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„Deutschland spricht“

„Der Rechtsruck hat Schichten aufgebrochen“

Von Elena Witzeck
 - 12:23
Die Autorin Jana Hensel bei der Diskussionsveranstaltung „Deutschland spricht“ in der Frankfurter Paulskirche
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Autorin Jana Hensel
„Ein erschreckender Befund“

Frau Hensel, wenn man über Sie sagt: „Durch sie spricht der Osten“ – wie fühlen Sie sich da?

Das ist eine charmante Formulierung, insofern freue ich mich darüber. Der Osten Deutschlands ist in den letzten Jahren präsenter und vielstimmiger geworden. Lange Zeit wurden diese Themen ausgeblendet, aber inzwischen reden mehr und vor allem immer mehr junge Leute über den Osten und ihre Erfahrungen der Neunzigerjahre. Da hat sich wahnsinnig viel getan und ich bin sehr froh darüber.

Sie stehen also nicht mehr alleine da ...

Das war ich ja nie. Aber die Migrationsforscherin Naika Foroutan hat es einmal ein ostdeutsches Erwachen genannt – und ich glaube, da ist was dran. Mit dem Jahr 2015 wurde nicht nur der Rechtsruck der Bevölkerung sichtbar, sondern auch eine Kultur des Ressentiments gegenüber den Ostdeutschen. Wir, die offen sprechen und Initiativen wie Aufbruch Ost gründen, wehren uns dagegen. Viele junge Wissenschaftler beugen sich gerade über die Neunzigerjahre, die bislang zu wenig aus ihrer Perspektive erzählt wurden, und formulieren Erfahrungen neu. Das ist eine groß angelegte Aneignung eigener Geschichte.

In der Paulskirche haben Sie gestern von den verschiedenen Sprachen der Deutschen geredet. Sprechen Sie hier, zum Verständnis der Frankfurter, Westdeutsch?

Natürlich spreche ich in Frankfurt oder Hannover Westdeutsch. Ostdeutsch spreche ich nur, wenn ich im Osten bin. Offen gestanden bekomme viel mehr Einladungen aus dem Osten. Ich sage diesen Einladungen auch lieber zu – nicht, weil ich etwas gegen Unterhaltungen mit Westdeutschen habe, sondern weil es für mich wichtiger ist, in ostdeutsche Provinzstädte zu fahren und dort zu lesen. Dort leben die Menschen, die heute großen Gesprächsbedarf haben. Wer über den Osten schreibt, kann es nicht unpolitisch tun.

Eine Art Lehrauftrag?

Eher Verantwortung. In den großen westdeutschen Zeitungen, in denen ich gearbeitet habe, gab es viel zu wenige Ostdeutsche. Ich wusste immer: Wenn ich die Geschichten nicht erzähle, werden sie gar nicht erzählt. Das ist das typische Schicksal von Minderheiten und marginalisierten Gruppen. Wir haben nicht die Freiheit, uns diese Geschichten auszusuchen. Wir müssen sie erzählen.

Also sind Sie den Menschen bei Veranstaltungen im Osten näher?

Der Westen ist für mich nicht fremd. Ich bin lange nach Frankfurt gependelt, wäre aber nie hierher gezogen. Ich wollte in Berlin bleiben...

Warum?

Weil ich über den Osten schreibe. Ich brauche ostdeutschen Boden unter den Füßen.

Was würden Sie auf die Frage der Aktion „Deutschland spricht“ antworten, ob sich Deutschland zu wenig um Ostdeutschland kümmert?

Das Interessante daran ist ja: Meint man mit Deutschland eigentlich Westdeutschland? Bei näherer Betrachtung scheint mir die Frage etwas unpräzise. Wenn Sie fragen: Brauchen wir eine Korrektur der ersten dreißig Nachwendejahre? Da würde ich ja sagen – in dieser Hinsicht müssen wir uns „kümmern“. Brauchen wir neue politische Lösungen für die Situation im Osten? Ja. Der Osten wurde dreißig Jahre lang nach westdeutschen Methoden verwaltet. Wir brauchen eigene politische Ansätze für den Osten. Über die müsste gesprochen werden. Das sehe ich aber bislang nicht.

2009 haben Sie ein Buch mit dem Namen „Warum wir anders bleiben müssen“ geschrieben. Ihr neues Buch trägt den Titel „Wie alles anders bleibt“. In diesen zehn Jahren ist also alles anders geblieben?

Interessanterweise hat da Buch damals niemanden interessiert. Im Prinzip ist das, was ich damals geschrieben habe, erst heute wirklich Realität geworden. Der Osten ist anders geblieben. Vieles von dem, was ich damals verfasst habe, wird heute breit diskutiert. Die Zeit ist fortgeschritten.

