<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
„Deutschland spricht“

Jung gegen Alt statt Ost gegen West

Von Martin Benninghoff, Frankfurt
 - 19:33
„Deutschland spricht“ in der Frankfurter Paulskirche: F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka zur Bildergalerie

„Die Leute müssen miteinander reden.“ Dieser Satz, so einfach und klar ausgesprochen, ist keine Selbstverständlichkeit. Er war es vielleicht noch nie. Aber heute – in Zeiten von Fake News, pathologisch aufgeregten Debatten und Hatespeech im Netz – scheint die Sprachlosigkeit der Menschen größer geworden zu sein. Das zumindest meint die langjährige Frankfurter Schulleiterin Helga Artelt, die wie Hunderte andere interessierte Bürger am Mittwoch in die Frankfurter Paulskirche zur Dialogveranstaltung Deutschland spricht gekommen ist.

Ihr Gesprächspartner hat zuvor abgesagt, aber gekommen ist sie trotzdem: „Ich kenne dieses Projekt länger, und ich finde, das ist ein guter Ansatz.“ Dass bei Fragen wie „Ist Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden?“ oder „Leben die Alten auf Kosten der Jungen“ der Grat zwischen fruchtbarer Debatte, Sprachlosigkeit und blankem Hass derart schmal geworden ist, erschüttert viele hier, nicht nur Artelt, sondern auch Peter Bauch aus dem hessischen Bad Vilbel, der in der politischen Erwachsenenbildung tätig ist: „Die Idee finde ich klasse. Viele fürchten die Folgen polarisierender Debatten.“ Das müsse sich wieder ändern.

Deutschland spricht kann und soll dazu beitragen. Organisiert und initiiert von den Hamburger und Berliner Kollegen von „Zeit Online“, beteiligt sich in diesem Jahr auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung an der Initiative, die die Menschen in politisch polarisierten Zeiten einander näher bringen soll. Rund 18.000 Leserinnen und Leser der beiden Medien sowie einiger anderer Partner konnten sich in den vergangenen Wochen im Internet anmelden, gut 14.000 wurden bestätigt. Letztlich trafen sich davon rund 3000 Paare unterschiedlicher politischer Gesinnung in ganz Deutschland, um miteinander zu sprechen und zu streiten. Etliche Dialoge fanden gleich am Mittwoch statt, nach den Auftaktveranstaltungen mit zahlreichen Rednern an symbolbeladenen Orten – der Frankfurter Paulskirche und der Dresdner Frauenkirche. Andere Gesprächspaare trafen sich an anderen Orten: in Köln, Lüneburg, Heidelberg, Berlin, Darmstadt oder Leipzig, privat zuhause, in Cafés oder Restaurants. Auf FAZ.NET lesen Sie in den nächsten Tagen, wie einige Gespräche verlaufen sind – und ob sich die Diskutanten inhaltlich nähergekommen oder im Streit geschieden sind.

Video starten

„Deutschland spricht“
Tinder für Politik

Nach der Anmeldung im Netz wurden die Streitpaare mit einem Algorithmus ausgewählt. So konnten Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, die in der Nähe wohnen, zusammengebracht werden. Im Durchschnitt haben die Pärchen zuvor 4,5 von sieben Fragen unterschiedlich (mit Ja oder eben Nein) beantwortet. Der Teilnehmerkreis ist in diesem Jahr übrigens etwas weiblicher, ostdeutscher und ländlicher geprägt als in den Vorjahren. Trotzdem fällt auch an diesem Mittwoch in der Paulskirche auf, dass Frauen unterrepräsentiert sind: Etwa 68 Prozent der Teilnehmer von Deutschland spricht sind Männer, nur 30 Prozent Frauen. Rund 57 Prozent der Teilnehmer wohnen in Großstädten, bundesweit beträgt dieser Anteil aber nur circa ein Drittel. Dieser Effekt hat natürlich auch mit der Leserschaft der F.A.Z. und der anderen Medien zu tun.

