<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
„Deutschland spricht“

Wenn Absurditäten als Freiheiten verklärt werden

Von Marie Degenfeld, Frankfurt
 - 08:42
Bringen ein weiteres Thema bei „Deutschland spricht“ ein: die Bedeutung des Glaubens. Doro Bateva (links) und F.A.Z.-Hospitantin Marie Degenfeld.

„Oh je, auf was habe ich mich da nur eingelassen?“, schießt es mir durch den Kopf, als ich am Eingang der Frankfurter Paulskirche auf Doro Bateva warte. Die zentrale Auftaktveranstaltung von „Deutschland spricht“ ist vorbei, und um 17 Uhr ist der deutschlandweite Startschuss für die Streitgespräche gefallen. F.A.Z.-Herausgeber Werner D`Inka hat in seinem Kurzvortrag an die Anwesenden appelliert: „Fetzen Sie sich, dass es nur so kracht“. Ich selbst sehe mich als einen ziemlich streitfaulen und harmoniebedürftigen Mensch.

Bateva ist 32 Jahre alt und mein „Deutschland spricht“-Gesprächspartner. In sechs von sieben kontroversen Ja/Nein-Fragen haben wir unterschiedliche Meinungen. Sie arbeitet als Innovationsberaterin bei der Deutschen Bahn. Wir haben vereinbart, uns im Plenarsaal der Paulskirche zu treffen. Auf ihrem „Deutschland spricht“-Profil habe ich gelesen, dass sie SUV in der Großstadt und Profitorientierung nicht mag. Ablehnend stehe ich solchen Punkten nicht gegenüber. Mir scheint es eher, dass meine Lebensschwerpunkte woanders liegen. Ich frage mich, was uns alles durch die sechs unterschiedlich angegebenen Antworten voneinander unterscheidet.

Und dann ist sie da. Mit ausgestreckter Hand kommt Bateva lächelnd auf mich zu. Sie entschuldigt sich, dass sie sich knapp verspätet hat, sie sei mit dem Fahrrad hergekommen. Erster Eindruck: super sympathisch, wir duzen uns. Wir steigen die Treppen zum Plenarsaal hoch und merken, wo bei der vorigen Veranstaltung noch mehr als 500 Leute saßen, ist der Saal inzwischen fast leergekehrt. Außer uns ist nur noch ein weiteres Streitpaar anwesend. Wir setzen uns auf das Podium.

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

Mehr erfahren

Bateva fragt mich, ob es einen Gesprächs-Leitfaden gibt. Ich schlage die Fragen vor, bei deren Antworten wir uns unterscheiden. Erste Frage: „Sollte Deutschland engere Beziehungen zu Russland anstreben?“. Ich sage Ja, sie sagt Nein. Sie hält es für falsch, mit einem Land, das die Meinungsfreiheit verletzt, Homophobie befürwortet und die Krim annektiert hat, engere Beziehungen zu führen. Gleichzeitig versteht sie, dass es schwierig ist, Haltung zu wahren und Handelsbeziehungen aufrecht zu erhalten. Als studierte Slawistin, die einige Monate in Moskau gelebt hat, halte ich eine gute Beziehung zu Russland für sehr wichtig. Batevas Kritik am System Putin teile ich trotzdem. Gleichzeitig wünsche ich mir einen Weg, die Beziehungen zu Russland zu verbessern, ohne Abstriche machen zu müssen. Wie genau das funktionieren soll, ist mir auch noch nicht klar.

Das Gespräch verläuft dynamisch, wir bewegen uns schnell auf das Thema Umwelt zu. Ein Thema, das Bateva sichtlich berührt. Sie ist der Ansicht, dass man in Deutschland an einem Punkt angekommen ist, wo ehemalige Absurditäten als Freiheiten betitelt werden. „Wenn ein Geringverdiener jeden Tag verrückt billiges Fleisch essen kann, das mit Antibiotika und Angsthormonen vollgestopft ist, dann ist das keine Freiheit“, sagt sie. Sie träumt von einem Deutschland, wo Massentierhaltung verboten wird, man solle Anreize für „richtiges“ Wirtschaften setzen. Ich bemerke, dass ich in den letzten Jahren sensibler für das Thema geworden bin, im Alltag aber meinen Fokus weniger darauf setze.

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Bateva engagiert sich in ihrer Arbeit für ein wachsendes Umweltbewusstsein. Ihrem Kollegen, der ihrer Meinung nach zu oft mit einem „Coffee to go“-Becher in die Arbeit gekommen ist, hat sie zum Geburtstag einen Mehrwegbecher geschenkt. Für den vergangenen globalen Klimastreik hat sie ihre Kollegen angeworben. Allerdings mit mäßigem Erfolg. In der Großstadt machen sie ignorante Autofahrer und SUV wütend. Bateva versucht gelegentlich, die Fahrer vor roten Ampeln darauf aufmerksam zu machen, wenn sie beispielsweise nicht geblinkt haben. Dafür muss sie auch mal harsche Kommentare einstecken. Ihr Mut und ihre Direktheit beeindrucken mich.

