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„Deutschland spricht“

„Wenn man jung ist, muss man die Welt ändern“

Von Kai Spanke, Lüneburg
 - 14:50
Hannah Lübbert, Studentin der Umweltwissenschaften, und Gisela Aye, Kunsthistorikerin, nehmen in Lüneburg an der Aktion „Deutschland spricht“ teil.zur Bildergalerie

Manchmal sagt der Körper mehr als tausend Worte. Hannah Lübbert redet schnell, aber überlegt. Sie schildert eigene Erfahrungen und erzählt Anekdoten. Wer ihr zuhört, lernt eine beherrschte junge Frau kennen, die Freude am Diskutieren hat. Wer sie nun jedoch anschaut, weiß sofort, dass ihr Frust nicht unerheblich sein kann: rote Wangen, erstaunter Gesichtsausdruck. Die Affekte haben bei ihr in dem Moment die Regie übernommen, als ihre Gesprächspartnerin einen kurzen, aber treffsicheren Satz abfeuerte: „Der Islam dominiert hier alles.“

Gisela Aye lässt keine Zeit verstreichen und ergänzt: „Das ist eine virile Religion, die Männer haben alles zu sagen, und das Christentum hat dem nichts entgegenzusetzen.“ Hannah Lübbert wahrt trotz ihres sichtbaren Ärgers die Form, sie nickt immer wieder, sagt oft „ja“ und hört geduldig zu. Schließlich verschränkt sie die Arme vor der Brust und berichtet von ihrer Zeit als Sprachlehrerin. Da habe es nie Probleme mit Moslems gegeben. Pünktlichkeit, Respekt, Motivation, alles bestens. Schlecht zu integrierende Menschen scheiterten in der Regel wegen mangelnder Möglichkeiten und unzureichender Rahmenbedingungen, nicht aufgrund von charakterlichen Defiziten.

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Bei der Aktion „Deutschland spricht“ treffen Menschen aufeinander, die sich geographisch nah und politisch fern sind. Gisela Aye ist 72 Jahre alt und promovierte Kunsthistorikerin. Mit ihrem Mann bewohnt sie im Süden Lüneburgs ein geschmackvoll eingerichtetes Haus, dessen Interieur durch die vielen vollgepackten Bücherregale besticht. Neben zahllosen Romanen signalisieren vor allem die dicken Bildbände über Burgen in Europa, benediktinische Kunst oder Schnitzaltäre, dass hier keinem kulturgeschichtlichen Massengeschmack gefrönt wird. Apropos Geschmack: Zur Verköstigung gibt es würziges, selbst gebackenes Brot und Wasser mit leichter Fruchtnote.

Hannah Lübbert, 18, wurde im kalifornischen Berkeley geboren, ist in Berlin aufgewachsen und studiert nun Umweltwissenschaften in Lüneburg. Sie trägt einen Strickpulli und sagt über sich selbst, man erkenne sie an ihrem Lockenkopf. In dem vorab ausgefüllten Steckbrief gibt sie an, Deutschland kümmere sich zu wenig um die Einwohner der neuen Bundesländer, sei in den vergangenen Jahren nicht unsicherer geworden und lasse die Alten auf Kosten der Jungen leben. Aye sieht all das anders. Obwohl die beiden sich in wesentlichen gesellschaftlichen Fragen mühelos in die Haare kriegen könnten, ist ihr Dialog mit dem Label „Streit light“ hinreichend charakterisiert. Denn Konsens herrscht vor allem in einer Hinsicht: Offenen Zank gilt es zu vermeiden.

Häufig sind es die kleinen Unterschiede des Vokabulars, die auf große Differenzen des Denkens deuten. Lübbert sagt konsequent „Geflüchtete“, während Aye von „Flüchtlingen“ spricht. Lübbert erklärt, die Erderwärmung vollziehe sich „rasant“, für Aye erfolgt sie „einen Tick schneller“ als früher. Darin kommt eine Dissonanz zum Ausdruck, die während des Gesprächs fortwährend mitläuft, ohne dass sie immer wieder direkt angesprochen werden muss. Dasselbe gilt für die Modulation der Stimme. Als die Unterhaltung beim Christentum ankommt, sagt die Studentin, man könne Werte ohne Religion und Dogmen vermitteln, wobei sie das Wort „Dogmen“ regelrecht herausspuckt. Ihre Gastgeberin entgegnet – man ist geneigt zu sagen: tiefenentspannt –, Europa dürfe verbindliche Glaubenssätze nicht fallenlassen, sonst drohe der „Untergang des Abendlandes“. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zur Burka.