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Hat sich denn auch etwas verändert?

Die Frage, ob wir durch Reden etwas verändern können, beschäftigt mich sehr. Das Reden der letzten vier Jahre hat nach meinem Empfinden extrem viel verändert. Es hat den Ostdeutschen ein Selbstbewusstsein zurückgegeben, eine Sprache. Der Rechtsruck veranlasste viele Ostdeutschen zu einem Selbstgespräch über das, was da eigentlich seit 1989 passiert – zu einer Bilanzierung. Die Politik hat wieder angefangen, den Kontakt der Menschen zu suchen. Die Zivilgesellschaft ist erwacht: Man stellt sich klarer gegen rechts als in den fünfundzwanzig Jahren zuvor. Es ist paradox, aber der Rechtsruck hatte eine ganze Menge positive Auswirkungen. Er hat Schichten aufgebrochen, die wir innerhalb unseres demokratischen Konsens‘ nicht aufbrechen konnten.

Das klingt sehr optimistisch. Sorgen machen Sie sich keine?

Meine große Angst ist, dass das Reden nicht ausreichen wird. Wir haben mit so vielem zu kämpfen: Die enormen Vermögensunterschiede , die Überalterung, die hohen Abwanderungsraten, die Vermännlichung der ostdeutschen Gesellschaft. Es ist beschämend, wie unterrepräsentiert Ostdeutsche in Führungspositionen sind. Reden allein wird nicht helfen. Wir müssen die Realität ganz konkret verändern. Vielleicht tun wird da nicht genug.

Es geht um politische Lösungen.

Ja. Die Zustimmungsraten unter den Ostdeutschen zu sogenannten Ostquoten sind unglaublich hoch – ohne dass wir wissen, wie wir sie gestalten. Aber keine einzige Partei hat sich damit bislang konkret befasst.

Nervt es Sie, wie Westdeutsche über den Osten reden und berichten?

Nach dem Attentat in Halle vor drei Wochen hatte ich wie bei jeder Gewalttat der vergangenen Jahre wieder Angst vor der Welle von Ressentiments, vor den „Zonis sind alle Nazis“- und „Wir wollen die Mauer zurück“-Kommentaren im Netz. Aber interessanterweise ist das diesmal nicht passiert. Mir scheint, wir kommen da einen Schritt weiter: Menschen sind in der Lage, ihre Perspektive zu hinterfragen. Die Rede von Angela Merkel am 3. Oktober hat mich wegen ihrer Realitätsnähe erstaunt. Früher hatte das Reden an diesen Feiertagen etwas Realitätsverweigerndes. Auch der Bundespräsident gibt sich Mühe und sagt erstaunlich wahrhaftige Dinge. Wir sind da auf jeden Fall vorangekommen.

Wie wichtig ist es jetzt, über die Mentalität der Ostdeutschen zu sprechen?

Diese mentalitätsgeschichtlichen Erklärungsversuche halte ich für pauschalisierend und nur dazu gedacht, eigene Vorurteile zu bestätigen. Besser wäre es, auf die Fakten zu schauen: Thüringen etwa ist ein Land, in dem fast jeder Landkreis schrumpft. In solchen, vom Bevölkerungsrückgang betroffenen Regionen, ist die AfD erfolgreicher. Wir wissen vom Männerüberschuss in diesen Regionen. Überhaupt ist die AfD ein sehr männliches Problem. Je stärker wir die Debatte versachlichen, desto näher kommen wir ihrem Kern.

Nun haben besonders viele junge Thüringer die AfD gewählt.

In Sachsen was es genau umgekehrt. Thüringen ist stärker ländlich dominiert. Hier zeigt sich allem voran die Kluft zwischen urbanen Zentren und ländlichen Räumen. In Chemnitz, Dresden und Leipzig wurden die Grünen bei den Wählern unter dreißig stärkste Kraft. Sobald man aber diese Zentren verlässt, wählen die Jungen eher AfD. Das ist kein Problem des Ostens, sondern eines der ländlichen Räume. Wenn Sie da hinfahren, wird Sie das nicht überraschen. Fast vier Millionen Ostdeutsche leben in den alten Bundesländern. Seit ich hier bin, höre ich überall ostdeutsche Dialekte. Wenn ich in München in eine Bäckerei gehe, kann ich mir relativ sicher sein, dass eine der Verkäuferinnen einen Thüringer oder Sächsischen Dialekt spricht.

Freut Sie das in solchen Momenten?

Ja, aber ich bin auch gespalten. Ich weiß, dass diese Leute dem Osten fehlen. Diese vier Millionen sind mobil, zuversichtlich, tatkräftig, sie sind gut ausgebildet und mehrheitlich Frauen. Die fehlen im Osten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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