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„Deutschland spricht“

„Man dringt zu manchen Menschen gar nicht mehr durch“

Von Stefan Locke, Dresden
 - 13:07
Die Teilnehmer und Organisatoren von „Deutschland spricht“ in Dresden

Eva Sagemüller hat sich schick gemacht, im dunkelblauen Kleid mit silberner Brosche wartet sie im Konferenzraum eines Dresdner Hotels auf ihre Gesprächspartnerin, die ihr bei „Deutschland spricht“ zugelost wurde. Sagemüller ist Dresdnerin, sie floh 1980 in den Westen und kam vor 15 Jahren zurück in ihre Heimatstadt. Sie habe sich bis heute noch nicht vom „Rückkehrschock“ erholt, sagt sie, besonders die Entwicklung der vergangenen Jahre mache ihr zu schaffen – Frust, Pegida, AfD. „Ich verstehe Ältere, die nach der Wende keine Fuß mehr auf den Boden gekriegt haben“, sagt die 67 Jahre alte Lehrerin. „Aber die Krawallmacher jetzt, die sind mir absolut unbegreiflich.“ Sie sei erschüttert, wie bestimmte Ansichten auch in gebildeten Kreisen um sich griffen und hofft deshalb, hier mit einem „krassen Partner“ in Kontakt zu kommen.

Ähnlich geht es Andrea Albrecht, die sich als „pegida-ertragende Dresdnerin“ vorstellt. „Man dringt zu manchen Menschen gar nicht mehr durch“, sagt die 45 Jahre alte Einzelhandelskauffrau und erzählt in kleiner Runde, wie in ihrem Umfeld den vergangenen Jahren Freundschaften zerbrochen seien und auf Familienfesten nicht mehr über Politik gesprochen werde, um eine Eskalation zu vermeiden. Albrecht sagt, sie habe durch Zufall von „Deutschland spricht“ erfahren und hoffe hier auf Antworten auf ihre Hauptfrage: „Wie komme ich an die Leute wieder ran?“ Zu oft höre sie nur den Satz: „Du verstehst mich sowieso nicht.“ Vielleicht habe sie selber Fehler gemacht, zu scharf formuliert, dass sich der andere auf den Schlips getreten fühlt?

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Einen Rat hat zuvor Florian Illies gegeben: „Wenn Ihnen ein Gesprächspartner merkwürdig vorkommt, machen Sie sich Gedanken, welche Erfahrungen er gemacht haben könnte“, sagt der Autor und Publizist in der Dresdner Frauenkirche, wo die Aktion zeitgleich wie die in der Frankfurter Paulskirche mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen eröffnet wurde. Er könne die Sehnsucht verstehen nach klarer Kante, nach einem, der endlich mal auf den Tisch haut, sagt Illies. Aber das sei eine ganz gefährliche Tendenz. Die Demokratie sei oft mühsam und langweilig, aber am Ende stehe meist ein Kompromiss, der niemanden ganz, aber alle ein wenig berücksichtige und so den Frieden in der Gesellschaft erhalte. Es bleibe deshalb gar nichts anderes übrig, als miteinander zu sprechen und es für möglich zu halten, dass der andere Recht haben könnte.

Dresdner Frauenkirche als Symbol der Versöhnung

Die über allem schwebende, große Frage, ob unsere Demokratie in der Krise sei, verneinte der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel. Schon als er 1975 mit dem Studium begonnen habe, sei ständig von Krise die Rede gewesen. Dabei gebe es noch nicht mal verlässliche Indikatoren, wann denn eine solche Krise überhaupt beginne, vielmehr sei die gegenwärtige Lage eher der „Normalzustand“. Gleichwohl gebe es Herausforderungen, und eine davon sei die zunehmend ungleiche Verteilung des Wohlstands in der Gesellschaft, der politische Entscheidungen beeinflusse. „Wer 12 000 Euro verdient, wählt anders als die, die 1 200 Euro verdienen“, sagt Merkel. Zugleich regte er einen Blickwechsel auf Populisten an. Diese hätten eine wichtige Funktion, „weil sie zu Widerspruch in der Gesellschaft anregen“.

