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„Deutschland spricht“

„Wenn du Kinder hast, wirst du das Klima-Thema anders sehen“

Von Sebastian Reuter, Darmstadt
Aktualisiert am 01.11.2019
 - 07:14
Freiheit oder Gerechtigkeit? Josias Olbrich (l.) und Angelo Maimone diskutieren in Darmstadt im Rahmen von „Deutschland spricht“.zur Bildergalerie
Angelo Maimone will nicht zum Verzicht gezwungen werden. Josias Olbrich glaubt, dass es ohne Verbote nicht geht. Bei „Deutschland spricht“ streiten sie über hohe Mieten, niedrigen Mindestlohn – und unsinnige Mallorca-Reisen.

Das erste Zeichen setzen Angelo Maimone und Josias Olbrich, bevor sie überhaupt einen Satz miteinander gesprochen haben: Während sich Auto um Auto die vierspurige Hauptstraße entlang durch den Feierabendverkehr quält, fahren beide mit dem Fahrrad am Treffpunkt unweit der Darmstädter Innenstadt vor. Radeln durch die feuchtkalte Oktoberluft als direktes Bekenntnis zum persönlichen Kampf gegen den Klimawandel? Vielleicht. Sind hier also zwei Menschen einer Meinung, wie man den Anforderungen eines unsicher in die eigene Zukunft blickenden Landes begegnen sollte? Keinesfalls.

Unabhängig voneinander haben sich Olbrich und Maimone bei der Aktion „Deutschland spricht“ angemeldet und dafür sieben Ja/Nein-Fragen beantwortet. Gleich sechs Mal waren sie sich uneins, deswegen hat sie der Algorithmus miteinander verbunden und ihnen ein gemeinsames Gespräch vorgeschlagen. Wie fast 4000 andere „Deutschland spricht“-Paare treffen sie sich an diesem Abend im Herbst in einem Restaurant, um zu streiten. Beide meinen, dass es um die Debattenkultur schlecht bestellt ist, dass oft mehr gebrüllt als gedacht wird und, dass es gut tun müsste, eigene Standpunkte auch mal auf den Prüfstand zu stellen. So starten sie, jeweils mit Apfelschorle bewaffnet, in ein Gespräch über Mieten, Mindestlohn und Mallorca-Touristen, duzen sich direkt, tauschen Argumente aus, lassen sich aussprechen – und widersprechen einander schnell in fast jedem Punkt.

Olbrich: „Was bringt es, das Fliegen um zwanzig, dreißig Euro teurer zu machen? Niemand wird deswegen auf seine Ballermann-Reise verzichten. Flugtickets müsste man mit 100 Prozent besteuern.“
Maimone: „Aber Reisen ist doch auch Völkerverständigung. Wer es sich nicht mehr leisten kann, andere Länder und Kulturen kennenzulernen, bleibt immer in seiner Blase und ändert sich nicht.“
Olbrich: „Du glaubst doch nicht, dass die Leute wegfliegen, um sich zu bilden? Die allermeisten wollen saufen und am Strand liegen. Wenn du Kinder hast, wirst du das Klima-Thema anders sehen.“

Olbrich, 56 Jahre alt, verbeamteter Bewährungshelfer und an Kampfkunst und Comics interessierter Familienvater, versucht seinen Gesprächspartner mit seinen Erfahrungen und einschneidenden Erlebnissen zu überzeugen. Er beruft sich auf Menschen, die er durch seinen Job kennt, auf seine Familien und sogar auf Gäste aus österreichischen Talkshows. Ihm geht es vor allem um Gerechtigkeit. Arbeiten müsse sich lohnen, und auch wer nicht gut bezahlt wird oder keinen Job hat, soll sich eine Wohnung leisten können und von der Gesellschaft nicht einfach übergangen werden. Die Klima- und Sozialpolitik der Bundesregierung hält Olbrich für einen Witz.

Der 31 Jahre alte Maimone wiederum, der seine Karriere als Investmentbanker gestartet hat, nun im IT-Bereich arbeitet und sich für Immobilien, Aktien und Sport begeistert, versucht seine Meinung mit Fakten und Statistiken zu stützen und zitiert Studien und Gesetzesänderungen. Er will auf keinen Fall zum Verzicht gezwungen oder in seiner Freiheit eingeschränkt werden – egal, ob es um seine Mobilität oder seine Ernährung geht. Seiner Meinung nach muss Deutschland wirtschaftsfreundlicher werden, damit Innovationen vorangetrieben werden und Arbeitsplätze erhalten bleiben.

