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„Deutschland spricht“

„Hockey ist die elitärste Sportart, die es auf der Welt gibt“

Von Ina Lockhart
 - 10:27
Ilo Kenji und Christian Wanek nach ihrem Schlagabtausch im Frankfurter Schirn Café. Beide haben sich im Rahmen der Debattenaktion „Deutschland spricht“ frisch kennengelernt.zur Bildergalerie

„Nein, Frauen in Deutschland haben nicht die gleichen Chancen wie Männer“, sagt sie. „Doch, Frauen haben die gleichen Chancen“, sagt er. Sie heißt Ilo, eigentlich Ilona, Kenji, ist in den Niederlanden geboren und mit einem Kroaten verheiratet. Er heißt Christian Wanek, hat einen österreichischen Vater und ist deutscher Staatsbürger seit seinem 18. Lebensjahr. Beide treffen im Frankfurter Schirn Café das erste Mal aufeinander, um für die Debattenaktion „Deutschland spricht“ über kontroverse Ansichten zu streiten.

An seiner „Arroganz, dem perfekten Deutsch und am guten Benehmen“ werde sie ihn erkennen, hat Wanek vorab bei der Anmeldung in seinem Steckbrief geschrieben. „Dummheit“ und „Unfähigkeit“ verabscheue er. Kenji schreibt von sich, dass sie „Borniertheit“ hasst und sie ihre Fröhlichkeit und Energie auszeichne. Beides sorgt dafür, dass der Schlagabtausch mit Wanek trotz der schweren Inhalte und oft harten Meinungsfronten eine gewisse Leichtigkeit bekommt.

„Frauen sind fleißig, Männer machen Karriere“, legt Kenji los, die in einer Führungsposition arbeitet.

Kenji: „Auf dem Papier haben die Frauen die gleichen Chancen. In der Praxis kann ich das nicht beobachten. Männer ziehen Männer nach.“

Wanek: „Wäre das bei Frauen anders?“

Kenji: „Das ist Frauen völlig egal.“

Wanek: „Womit erklärt sich, dass sehr junge Frauen mit großem Enthusiasmus Friseurin werden wollen? Woran liegt das, dass sie sich selbständig machen, um bankrott zu gehen?“

Über Chancengleichheit, Bildung und Schullaufbahn kommen die beiden auf das Thema Dienstleistungsgesellschaft. Sie sprechen von einer Erwartungshaltung, die dazu führe, dass von der Schule ein maximaler Service verlangt werde.

Wanek: „Die Kinder werden in die Kita oder die Schule abgeschoben. Es wird erwartet, dass Frauen arbeiten.“

Kenji: „Ich habe bislang niemanden kennengelernt, der mir gesagt hat, dass ich arbeiten soll.“

Wanek: „Die Frage ist doch, ob Frauen diese zwei Hüte gleichzeitig tragen können.“

Kenji: „Welche Hüte denn?“

Wanek: „Früher waren die Frauen zu Hause und haben sich um die Kinder gekümmert. Dann kam das Gejammer über die Teilzeitarbeitsplätze, die es nicht gab. Jetzt gibt es sie, durch Gesetze gepampert. Das ist ein großer Mist, denn dafür gibt es nur eine Rente, mit der die Frauen verhungern. Deswegen muss es jetzt Vollzeit sein. Alles wird delegiert, wo soll das denn hinführen?“

Kenji: „Wieso kann denn der Mann nicht zu Hause bleiben?“

Wanek: „Dann hat der Mann keine Rente.“

Kenji: „In ehelichen Gemeinschaften ist man doch so aufgestellt, dass Rechten und Pflichten verteilt werden – oder habe ich da eine Bildungslücke?“

Wanek: „Das ist Theorie.“

Kenji: „Ich versuche, Teil der Lösung zu sein.“

Diesen Satz wird die Niederländerin im Laufe der Diskussion noch häufiger sagen, wenn Wanek mit seinen Prinzipien argumentiert und seinen Standpunkt eisern verteidigt. Er setzt oft und gerne Spitzen. Bei einer atmet Kenji tief durch und konstatiert „Das war jetzt böse“. Wanek lacht und antwortet: „Ich bin gerne böse.“

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Trotz aller Kontroverse ist in jedem Moment der Debatte zu spüren, dass beide sich ernst nehmen und sich respektieren. Keiner lässt den anderen vom Haken. So wie beim Thema Teilzeit und Chancengleichheit. Kenji setzt hier nach.

Kenji: „Die Anzahl der Frauen und Männer, die in den Niederlanden in Teilzeitpositionen tätig sind, ist sehr ausbalanciert. Für die Karriere eines Mannes ist es nicht entscheidend, ob er 25 oder 40 Stunden arbeitet. Da müssen wir hinkommen. Es ist erfreulich zu sehen, dass Unternehmen familienfreundlicher werden.“

Wanek: „Woran machen Sie das fest?“

Kenji: „Beispielsweise an der zunehmenden Arbeitszeitflexibilisierung.“

Wanek: „Dann sind Sie sicherlich auch Verteidigerin des Home Office?“

Kenji: „‘Show face‘ heißt nicht, dass ich arbeite. Da habe ich viele andere Beispiele beobachtet. In dem Punkt ist Umdenken nötig.“