Obwohl die Auswahl also nicht repräsentativ ist und deshalb nur bedingt Rückschlüsse auf ganz Deutschland zulässt, sind die Erkenntnisse aufschlussreich: Die umstrittenste Frage ist zum Beispiel nicht jene nach der Einwanderung (was man hätte erwarten können), sondern die nach dem Verhältnis zu Russland. Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer hat sich dafür ausgesprochen, dass Deutschland ein engeres Verhältnis zu Russland anstrebt, die andere will auf Distanz zu Moskau bleiben. Interessant auch der genauere Blick auf die Befragten: Jüngere und Frauen sind in der Tendenz kritischer, was die Nähe zu Russland angeht, Ältere und Männer wollen das Verhältnis intensivieren. An dieser Frage scheiden sich die Geister in Deutschland – würde diese Debatte sachlich geführt werden, könnte sie fruchtbar für die Streitkultur im Land sein.

Könnte. Die Polarisierung an sich sei ja nicht das Problem, wie Werner D'Inka, Herausgeber der F.A.Z., in seinem Impulsvortrag in der Paulskirche feststellt. „Demokratie ist kein Verfahren zur Herstellung von Harmonie.“ Es dürfe ruhig gestritten werden „bis die Fetzen fliegen“, allerdings bekümmere ihn zusehends, dass sich Menschen in ihren „Parallelwelten“ einigelten, sich dabei „ihre eigene Weltsicht konstruieren“ und sich dadurch dem Gespräch und Streit entzögen. Er spricht von „Kommunikationsflüchtlingen“. Eine Aktion wie Deutschland spricht könne da wichtige Impulse setzen und dafür sorgen, dass „die Kultur des Gesprächs wieder gepflegt“ würde. Leserin Iris Gutmann, die auf der Bühne der Paulskirche aus ihrer Erfahrung berichtet, weist noch auf die Bedeutung der sozialen Netzwerke hin, wo sich „jeder in seiner Filterblase aufhält. Da wollte ich ausbrechen.“ Ihr Gesprächspartner Vladimir Hepner macht deutlich, dass die Welt „nicht schwarz-weiß“ sei und deshalb der Dialog, auch bei gegensätzlichen Positionen, immer möglich sein müsse.

Bleibt die Frage, wo die Grenze der Dialogfähigkeit verläuft. Während der Zusammenstellung der Gesprächspaare wurde eines deutlich: Nicht alle, die können, wollen auch miteinander sprechen. Eine Teilnehmerin, die nicht namentlich genannt werden möchte, sagte ihr Gespräch beispielsweise ab, als sie erfuhr, dass ihr Gegenüber ein AfD-Politiker sein würde. Sie wolle ihm keine „mediale Plattform“ bieten, um seine „faschistische Partei als verkappte konservative Partei darstellen zu können“. Auch für die Pädagogin Helga Artelt hätte es Grenzen der Gesprächsbereitschaft gegeben, etwa bei „rassistischen Positionen oder Intoleranz bestimmter sexueller Ausrichtungen gegenüber“, sagt sie. Wenige Tage nach der Landtagswahl im Freistaat Thüringen, bei der die AfD mit Björn Höcke zweitstärkste Partei geworden ist, stellt sich diese Frage drängender denn je. Muss, darf man mit allen reden? Höcke darf schließlich auch nach Meinung eines Verwaltungsgerichts als „Faschist“ bezeichnet werden. Verläuft die Grenze etwa zwischen der AfD und dem Rest der Republik? Oder zwischen Höckes Rechtsaußen-„Flügel“ und den anderen? Wo manchem ein Gespräch mit einem AfD-Sympathisanten noch möglich scheint, sieht das mit einem Höcke-AfD-Sympathisanten vielleicht schon anders aus.