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Aktion „Deutschland spricht“
„Es hängt alles zusammen“

Mehr Widerspruch hätten freilich auch die Podien an diesem Nachmittag vertragen, doch in Redebeiträgen und Diskussionen herrschte weitgehend Einigkeit, Kontroversen fanden nicht statt, was vielleicht auch am Veranstaltungsort gelegen hat: Die Frauenkirche in ihrer Pracht bietet sich per se schon nicht zum Streit, sondern eher zur Versöhnung an. Geladen war zudem ausschließlich die bildungsbürgerlich-liberale „Mitte“ der Gesellschaft, die auf der Bühne drei lange Stunden unter sich blieb. Der Zuspruch im Publikum war überschaubar, der große Kirchenraum blieb halb leer, obwohl die Tickets für die Veranstaltung kostenlos zu haben waren. Womöglich haben die Dresdner und die Sachsen in den vergangenen Jahren schon soviel geredet oder sie sind soviel beredet worden, dass sie ganz einfach müde sind?

Für die zwei Dutzend Leute, die sich anschließend zum direkten Gespräch bei „Deutschland spricht“ treffen, trifft das nicht zu. Sie haben Redebedarf, von Beginn an fliegen Stichwörter wie Klimawandel, Rechtsextremismus, Pflegenotstand und Fridays For Future durch den Raum, die nicht, wie eigentlich vorgesehen, im Dialog, sondern meist gleich in großer Runde besprochen werden. Die meisten im Raum sind Dresdner, aber auch aus Bayern und Hamburg sind Teilnehmer angereist. Wie Jürgen Lammert, der schon zum dritten Mal bei „Deutschland spricht“ ist und sich auch schon beim europäischen Pendant „Europe talks“ in Brüssel beteiligt hat. „Ich bin ein Reisender in Sachen Erkenntnisgewinn“, sagt der 62-Jährige, der vor allem Kontakt zu Andersdenkenden sucht. Im eigenen Freundeskreis, erzählt er, komme er einfach zu selten mit gänzlich anderen Ansichten in Kontakt.

Bei den meisten Grundfragen Konsens

Richtigen Dissens aber gibt es dann auch hier zwischen den Diskutanten nicht. Einige liegen in Detailfragen auseinander, sind sich aber im Großen und Ganzen einig, vor allem auch darin, dass es ihnen an geeigneten „Sparringspartnern“ fehlt. Gleich mehrere sagen, dass sie es schade fänden, dass bei den Diskussionen in der Kirche nicht das Publikum einbezogen worden sei. Andrea Albrecht erinnert sich an die Bürgerdialoge in der Kreuzkirche, die die Stadt Dresden und die Kirche in der „heißen“ Pegida-Phase anboten, und bei denen es im stets vollen Saal immer auch 15 Minuten lange „Flüsterpausen“ gegeben habe, in denen die Leute mit ihren Sitznachbarn ins Gespräch kommen konnten. Sie habe das als bereichernd empfunden, sagt sie und bedauert, dass ihr zugeloster Gesprächspartner an diesem Tag nicht auftaucht.

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Anders ist das bei Eva Sagemüller, die sich eine gute Stunde lang intensiv mit Liane Fischer auseinandersetzt, ihrer zugelosten Dialogpartnerin. Sie ist ebenfalls Dresdnerin, sie arbeitet im Marketing und sorgt sich um den Ruf der Stadt, sie ist des Redens mit Rechten müde und auf der Suche nach Auswegen, was man besser machen kann. Auch hier herrscht erstmal Konsens, wie beide leicht enttäuscht feststellen, aber dann tauschen sich beide Frauen über ihre Erfahrungen mit Rechtsextremismus, über Ost und West und über die Lage heute aus. Das Leben in der DDR, die harte Zeit der Transformation zur Marktwirtschaft, aber auch das Glück, in einer Zeit wie dieser zu leben, kommen zur Sprache. „Wir müssen uns unbedingt noch mal treffen“, beschließen beide. Auch weil es am Ende, völlig unerwartet, doch noch Dissens gegeben hat. „Wir müssen über die Frauenfrage reden“, sagt Fischer, die anders als Sagemüller „überhaupt nicht“ der Meinung ist, dass Frauen in der heutigen Gesellschaft in Deutschland alle Möglichkeiten haben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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