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„Deutschland spricht“

„Du bist nicht der junge Alternative, auf den ich gehofft hatte“

Von Sarah Obertreis, Heidelberg
 - 17:34
Siobhán Whelan und Benedikt Pfeifer am Mittwoch in einem Heidelberger Café

Eigentlich hatte Benedikt Pfeifer in seinen „Deutschland spricht“-Steckbrief geschrieben: „Man erkennt mich an meiner ironischen/sarkastischen Art“. Doch es ist gut, dass seine Gesprächspartnerin Siobhán Whelan ihn auch so vor dem Heidelberger Café entdeckt, denn seinen Sarkasmus hat Pfeifer zuhause gelassen.

Stattdessen hat der Student den Werbe-Post-It einer Biermarke mitgebracht, auf dem sorgfältig die Gesprächsthemen notiert sind: Ost und West, Jung und Alt, Russland und Deutschland, Männer und Frauen, Einwanderung.

Gespräch ohne Faktenkenntnis? Das ist nicht das Wahre

Der Zettel ist Pfeifer ein bisschen unangenehm, aber auch Jugendoffizierin Whelan entschuldigt sich für ihre ausgedruckten, leicht zerknitterten Word-Seiten. Sie hält an ihnen fest wie am letzten Busfahrplan. Beide haben sich vorher eingelesen. Ein Gespräch, so ganz ohne Faktenkenntnis, ist auch nicht das Wahre, finden sie.

Pfeifer hat sich für Zuhören und ganz viel Diplomatie entschieden. Als seine elf Jahre ältere Gesprächspartnerin sagt: „Eigentlich wollte ich dich hier nicht überrumpeln, nach dem Motto Bam, Bam, Bam“, sagt Pfeifer: „Kannst du aber ruhig. Ich bin für alles bereit“. Als Whelan eine Pauschalaussage über die russische Mentalität relativiert: „Das sollte jetzt nicht ausgrenzend oder rassistisch klingen“, meint Pfeifer besänftigend: „Scheißegal. Einfach sagen.“

Bei der Aktion „Deutschland spricht“ treffen sich zwei Menschen, die zwar nah bei einander wohnen, sich in ihren Ansichten aber möglichst weit unterscheiden. Sieben Fragen zu ihren politischen und gesellschaftlichen Einstellungen müssen die Teilnehmer beantworten, bevor sie einen Andersdenkenden kennenlernen können.

Whelan und Pfeifer haben alle sieben Fragen jeweils anders beantwortet – wo Whelan „Ja“ angeklickt hat, klickte Pfeifer auf „Nein“ und andersrum. Als sich beide gesetzt haben, bestellt Whelan Tee mit Milch und Pfeifer einen großen Kaffee.

Hier – so würde man eigentlich erwarten – sitzen sich also zwei junge Menschen gegenüber, er 21 Jahre alt, sie 32, deren Weltbild sich grundlegend unterscheidet. „Ja“ hat Pfeifer auf die Frage geantwortet, ob Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden ist. Whelan dagegen bezeichnet Einwanderer als „Chancen“, als „potentielle Beitragszahler“.

Er findet, Deutschland sollte sich für engere Beziehungen zu Russland einsetzen und Flugreisen dürften nicht besteuert werden. Whelan hatte sich in ihrem nach Neukauf duftenden Bundeswehr-Dienstwagen auf dem Weg zum Café einen Neuen Rechten vorgestellt. Doch Pfeifer – ganz der Diplomat – lächelt entschuldigend, als Whelan sagt: „Du bist nicht der junge Alternative, auf den ich gehofft hatte.“

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Stattdessen gibt es zwischen der Jugendoffizierin mit irischem Hintergrund und dem VWL-Studenten mit bayerischen Wurzeln kaum Differenzen. Wie viel sie gemeinsam haben, wird spätestens klar, als beide Karottenkuchen bestellen und die Marzipanmöhre liegen lassen.

„Ja“ ist mit Abstand das häufigste Wort des Gesprächs, es klingt an den Wein- und Latte-Macchiato-Gläsern auf den Nachbartischen wider. Und die erste Meinungsverschiedenheit zwischen Whelan und Pfeifer nach fast einer Stunde droht fast unbemerkt unterzugehen: Die Mieten im umkämpften Altbauviertel der Stadt, sie würden schon irgendwann wieder sinken, meint Pfeifer. Whelan ruft empört: „Wie sollen die denn wieder günstiger werden?“ Pfeifer sagt leise: „Der Immobilienmarkt wird nicht immer so angespannt sein.“

Dabei hatte Pfeifer sich vor dem Treffen für einen staatlichen Eingriff in den Wohnungsmarkt ausgesprochen, Whelan war dagegen gewesen.

Komplizierte Gedankengänge hinter simplen Einstellungen

Es kommt oft vor, in den drei Stunden, die sich Pfeifer und Whelan gegenüber sitzen, dass sich scheinbar eindeutige Positionen auflösen, die Jas und Neins zu Fragen werden und komplizierte Gedankengänge hinter simpel wirkenden Einstellungen hervortreten.

Ja, Pfeifer findet, dass Deutschland durch die Einwanderung unsicherer geworden sei. Aber er macht dafür nicht die ins Land Geflüchteten verantwortlich. Merkels Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, sei notwendig gewesen.

Nur habe 2015 eben nicht nur viele neue Menschen, sondern auch den Aufstieg rechter Strömungen mit sich gebracht – und es seien die Höckes und Gaulands, die dieses Land unsicherer gemacht hätten, meint Pfeifer. Whelan kann das durchaus nachvollziehen.

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Aktion „Deutschland spricht“
„Es hängt alles zusammen“

Auch Pfeifers Position zu Russland versteht sie. Pfeifer sagt: „Ich habe bei der Frage nach engeren Beziehungen zu Russland mit Ja geantwortet, weil der militärische Konflikt verändert werden könnte, wenn man sich annähert. Ich glaube nicht, dass die Welt noch einen weiteren Konflikt braucht.“

Das Gespräch zwischen Whelan und Pfeifer zeigt, dass Vorurteile eben nicht nur die anderen haben, nicht nur die, die das Fremde fürchten und klare Grenzen lieben, sondern alle Menschen. Es lohnt sich, miteinander zu reden, um hinter die Ja-, Nein-Antworten des anderen zu blicken.

So ist es nur noch ein Scherz, als Whelan in Pfeifers blaue Augen schaut, seinen blonden Bart mustert und breit grinsend sagt: „Höckes Traum.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Volontärin.
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