<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
„Deutschland spricht“

„Bei Nazis bin ich ganz schnell weg“

Von Monika Ganster, Halle
Aktualisiert am 31.10.2019
 - 18:09
Annekathrin Pohle, Künstlerin, und Matthias Barth, Rentner, haben sich an der Aktion „Deutschland spricht“ beteiligt.zur Bildergalerie
Blind Date mit einer anderen Meinung: Die freischaffende Künstlerin und der ehemalige Geschäftsführer kommen sich bei vielen Themen näher, als es ihre Biografien zunächst vermuten lassen.

Der „Saalekahn“ am Fluss ist ein rustikales, gemütliches Restaurant in Halle, das Matthias Barth für sein Gespräch mit Annekathrin Pohle gewählt hat. Der 63-jährige ehemalige Geschäftsführer ist neugierig auf die diplomierte Schmuckkünstlerin im Alter seiner Tochter. Doch den Altersunterschied von fast 30 Jahren fegt Annekathrin Pohle erstmal mit einem forsch-freundlichen „Du“ vom Tisch.

Die beiden wollen verstehen, warum der andere so tickt wie er eben tickt. Bei den Einstiegsfragen zu „Deutschland spricht“ haben die beiden Hallenser komplett gegensätzlich geantwortet. Etwa darauf, ob sich Deutschland genügend um Ostdeutschland kümmere.

„Mich hat schon die Frage nachdenklich gemacht“, sagt Pohle. „Wenn man sich um jemand kümmern muss, heißt das dann, die können das nicht alleine? Ich gehe nicht davon aus, dass die Menschen hier blöder oder fauler sind, oder grundsätzlich weder Ahnung noch Bock auf Demokratie haben – auch wenn es da zur Zeit rechte Tendenzen gibt, aber da will ich niemand entmündigen, die sind alle erwachsen!“

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Obwohl sie die DDR nur noch als Kleinkind erlebt hat, beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der Wiedervereinigung. „Was Ostdeutsche zur DDR-Zeit geleistet haben, wird oft nicht genug anerkannt. Eine oder gar mehrere Generationen müssen mit einem Bruch in ihrer Biographie irgendwie klarkommen. Dafür dann auch noch den Titel ,Jammerossis' zu bekommen, das finde ich schon ganz schön hart“, konstatiert Pohle. „,Jammerwessis' gibt es aber auch!“ fügt Barth lächelnd hinzu. Und ergänzt: „Mir fehlt aber oft auch die Anerkennung für das, was die Westdeutschen geleistet haben.“

Die Gehaltsunterschiede zwischen Ost und West nerven Pohle immer noch, auch wenn die Einführung des Mindestlohns da eine große Hilfe war. Barth lässt in solchen Moment gerne den Geschäftsführer in sich zu Wort kommen, der erfolgreich mit Westfirmen zusammengearbeitet hat. Pohle hält ihre eigenen und die Erfahrungen ihrer Umgebung dagegen.

Draußen versinkt die Stadt in der dunklen kalten Nacht, drinnen erwärmen sich die Gesprächspartner füreinander. „Ich bin ein bisschen neidisch, dass Du jetzt Zeit hast, Vorlesungen zu besuchen“, stellt die 34-Jährige fest. Matthias Barth ist sich des Privilegs durchaus bewusst, mit 64 Jahren diese (finanzielle) Freiheit zu haben. Er besucht als Gasthörer von „Ethik der sozialen Marktwirtschaft“ über „Islam“ bis zur „Soziologie“ was ihn gerade interessiert und stellt am Ende fest „wie viel doch miteinander zusammenhängt“. Überblick statt Tunnelblick nennt er es.

So hat er sich auch ans Tandem mit einer arabischen Studentin gewagt, die einen Gesprächspartner für Deutsch suchte. Er hat dafür etwas Arabisch von ihr gelernt und unerwartete Einblicke in ihre Gedankenwelt bekommen. „Die arabischen Studierenden halten offenbar die Öffnung unserer Grenzen im Jahr 2015 für einen Fehler“. Die Studentin habe ihm auch von Ängsten erzählt, die sie manchmal nachts auf der Straße beschleichen. „Aber nicht unbedingt vor deutschen, sondern vor arabischen Männern“, berichtet Barth. „Also ich fürchte mich eher vor Glatzen“, stellt Pohle dazu fest. „Bei Nazis bin ich ganz schnell weg.“

„Ich glaube schon, dass es bei uns ein bisschen unsicherer geworden ist seit 2015“, meint Barth. Aber sei das nicht zu erwarten, wenn Menschen mit ganz anderer Kultur und Rechtsauffassung herkommen? Pohle widerspricht: „Selbst wenn jemand eine ganz andere kulturelle Prägung hat, führt das ja nicht automatisch zu einer bösen Tat! Migration gehört zur Menschheitsgeschichte, die gab es immer schon. Und diese Art der gesellschaftlichen Veränderung ist eine Konstante, die es auch schon immer gab. Nach 1945 hat Deutschland doch auch Millionen Ost-Flüchtlinge aufgenommen und integriert, obwohl es der Gesellschaft insgesamt sehr schlecht ging.“

Barth gibt zu Bedenken: „Aber wo alle arm sind und nichts zu verlieren haben, ist die Akzeptanz wahrscheinlich größer als jetzt, wo viele Angst haben, etwas zu verlieren“
„Aber ist das nicht traurig?“, antwortet Pohle. Die beiden sitzen diskutierend vor ihren leeren Wein- und Wassergläsern. Die Kellner haben schon lange aufgegeben.

Der Klimawandel brennt der Jüngeren unter den Nägeln: „Das Thema begleitet mich seit der Grundschule, aber es wird einfach nicht gehandelt. Wahrscheinlich weil Menschen die Langfristigkeit nicht als Handlungsanleitung akzeptieren können. Aber es ist akut, so viel Zeit ist nicht mehr.“ Der Ältere hält dagegen: „Aber wenn acht Milliarden Menschen klimaneutral leben sollen, heißt das für uns, dass wir unseren Lebensstandard senken müssen. So auf das Niveau der 60er Jahre, das wird keiner machen.“ Und: „Wir sollten bei unseren Gewohnheiten bleiben…“ Pohle: „Das geht nicht!“ Barth: „.. aber dabei den Energieverbrauch senken.“

CO2-Besteuerung, Zug- statt Flugreisen, privater Konsum und globale Verantwortung, die Themen gehen ihnen nicht aus. Nach drei Stunden Gespräch ist sichtlich Respekt zwischen zwei bislang Fremden gewachsen, ein spürbarer Spaß am Austausch auch außerhalb der eigenen Filterblase. Und vielleicht gibt es sogar eine Fortsetzung dieses Gesprächs.

Quelle: F.A.Z.
Monika Ganster- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Monika Ganster
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.