Leser über Corona

„Boris Palmer hat statistisch nicht recht“

Von Elena Witzeck
11.05.2020
, 16:28
Streiten und dabei Spaß haben: Tobias Cepok und Ulrike von Criegern
Bei „Deutschland spricht“ geht es um wechselnde Überzeugungen und den armen Mann beim RKI: Eine Rechtsanwältin und ein Gewerkschafter werden sich auf der Suche nach der Gerechtigkeit in der Krise einig.

Am Tag, an dem sich Ulrike von Criegern und Tobias Cepok kennenlernen, protestieren in Stuttgart, München und anderen deutschen Städten Tausende gegen die Haltung der Bundesregierung bei der Bekämpfung des Virus. Sie stehen dicht an dicht: Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme und Zweifler. Und zeigen, dass sie auch vom Mundschutztragen wenig halten.

Cepok bleibt daheim. Um 15 Uhr sitzt er in einem Raum, in den ein Ast ragt, vor seinem Rechner. Eine Frau erscheint vor einer weißen Regalwand auf dem Bildschirm. Sie schiebt sich ihre Brille auf die Nase und lacht. „Guten Tag, freut mich sehr.“ Auch bei ihnen soll es um das Virus gehen, auch bei ihnen darf protestiert werden gegen die Arbeit der Politiker, aber privat und etwas konstruktiver. Vorerst geht es um Gemeinsamkeiten (Namen mit polnischen Wurzeln) und neugierige Beobachter (Kinder, ein Fotograf). „Könnt ihr euch noch eine Runde beschäftigen?“, fragt Cepok die Mädchen, die auf den Spielplatz wollen und spähen, was auf dem Bildschirm passiert. Und wenn der kleine Bruder kommt: bitte mitspielen lassen.

Ein tägliches Auf und Ab

Von Criegern ist Rechtsanwältin und lebt in der Nähe von Hamburg. Cepok ist Gewerkschaftsreferent bei Gießen und arbeitet gerade von daheim. Er trägt die Haare lang und einen Bart. Beide kommen irgendwie zurecht. Beide haben aber auch Angst, vor Krankheits- und Todesfällen. Sie haben in den letzten Wochen ganz Unterschiedliches erlebt. Die Rechtsanwältin sagt, die Antworten, die sie bei der Anmeldung zur „Deutschland spricht“-Aktion vor ein paar Tagen eingetragen habe, seien in schlaflosen Nächten gereift. In einer schwierigen Stimmung aus Unruhe und Wut. Sie stimmten nicht mehr so ganz mit ihrer heutigen Sicht überein. Damit ist sie nicht allein. Für die meisten von uns ist es ein tägliches Auf und Ab. Und jede Überzeugung von der Tagesform abhängig.

Also los. Hat die Bundesregierung richtig auf die Krise reagiert? Im Grundsatz schon. Mit einigen Abers. Verschlafen, vermutet Cepok, wurde der zeitliche Vorsprung gegenüber Ländern wie Italien, den man für Testverfahren hätte nutzen können. Von Criegern war, als es begann, beim Skifahren in der Schweiz. Als sie zurück in den Hamburger Alltag kam, standen in Österreich schon eine Woche lang die Lifte still. Eine befreundete Familie kehrte zur selben Zeit aus Ischgl zurück. Drei Wochen war der Vater krank, kollabierte noch während der Genesungsphase zweimal und musste zurück ins Krankenhaus. Sie kennt auch Menschen, die ihre Eltern verloren haben. „Früher dachte ich, da wird dramatisiert.“ Jetzt sind die Einschränkungen im öffentlichen Leben für sie eine logische Konsequenz.

Ulrike von Criegern ist 54 Jahre alt. Sie spielt Bridge und hat einen Hund. Ihre Hoffnungsspender sind die Familie und der Frühling. Wenn die Krise für einen ökologischen Umschwung sorgen sollte, wäre sie froh. Sie habe nichts zu verbergen, sagt sie, mit Drogen und Kindern handle sie nicht und störe sich deshalb wenig an den Plänen zur Lockerungen des Datenschutzes: „Wenn es um Menschenleben geht und meiner Sicherheit dient, kann ich nichts dagegen einwenden.“ Körperliche Unversehrtheit wiege mehr als die persönlichen Daten. Das gilt ihrer Meinung nach auch für die Zukunft, wenn neue Infektionswellen drohen.