Manchmal, sagt sie, fühlt sie sich ohnmächtig – gegen den Kapitalismus und die Ungerechtigkeit. Sie fragt mich, ob ich Angst vor der Zukunft habe. Wie aus der Pistole geschossen antworte ich mit „Nein“. Klar habe auch ich angesichts der Weltpolitik Sorgen, gleichzeitig bin ich überzeugt, dass sich mit einer Prise Optimismus Herausforderungen leichter anpacken lassen.

Irgendwann kommen wir darauf, dass wir beide große Podcast-Fans sind. Wir teilen unsere Begeisterung für den endlosen Interview-Podcast „Alles gesagt?“ und haben die Folge mit Youtuber Rezo gehört. In dieser kritisiert er stark die Klimapolitik in Deutschland. Eine Frage, die meine Gesprächspartnerin sehr beschäftigt, ist, wie weit man in einer Demokratie gehen darf, um zur Klimaneutralität beizutragen. Kann man es verantworten, in einem Land zu leben, das sich selbst zerstört? Kann man dem Großteil der Bevölkerung zutrauen, dass er von selber den Schritt zum nachhaltigeren Leben wagt? Bewusst überspitzt fragt sie mich „Würdest du lieber in einer Diktatur leben oder in einer Demokratie sterben?“ Ich überlege nicht lange und entscheide mich für die zweite Option. Ich versuche ihr zu vermitteln, dass ich in der Aufklärung die beste Möglichkeit sehe.

Bateva sagt, ein strikteres Regelwerk, das Verzicht oder eine Umgewöhnung von uns erfordern würde, könnte in Summe eine Erleichterung für die Gesellschaft sein. Ich hingegen bin der Auffassung, am Beispiel der Gelbwesten in Frankreich würde man sehen, dass ein Großteil der Bevölkerung sich von der Regierung übergangen fühle. Man müsse doch andere Wege finden, um die Leute zu überzeugen. Wir denken darüber nach, wie man „Deutschland spricht“ auf mehrere Gesellschaftsgruppen ausweiten könnte.

Immer mehr schweifen wir von den vorgegebenen Fragen ab und kommen zum Thema Kirche. In meinem „Deutschland spricht“-Profil habe ich mich bewusst zu einem Thema bekannt, das ich sonst im öffentlichen Diskurs eher vermeide, meinen Glauben an Gott. Bateva sagt, dass Kirchen sie einschüchtern. Sie hat den Eindruck, dass religiöse Menschen nicht frei sind, sondern in einer Abhängigkeitsbeziehung zu Gott leben. Außerdem hat sie im Gespräch mit Christen oft den Eindruck, dass man sie bekehren wolle. Ich erzähle ihr, dass ich eine andere Gotteserfahrung gemacht habe. Dass ich, obwohl der Glaube der Mittelpunkt in meinem Leben ist, mich in meiner Beziehung zu Gott sehr frei fühle und Abhängigkeit für mich nicht Teil einer gesunden Beziehung ist. Ich erzähle ihr, dass sich auch die Kirche zum Thema Umwelt Gedanken macht und empfehle das Schreiben von Papst Franziskus mit dem Titel „Laudato Si“. Meine Gesprächspartnerin zeigt sich interessiert und bittet mich, ihr das Dokument zu schicken.

Irgendwann sagt sie: „Das sind wir ja beide von der offeneren Sorte. Auf dem Papier klang das so, als ob beim Gespräch die Fetzen fliegen würden“. Um uns herum baut eine Truppe den Rest der Veranstaltung ab. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass wir mehr als anderthalb Stunden geredet haben. Als letzte Teilnehmer verlassen wir die Paulskirche. Bateva fragt mich vorher, ob ich bisher schon an einem globalen Klimastreik teilgenommen habe. Ich muss verneinen und bitte sie, mir das nächste Datum mitzuteilen. Ich nehme mir fest vor, zu kommen.

Ich bin unfassbar dankbar, dass ich mich mit ihr zum Gespräch treffen konnte. Sie hat mir viele neue Denkanstöße gegeben. Wir haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede bemerken dürfen. Vielen Themen, die sie antreiben, habe ich bis jetzt weniger Relevanz zugeordnet. Mich fasziniert es, wie durch Offenheit und Ehrlichkeit echte Begegnungen entstehen können. Ich merke, dass ich mehr davon will.

Video starten

Aktion „Deutschland spricht“
„Es hängt alles zusammen“

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandRusslandDeutsche BahnSUVWladimir Putin

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.