Aye: „Und dann kommt das Gefühl der Gefahr, denn du weißt nicht: Steckt da nicht jemand anders drunter.“

Lübbert: „Ich verstehe nicht, warum man das als Gefahr sieht. Es ist immer eine Herausforderung, mit Menschen konfrontiert zu sein, die anders denken, aber es ist keine Gefahr.“

Aye: „Da kann sich jemand anders drunter verstecken.“

Lübbert: „Das kann ich aber auch, wenn ich einen Wintermantel trage.“

Aye: „Nein, das ist was anderes, denn das Gesicht ist nicht zu sehen.“

Lübbert: „Ich glaube, die Gefahr wird hochstilisiert.“

Aye: „Das glaube ich nicht.“

Lübbert: „Die Gefahr wird viel größer dargestellt, als sie eigentlich ist.“

Aye: „Das sehe ich anders, aber das ist auch meine Lebenserfahrung.“

Lübbert: „Ich erkenne jedenfalls keine Islamisierung des Abendlandes.“

Aye: „Die Muslime dominieren unsere Kultur. Du kennst doch den Roman ‚Unterwerfung‘, in dem beschrieben wird, wie der Islam in Frankreich den ganzen Staat überrollt. Das ist doch typisch.“

Lübbert: „Das ist eine Dystopie.“

Aye: „Nein, das ist keine Zukunftsvision, sondern sehr realistisch.“

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Im weiteren Verlauf geht es um Hartz IV und Schwarzarbeit, soziale Ungleichheit und umweltschädliche Subventionen. Dabei sind die Rollen klar verteilt: Die Umweltwissenschaftlerin spricht mit Verve, zitiert Forschungsergebnisse und pocht auf Veränderungen. Die Kunsthistorikerin weist auf die Grenzen des Machbaren und lässt viele Argumente an sich abperlen – dies aber nicht ohne jedes Verständnis. „Ich stimme dir in ganz vielen Sachen zu“, sagt sie. Und: „Ihr als junge Leute, ihr müsst so denken. Das haben wir früher auch; was meinst du, wie radikal wir waren? Wenn man jung ist, muss man die Welt ändern.“

Lübbert hört das immer wieder – und ist genervt davon. Denn die wissenschaftlichen Befunde seien eindeutig. Wer die Welt heute verbessern will, sei kein romantisch-naiver Phantast, sondern jemand, der den Ernst der Lage erkannt hat. Stichwort: Klimakatastrophe. „Im Gegensatz zu den Generationen vor uns haben wir eine stärkere Faktenlage“, sagt Lübbert und nennt Zahlen. „Nee, habt ihr nicht, wir hatten damals genauso Fakten, allerdings für den Stand, den es damals gab“, erwidert Aye. „Wenn man jetzt nichts macht, nimmt man uns die Zukunft.“ – „Nein, die nimmt man euch nicht. Da gibt es genug Eltern und Großeltern, die wollen, dass es ihren Kindern gut geht.“

Letztlich lässt sich vieles von dem, was Gisela Aye sagt, auf den Spruch herunterbrechen: „Wer in jungen Jahren nicht links ist, der hat kein Herz. Wer es im Alter noch immer ist, der hat kein Hirn.“ Dennoch heben beide Diskutantinnen nach gut anderthalb Stunden hervor, sie hätten den Austausch als gewinnbringend empfunden und wollten in Kontakt bleiben. Am Schluss reden sie über Bücher. Auch über die eigenen. Aye blickt in ihrer Doktorarbeit zurück und befasst sich mit Taufbecken zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und 1850. Lübbert schaut nach vorne und gehört zu den Autorinnen einer Streitschrift, die demnächst erscheint: „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen“. Untertitel: „10 Bedingungen für die Rettung unserer Zukunft“. Hier Ästhetik, dort Ethik. So richtig gut haben sich diese beiden Disziplinen noch nie vertragen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Volontär.
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