Der große Graben, ein Generationenkonflikt

Zum Aufstieg der Rechtspopulisten entbrannte dann – bei aller Harmonie – auf dem Podium der Paulskirche so etwas wie eine leichte Kontroverse: Claus Ruhe Madsen, der relativ frisch gewählte Oberbürgermeister von Rostock mit dänischem Pass, sieht in solchen Fragen nicht unbedingt die große Polarisierung zwischen Ost und West, sondern eher zwischen florierenden und abgehängten Regionen in Deutschland. Die Autorin Jana Hensel bekräftigt hingegen, der Osten habe „spezifische Probleme“, und dafür stehe auch das Wahlergebnis von Thüringen. Für den Rostocker Politiker, der gerade einen Wahlkampf durchlaufen hat, ist klar: „Wir haben nicht mehr hinreichend hingehört. Viele Menschen haben keinen Bock mehr auf die Floskeln der Politiker.“

Bei Deutschland spricht zeigt sich aber auch: Ost- und Westdeutsche sind häufiger einer Meinung als das die Debatten der vergangenen Wochen über die angeblich mentale Spaltung der Deutschen West und Ost nahelegte, zumindest bei dieser Befragung. Sogar auf die Frage, ob sich Deutschland zu wenig um die Ostdeutschen kümmere, antworteten Ostdeutsche und Westdeutsche nur unwesentlich unterschiedlich. Der große Graben verläuft vielmehr zwischen Stadt und Land, aber noch mehr zwischen Alt und Jung. Deutlich mehr junge als alte Menschen sagen, dass die alte Generation auf Kosten der jungen Generation lebe. Die Jungen sagen deutlich seltener, dass Einwanderung Deutschland unsicherer mache. Letztlich scheint also ein Generationenkonflikt Deutschland zu spalten – wer hätte das vor Jahren gedacht, als der Jugend ihre angeblich so unpolitische Haltung vorgeworfen wurde?

Die Auswahl der Teilnehmer kann freilich nur ein Ausschnitt der Bevölkerung sein. Darauf macht Dagmar Schmidt, eine Teilnehmerin aus dem hessischen Dietzenbach, aufmerksam: „Die Menschen, die sich zu einer solchen Aktion anmelden, sind wahrscheinlich ohnehin dialogbereit und auch -fähig.“ Die Frage sei, ob das für alle Bevölkerungsteile gelte. Für F.A.Z.-Herausgeber Werner D'Inka ist das ein interessanter Punkt: „Darüber sollte man sich Gedanken machen, wie man im nächsten Schritt auch andere Gruppen erreicht.“ Zunächst einmal geht es allerdings darum, die Mitte der Gesellschaft zu ermuntern, im Gespräch zu bleiben, das kann auch auf die Ränder abfärben. Die Diskutanten in den Vorjahren haben oftmals feststellen können, dass sie zwar bei den Ja-/Nein-Fragen unterschiedlicher Ansicht sind, sich die Dinge im Gespräch aber etwas anders darstellen: mit mehr Schattierungen, oftmals nur anderen Schwerpunkten und Gewichtungen im Detail. So entsteht Verständnis für die Position des Gegenübers.

Der Bonner Ökonom Armin Falk, der die Ergebnisse von Deutschland spricht im vergangenen Jahr untersucht hat, kann das bestätigen: Schon ein zweistündiges Gespräch zwischen zwei Menschen mit unterschiedlichen ­politischen Ansichten könne die Polarisierung zwischen beiden Seiten abschwächen und Vorurteile abbauen. Und so stehen Iris Gutmann und ihr Mitdiskutant Vladimir Hepner nebeneinander auf der Bühne der Paulskirche, einträchtig, harmonisch, sie duzen sich: „Versuchen Sie, entspannt zu bleiben“, gibt Gutmann den Teilnehmern, deren Gespräche noch vor ihnen liegen, mit auf den Weg. Und Hepner gibt den kürzesten aller Ratschläge, der für allgemeine Heiterkeit beim ernsten Thema sorgt: „Sprecht!“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Benninghoff, Martin
Martin Benninghoff
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandAfDBjörn HöckeFrauenWerner D'InkaRusslandMänner

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.