Wanek: „Ja, aber nicht vorhanden.“

Kenji: „Sicher ist eine gewisse Präsenzpflicht notwendig.“

Wanek: „Schöne Grüße an dieser Stelle an unsere lausige IT-Infrastruktur.“

Kenji: „Ich habe es gemacht. Kind gestillt, einen Bericht für die Arbeit geschrieben und noch berufliche Telefonate geführt. Das muss sich jede Frau und jeder Mann überlegen, was er sich als Arbeitnehmer zutraut. Natürlich gewährt der Arbeitgeber beim Thema Home Office und Arbeitszeitflexibilität einen Vertrauensvorschuss.“

Wanek: „Neben der Dummheit sehe ich gleich die Faulheit. Ich denke, es ist ein sehr menschliches Verhalten, zu Hause den Rechner anzuschalten und dann die Füße hochzulegen. Die Produktivität im Home Office ist dann nicht höher als in der Kaffeeküche im Büro.“

Kenji: „Klar, man muss schon rausgehen aus seiner Jogginghose, wenn man von zu Hause aus arbeitet. Ich würde auch in Frage stellen, ob 100 Prozent Home Office funktionieren. Da kommt man in Kontrollmechanismen, die nicht gut sind.“

Wanek: „Sie haben eben das Wort genannt: Kontrolle. Hoheitliche und soziale. In Deutschland kann jeder machen, was er will. Hundehalter, die ihre Hunde auf der Straße ihr Geschäft machen lassen. Raucher, die achtlos ihre Zigarettenkippe wegwerfen, die x Liter an Grundwasser verseucht. Für außertariflich Beschäftigte ist Home Office kein Problem. Für Angestellte mit Tarifvertrag und einem Arbeitstag von acht Stunden funktioniert es nicht. Da braucht es Kontrolle.“

In der Diskussion um Sprache, perfektes Deutsch und nationale Identitäten kommt Kenji auf den Sport ihrer Kinder und ihr ehrenamtliches Engagement im Hockeyverein, unter anderem als Vorstand Hessen-Hockey für die Jugend. Sie erwähnt dabei beiläufig, dass bald Deutschland gegen Österreich im Hockey spielt – und entfacht damit eine neue Debatte.

Wanek: „Hockey ist mir zu elitär.“

Kenji: „Wirklich, ist Ihnen das zu elitär?“

Wanek: „Hockey ist für mich die elitärste Sportart, die es auf der Welt gibt. Das wird nur noch von Pferdepolo übertroffen.“

Kenji: „Da möchte ich Sie gerne vom Gegenteil überzeugen und Sie einladen, bei einem Hockeyspiel zuzuschauen. Dann werden Sie sehen, wie wenig elitär es auf dem Feld zugeht. Und wie interkulturell dieser Sport ist. Und Sie würden Ihre Haltung überdenken. Gegen dieses Vorurteil der elitären Sportart kämpfe ich seit Jahren an.“

Wanek: „Ich würde erstmal salopp sagen, im Vergleich zu dem äußerst ordinären und asozialen Fußball gehört nicht viel dazu, elitärer zu sein – nachdem, was man in Frankfurt gestern wieder vor und nach dem Spiel auf den Straßen erleben durfte.“

Kenji: „Ich finde Fußball überhaupt nicht asozial.“

Wanek: „Zumindest die Fans. Fußball mag ja noch okay sein.“

Kenji: „Ich sitze jede Woche im Stadion und genieße Sport.“

Wanek: „Das tut mir leid.“

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Aktion „Deutschland spricht“
„Es hängt alles zusammen“

Als nächstes sprechen beide über Russland und Präsident Putin. Wanek ist der Ansicht, dass Deutschland engere Beziehungen zu Russland anstreben sollte. Kenji ist dagegen. „Wenn man das rein praktisch sieht, bleibt uns gar nichts anderes übrig, weil wir uns über das Öl und das Erdgas so abhängig von Russland gemacht haben“, argumentiert Wanek. Für ihn ist Wladimir Putin noch der „Vernünftigste“ unter Staatschefs wie Donald Trump und Recep Erdogan, die er als „irre“ bezeichnet. „Man weiß zu 100 Prozent, was Putin macht und was er von Deutschland braucht.“

Kenji: „Das ist zutreffend formuliert. Sicher geht es in die richtige Richtung, sich mit Russland zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Wir wissen zu wenig und sind zu voreingenommen. Ich habe aber eine gewisse Distanz und gesunde Skepsis, gerade gegenüber Despoten wie Putin.“

Wanek: „Er ist kein Despot. Dieses Wort bezeichnet einen unkalkulierbaren, willkürlichen Alleinherrscher. Das ist Putin nicht. Er handelt rational und ist wandlungsfähig.“

Am Ende des Gesprächs posieren die beiden noch für ein gemeinsames Foto. Es zeigt eine Frau und einen Mann, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen, sich anschauen und lachen. Bevor Kenji und Wanek wieder in ihre Alltagswelten zurückkehren, sagt Wanek zu, dass er sich bei seiner Debattenpartnerin melden wird, um sich mit ihr zu treffen. Dieses Mal dann nicht in einem Café, sondern auf der Zuschauertribüne, um sich ein Hockeyspiel anzuschauen.

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lockhart, Ina
Ina Lockhart
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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