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Aktion „Deutschland spricht“
„Es hängt alles zusammen“

Maimone: „Bis in Asien und Afrika alle mit Elektroauto fahren, vergehen noch Jahrzehnte. Darum müssen VW und Mercedes weiter Diesel und Benziner entwickeln und effizienter machen, damit wir in Deutschland unsere Stellung nicht verlieren.“

Olbrich: „Die meisten Erfindungen, wie Flugtaxis oder sowas werden sowieso nie in unserem Alltag ankommen. Die Industrie hilft uns bei der Zukunftsfrage nicht. Deswegen ist der Einzelne gefragt.“

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Nach gut einer Stunde wird das Gespräch hitziger. Die Diskussion ist intensiv, aber sachlich und dreht sich um hohe Mieten, knappen Wohnraum und die Frage, was Immobilienhaie und ein möglicherweise zu niedriger Mindestlohn damit zu tun haben. Maimone lehnt sich nach vorne, hebt mahnend den Finger, wenn er das Gefühl hat, nicht aussprechen zu dürfen. Olbrich dagegen hat immer noch seine Jacke an, spricht deutlich leiser als sein Gegenüber, haut aber zwei Mal energisch mit der Handkante auf den Tisch, um seinen Standpunkt klarzumachen.

Maimone: „Niemand wird gezwungen, in Frankfurt oder Berlin zu wohnen. Jeder kann nach Brandenburg ziehen und dort günstig leben.“
Olbrich: „Das ist doch viel zu kurz gedacht. Als berufstätiger Vater kann ich nicht einfach so irgendwo aufs Land ziehen.“
Maimone: „Du sagst immer nur ,Nein' und dass ,Das' so nicht geht. Ich verstehe, dass du nicht meiner Meinung bist, aber ich will auch einen Gegenvorschlag hören.“
Olbrich: „Ich finde zum Beispiel, dass es in Deutschland nicht genügend Absicherung nach unten gibt. Wer einmal tief fällt, hat fast keine Chance wieder aufzustehen. Und wer nicht genügend hat, bekommt wenig Möglichkeiten sich hochzuarbeiten“
Maimone: „Zu wenig Geld für Soziales gibt Deutschland aber garantiert nicht aus.“
Olbrich: „Aber es wird völlig falsch verteilt! Warum muss ein Millionär auch noch Kindergeld vom Staat bekommen? Das ist absurd.“

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Bemerkenswert ist: In der gesamten Unterhaltung fallen nicht ein Mal die Namen Merkel, Kramp-Karrenbauer, Habeck, Gauland oder Merz. SPD, Grüne und AfD? Kein Thema. Es geht um Inhalte, um Lösungsansätze und um falsch getroffene Entscheidungen – an Personen oder Parteien arbeiten sich die beiden Männer nicht ab. Die eigene Biografie hilft ihnen, ihre Sichtweise zu begründen.

Maimone: „Mein Opa war sein Leben lang Analphabet, ist aus Sizilien nach Deutschland gekommen und hat als Gastarbeiter jahrelang in einer Fabrik in Paderborn am Band gearbeitet. Meinen Vater hab' ich bis zu meinem dritten Lebensjahr nur am Wochenende gesehen, weil er so hart geschuftet hat, damit wir es besser haben. Das hat mich geprägt.“
Olbrich: „Ich habe jeden Tag mit Menschen zu tun, die von ihren eigenen Problemen übermannt worden sind. Viele haben einfach nicht die Energie, die du hast, um sich hochzuarbeiten und Karriere zu machen. Aber auch die müssen klar kommen und von ihrer Arbeit leben können.“

Die Zeit vergeht schnell. Die Gläser sind leer getrunken, und die Blicke wandern immer häufiger auf Armbanduhren. Bestimmte Themen, die im „Deutschland spricht“-Fragebogen angesprochen wurden, werden ausgeklammert und nur noch kurz gestreift: Ob sich zu wenig um die Ostdeutschen gekümmert wird und ob Frauen die gleichen Chancen wie Männer haben („Das können wir beide nun wirklich nicht beurteilen“) wird genauso schnell abgehakt wie die Diskussion, ob Deutschland engere Beziehungen zu Russland anstreben sollte. Die Debatte mündet in der unbeantwortet bleibenden Frage, wie unabhängig Journalismus hierzulande ist. Auch, ob Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden ist, übergehen beide geflissentlich. Bevor jemand das Thema ansprechen kann, beendet Olbrich nach etwas mehr als 90 Minuten das Gespräch.

Maimone: „Das Migrationsthema ist ein Minenfeld. Da müsste jeder erst sehr weit ausholen, um seine Meinung soweit ausdifferenzieren zu können, dass der andere den eigenen Punkt wenigstens halbwegs verständnisvoll aufnimmt.“
Olbrich: „Du solltest nach Berlin gehen. Du kannst viel besser reden als der Lindner (FDP-Parteichef Christian Lindner, d.Red.) und bist auch nicht arrogant. So einen brauchen die.“

Am Ende sind sich Olbrich und Maimone einig, in den meisten Punkten uneins zu sein. Zufrieden steigen sie auf ihre Räder – trotz oder vielleicht auch wegen der Erkenntnis, dass es der jeweils andere – wenn überhaupt – nur in Nuancen geschafft hat, ihn zu überzeugen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Reuter, Sebastian
Sebastian Reuter
Redakteur vom Dienst.
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