Vereinigten Staaten und in Großbritannien gab es zuletzt jedoch wieder höhere Investitionen“, sagt Forscher Gornig. In den Vereinigten Staaten erlebte die Industrie unter anderem wegen vergleichsweise niedriger Energiekosten und der Fördertechnologie Fracking zuletzt eine Renaissance.

Die deutsche Industrie hat seit der Jahrtausendwende ihren Anteil am Weltmarkt bei etwa 10 Prozent gehalten – während sich die Gewichte ansonsten deutlich verschoben haben. Der Marktanteil der Vereinigten Staaten verringerte sich von mehr als 30 Prozent auf etwa 25 Prozent, China investierte im Rekordtempo in seine Industrie und konnte seinen Weltmarktanteil von etwa 10 Prozent im Jahr 2000 auf rund 23 Prozent im Jahr 2012 mehr als verdoppeln, schreibt der DIW-Forscher in einer aktuellen Studie. Allerdings ist ein hoher Industrieanteil keine Erfolgsgarantie. In Japan stammt zwar nach wie vor etwa ein Fünftel der Wertschöpfung aus der Industrie – dennoch hat das Land auf dem Weltmarkt sichtbar verloren.

„Eine optimale Industriequote gibt es nicht“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Makroökonomie-Abteilung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Schwankungen seinen normal und hätten oft unterschiedliche Ursachen: Der Rückgang in Großbritannien habe vor allem mit der größeren Bedeutung der Finanzindustrie zu tun, der Rückgang in Frankreich mit geringerer Wettbewerbsfähigkeit.

Autoindustrie und Maschinenbau haben enormes Gewicht

Ihre robuste Position hat die deutsche Industrie nach Ansicht von Fachleuten in erster Linie ihrer Ausrichtung auf forschungsintensive Branchen zu verdanken, darunter fallen Spitzentechnologie (Pharmazie, elektronische und optische Geräte, Raumfahrzeugbau) sowie Hochtechnologie (Maschinenbau, Automobilindustrie, Computertechnologie). Deutschland ist vor allem in dem zweiten Bereich stark, der 8 Prozent der deutschen Wertschöpfung ausmacht. „In anderen OECD-Ländern kommen Hochtechnologiebranchen nicht einmal auf die Hälfte dieses Anteils“, schreibt Gornig in seiner Studie.

Innerhalb der Industrie haben die Autoindustrie und der Maschinenbau enormes Gewicht: Aus den Zahlen der Statistiker geht hervor, dass in beiden Branchen gemeinsam mehr als 1,7 Millionen Menschen beschäftigt sind, was fast ein Drittel aller Industriearbeiter ausmacht. Das starke Wachstum von Hoch- und Spitzentechnologie, das es so in keinem anderen der betrachteten Länder gegeben habe, sei zudem nicht unmittelbar zu Lasten anderer Industrien gegangen.

So gut die deutsche Industrie sich auch behauptet hat, die Zukunftsaussichten sind nicht ungetrübt. Forscher Gornig nennt zwei Risikofaktoren. Zum einen habe das verarbeitende Gewerbe hierzulande weniger investiert als Unternehmen in anderen Ländern. Daraus folgert der Forscher eine „mögliche Fragilität der aktuellen Situation“. Anstatt in Deutschland hätten heimische Unternehmen verstärkt im Ausland investiert. Das sei nicht verkehrt gewesen, aber keine Strategie, die auf Dauer besonders erfolgversprechend sei, sagt Gornig. IWH-Forscher Holtemöller ist zuversichtlicher: „Wenn Unternehmen geschickt im Ausland investieren, kann das durchaus die Stabilität hierzulande erhöhen und Beschäftigung sichern.“ Langfristig müssten die Unternehmen aber noch stärker auf Innovationen setzen. „Alles, was kopiert oder adaptiert werden kann, wird nicht auf Dauer in Deutschland hergestellt werden“, sagt Holtemöller.

Digitalisierung der Industrie unwägbar

DIW-Forscher Gornig sieht zudem in der bislang erfolgbringenden Spezialisierung – zum Beispiel in der Automobilindustrie – zugleich ein Risiko. „Wenn ich mich spezialisiere, kann ich mich stark ausdehnen. Ich werde aber auch anfälliger.“ Stärke und Risiko zugleich liegen auch in der großen Exportorientierung der deutschen Industrie. Sollte beispielsweise die Konjunktur in China stärker einbrechen als erwartet, wären deutsche Exportunternehmen überdurchschnittlich betroffen.

Die wohl größte Unwägbarkeit geht von der fortschreitenden Digitalisierung der Industrie aus. Was stärker miteinander vernetzte Maschinen und Produktionsabläufe sowie neue Herstellungsverfahren für die Absatzchancen und die Beschäftigung in der deutschen Industrie bedeuten, ist noch nicht eindeutig erkennbar. Zumindest Forscher Holtemöller glaubt nicht, dass die Industrie 4.0 alles vollkommen verändern wird: „Ich sehe die Entwicklung eher in einer Reihe von Innovationen, die die Produktivität zwar einmalig erhöhen, aber nicht dauerhaft zu mehr Produktivitätswachstum führen.“

Quelle: F.A.Z.
Johannes Pennekamp
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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