Angesagter Optimismus

Warum der Brexit London nicht schaden wird

Von Gustav Theile
Aktualisiert am 02.02.2020
 - 20:06
Florierende Weltstadt: London wird auch nach dem Brexit nichts von seiner Bedeutung verlieren.
Die Londoner wären gern in der EU geblieben – und durften nicht. Was wird nun nach dem Brexit aus ihnen? Laura Citron ist Chefin der Investmentfördergesellschaft der britischen Hauptstadt und erklärt, worauf es jetzt ankommt.

London geht es blendend, Brexit hin oder her. Daran lässt Laura Citron keinen Zweifel. Einerseits ist das ihre Aufgabe. Schließlich ist sie Chefin von London & Partners, der Investmentfördergesellschaft der britischen Hauptstadt. Anderseits hat sie gute Argumente, warum weder das Verlassen der Europäischen Union noch all die Verhandlungen und Verschiebungen der Metropole viel anhaben können.

„Londons Fundamentaldaten werden vom Brexit nicht verändert“, sagt sie immer wieder. In London gebe es viel Kapital für Investitionen, mehr Unternehmenszentralen als irgendwo sonst in Europa, eine digitalaffine Bevölkerung und viele kluge, junge Leute, die von den Universitäten der Stadt und aus der Umgebung in die Stadt strömten. Apple, Amazon, Facebook, Google, Snapchat, Spotify, Salesforce – viele wichtige Technologieunternehmen hätten seit dem Ausstiegsbeschluss größere Summen in London investiert, neue Leute eingestellt und neue Gebäude aus dem Boden gestampft. Gleichzeitig seien auch die Investitionen in Start-ups förmlich explodiert: „Zwischen 2018 und 2019 gab es einen Anstieg von 87 Prozent“, sagt sie und blickt fast ein bisschen stolz drein.

„Ich glaube, dass der Brexit London verändert“

Allerdings gibt es auch mahnendere Stimmen. Die Stadt selbst schrieb erst im Dezember 2019 in einer Analyse, dass das Wirtschaftswachstum Londons vorerst schwach bleiben dürfte, und Fachleute der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC stellten fest, dass die Hauptstadtwirtschaft das erste Mal seit Jahrzehnten nicht mehr deutlich schneller wachse als der Rest des Landes und das, obwohl das Bruttoinlandsprodukt sowieso schon gedämpft wird von den Brexit-Unsicherheiten, wenn auch weniger stark, als von Ökonomen zunächst befürchtet.

„Ich glaube, dass der Brexit London verändert“, räumt Citron denn auch ein. Allerdings sei die Stadt sehr dynamisch und anpassungsfähig. Das liege vor allem an der Offenheit und der Internationalität. Sie verweist auf ihren Chef, den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der immer betont habe, dass die Londoner lieber in der EU geblieben wären und „dass das das Beste für London gewesen wäre“. Deshalb betont sie, dass es wichtig sei, den Kontakt zum Rest Europas und der Welt zu halten. „Denn Londons Stärke basierte immer auf der internationalen Vernetzung.“

Sie wolle starke Beziehungen „mit den wichtigsten Technologie-Städten wie Berlin, Paris, München, Tel Aviv, Helsinki“ pflegen. Allein könne London nicht bestehen, man müsse kooperieren, „um einen global wettbewerbsfähigen Technologie- und Digitalsektor aufzubauen“. „Europa kann es nicht mit Amerika und China aufnehmen, wenn wir nicht zusammenarbeiten.“ Es sind ungewohnte Sätze von der Insel in diesen Zeiten. Zumal es einige gibt, die nach dem Brexit einen verschärften Steuerwettbewerb mit der EU fordern. Andere befürchten eine laxere Regulierung des Finanzmarktes, wodurch sich London einen Vorteil im Wettbewerb mit anderen globalen Finanzzentren verschaffen könnte.

Optimistischer Blick in die Zukunft

Es hat etwas Trotziges, wie Citron Londons internationale Offenheit betont. Vielleicht hat es auch mit ihrer Biographie zu tun. Sie kommt aus London, hat in Oxford und London studiert, spricht Französisch und Russisch, hat in Belgien, Deutschland und Russland gelebt und unter anderem in Singapur an der Universität gelehrt. Es ist ein Lebenslauf, wie ihn viele in der kosmopolitischen Elite der Stadt haben dürften. Nicht wenige meinen, dass der Brexit auch eine Revolte gegen eben diese kosmopolitische Elite war. Vor allem der Norden Englands, der wirtschaftlich darunter leidet, dass viele Fabriken abgezogen sind, stimmte für den EU-Austritt.

Auf diese Revolte gegen London angesprochen, windet sie sich. Man merkt, dass ihr das Thema unangenehm ist, dass sie sich privat wohl anders äußern würde, als sie es im Gespräch mit einem Journalisten tun kann. Sie flüchtet sich in Sätze, die niemandem weh tun: „Es gibt viele Theorien dazu, warum die Menschen abgestimmt haben, wie sie es getan haben.“ Oder: „Es ist sehr wichtig, dass London seine Rolle als Landeshauptstadt annimmt, genauso wie als Weltstadt.“ Londons Wohlstand nütze dem ganzen Land. Die Menschen sollten verstehen, „dass es dem ganzen Land hilft, eine europäisch und global offene Stadt als Hauptstadt zu haben.“ Da ist sie dann doch, die kleine Spitze gegen die Brexit-Befürworter.

Und so bleibt Citron all dieser Sorgen zum Trotz demonstrativ optimistisch. Diese Hoffnung zieht sie auch aus der Geschichte: „London erfindet sich seit 1000 Jahren immer wieder neu“, sagt sie. Wobei es natürlich eigentlich schon fast 2000 Jahre her ist, dass die Römer Londinium gegründet haben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Theile, Gustav
Gustav Theile
Redakteur in der Wirtschaft.
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