Tobias Cepok ist 36. Er liest gern und gärtnert. Wenn wir keine harte Grenze haben, die unsere Daten schützt, sagt er, öffne das dem Missbrauch neue Türen: „Das geht nur freiwillig.“ Wer sich von sich aus melde, müsse auch von seiner Überzeugung zurücktreten können. Und nach der Krisenzeit müsse neu über die persönlichen Rechte an den Daten entschieden werden. Nur: Wann endet so eine Krise, und wie definiert man das?

Im Fernsehen, sie weiß nicht mehr genau, wo es war, hat von Criegern erfahren, dass die geplante und immer noch nicht einsetzbare Corona-App in anderen Ländern längst entwickelt wurde – die Bundesregierung sie also schlicht hätte abkaufen können. „Ich weiß nicht, ob es stimmt“, sagt sie. Bei all den Theorien, die kursieren, muss man mit vermeintlich seriösen Quellen ja besonders vorsichtig sein. Darf man sich trotzdem ausreichend informiert fühlen? „Möglicherweise kann man in diesen Zeiten gar nicht besser informieren.“ Der arme Mann vom RKI – er wisse doch selbst oft genug nicht, was er sagen solle über das neue, das viel zu unzulänglich erforschte Virus. Daher das Hin- und Hergeeiere. Cepok sieht die Informationen in Wellen an sich vorbeiströmen. „Am Anfang habe ich gar nichts vernommen. Dann gab es diese Flut an Informationen.“ Aber er interessiert sich ja auch und sucht nach Antworten. Schwieriger werde es für jene, zu denen nur Informationsschnipsel dringen.

Cepok ist Gewerkschafter für Lehrer, Hochschulpersonal und Erziehende. Er hat Erfahrung mit der digitalen Lehre – und wundert sich, wie daraus überhaupt eine Kontroverse werden konnte. „Digitalisierung ist längst Teil der Bildung“, sagt er. Den staatlichen Bildungsauftrag in der Ausnahmesituation höher zu gewichten als Datenschutz und Didaktik, das sei schon zu verschmerzen. Aber er will, dass seine Kinder das richtige Bewusstsein für die Technologien entwickeln. Die tatsächlichen Begegnungen, sagt er, könne das Digitalprogramm nicht ersetzen. Außerdem habe nicht jedes Kind sein eigenes Zimmer und den passenden Rechner. Es gibt so viele Welten, die man jetzt im Auge behalten muss.

Jetzt, als es an die soziale Frage geht, erinnert sich von Criegern noch an den Grund für ihre Nächte ohne Schlaf: Ständig, sagt sie, sei davon die Rede, dass niemand um seine Existenz fürchten müsse. Sie kenne zwar keine Betreiber von Sonnenstudios. Aber es liege auf der Hand, dass die Hilfen nicht weit genug gehen. Da könne er nur zustimmen, sagt Cepok. Diese Rhetorik: Wir tun, was wir können. Dabei ist die Überbrückungshilfe nicht mehr als ein Kredit. Besser als nichts. Aber dann, nach Ende der Krise, fallen sogar Zinsen an.

Die Zeit läuft davon. Nur ein Satz noch zur Isolierung von Risikogruppen. „Dem würde ich entschieden widersprechen“, sagt Cepok. Entweder, alle halten sich an die Einschränkungen. Oder keiner. Auch in den Pflegeheimen lebten die Leute von sozialen Kontakten. Und überhaupt: „Boris Palmer hat statistisch nicht recht.“ Wenn er von der Rettung derer spreche, die ohnehin nur noch ein paar Jahre zu leben hätten, verkenne er, dass jeder Achtzigjährige älter werde als der statistische Durchschnitt.

„Da waren wir uns aber einig“, sagt von Criegern und klingt überrascht. „Hin und wieder“, sagt Cepok und lächelt. Der Fortgang der Krise habe ihn gelehrt, seine Haltungen immer wieder neu abzuwägen. Offen zu bleiben. Meinungen anzupassen, wenn es nötig ist.

Also dann. Alles Gute. Spielplatz und Hund warten.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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