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„Deutschland spricht“

„Absurd – die, die den Klimaschutz nach vorne bringen, sind die Vielflieger!“

Von Stefanie Sippel, Butzbach
Aktualisiert am 01.11.2019
 - 10:19
Christoph Rathert und Alexander Jackson diskutieren bei „Deutschland spricht“.
Alexander Jackson ist Geschäftsführer einer CDU-Kreistagsfraktion, Christoph Rathert Vorsitzender eines SPD-Ortsvereins. Im hessischen Butzbach treffen sie sich privat. Funktioniert die große Koalition im Kleinen?

Bevor Alexander Jackson und Christoph Rathert über Politik reden, reden sie über Fußball. Rathert schwärmt von Pep Guardiola, Jackson stimmt zu. Es ist ein früher Abend in einer Pizzeria am Marktplatz in Butzbach, einer Stadt in Hessen. Vor dem Fenster reihen sich die Fachwerkhäuser aneinander. Es sind zwei Männer, die sich erst seit ein paar Minuten kennen, aber trotzdem schon entspannt zusammen wirken. Bevor es richtig losgeht, einigen sie sich auf eine Regel: „Solange keiner den Schiri zusammen schlägt, ist alles ok“.

Jackson und Rathert haben alle sieben Fragen, die im Vorfeld im Fragenkatalog von der Aktion „Deutschland spricht“ gestellt wurden, anders beantwortet. Deswegen hat ein Algorithmus sie an diesem Abend in Butzbach zusammengebracht. Beide wohnen gar nicht hier. Jackson ist im Sommer gern in der Stadt, wenn im Innenhof des Schlosses Filme gezeigt werden. Auch Rathert ist manchmal hier, über den Weg gelaufen sind sie sich noch nie.

Jackson ist 27, trägt ein weißes Hemd und ein Jackett, er studiert BWL, gerade schreibt er an seiner Masterarbeit. Rathert ist Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst, 46, schwarzer Rollkragenpulli, sportlich, markante schwarze Brille. Das Fahrrad, das vor dem Restaurant parkt, gehört ihm. Er ist mit Zug und Fahrrad zu dem Treffen gekommen, die Zugfahrt dauert nur zehn Minuten von Gießen aus, wo er wohnt. Alexander Jackson ist mit dem Auto hergefahren, er kommt aus Usingen, einer Kleinstadt im Hochtaunuskreis. Dreißig Minuten hat er für seinen Weg gebraucht. „Mit dem Zug hätte es eine Stunde und eine Viertelstunde gedauert und der Preis wäre ungefähr gleich gewesen“, sagt er. Dann doch lieber das Auto.

Mit dem Zug nach Pisa

Alexander Jackson ist Geschäftsführer der CDU in Usingen, einer Stadt im Hochtaunuskreis. Christoph Rathert ist Vorsitzender des Ortsvereins Gießen-Süd. Am Abend sind sie als Privatpersonen hier. Rathert hat die Fragen auf einem Zettel dabei, Jackson schaut auf sein Smartphone. Rathert, der mit dem Zug gekommen ist, nimmt auch innerhalb der Europäischen Union gern den Zug. „Die Verbindung in die Metropolen ist super, ich bin schon nach Wien, Pisa oder Salzburg mit dem Zug“, sagt er. „Die Preise für Billiganbieter müssen erhöht werden. Es sollten mehr andere Möglichkeiten benutzt werden, zum Beispiel die Bahn.“ Alexander Jackson würde nicht mit dem Zug nach Italien fahren. „Das wäre für mich eine Strecke, die zu weit wäre. Der Zeitfaktor ist da schon ein Punkt. Auch von München nach Hamburg ist der Flug unschlagbar.“ Er denkt, auch wenn der Flug von Hamburg nach München 15 Euro teurer werden würde, würde das wenig verändern. „Wir können nicht mit ein paar Euro mehr das Klima retten.“ Aber klar, man solle die Bahn attraktiver machen.

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Rathert lenkt ein, eine Flugsteuer könne sicherlich nicht alle Widersprüche lösen. Die übergeordnete Frage sei doch: Was können wir tun? Alexander Jackson hat schon eine Idee. Zum Beispiel durch Exporte von Flugzeugen, durch umweltschonende Flugzeuge könnten Gewinne erzielt werden. Da fällt Rathert eine Studie ein, die besagt habe, dass die Wählergruppe, die am meisten fliege, das sei die der Grünen. „Das ist schon absurd, die, die den Klimaschutz nach vorne bringen, sind die Vielflieger.“

In der Zwischenzeit hat sich Rathert schon die zweite Flasche Bitter Lemon bestellt. Jetzt fragt er nach der Karte, wirft nur einen kurzen Blick hinein und bestellt sich eine Pizza Margherita. Jackson bleibt bei Cola Zero. Bis die Pizza kommt, haben sie schon wieder eine Frage abgearbeitet. Meist macht einer den „Aufschlag“, wie Jackson es nennt. Dann setzt der andere nach. Dann geht es noch ein paar Mal hin und her. Obwohl die beiden als Privatleute da sind, merkt man, dass sie in der Politik aktiv sind.

Beide formulieren ihre Aussagen klar. Jackson formuliert seine Sätze ruhig und besonnen, ab und an gestikuliert er mit den Händen. Rathert spricht schneller; wenn ihm noch ein Detail einfällt, hält er manchmal kurz inne, nur um dann genau so schnell weiterzureden. Über Politik redet er fast so begeistert wie über Fußball. Dann nähern sie sich den „heißen Themen“, wie sie es nennen. Gut, dass mittlerweile die Pizza auf dem Tisch ist.

Gleichstellung von Frauen

„Fangen wir mal mit dem nicht ganz so kontroversen Thema, Gleichberechtigung von Frauen an“, sagt Jackson. „Finden sie das weniger kontrovers? Ich denke da sofort an das Gender-Pay Gap“, entgegnet Rathert, also an die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen. Diesmal fängt Jackson an. Ihm sei klar, dass Frauen nicht immer gleichgestellt gewesen wären, zum Beispiel früher, als der Mann noch den Arbeitsvertrag der Frau unterschreiben musste. „Heute haben Frauen die gleichen Startbedingungen wie Männer und somit alle Chancen, die ein Mann auch hat. Sie machen mehr Hochschulabschlüsse als Männer.“ Eine Frauenquote lehne er entschieden ab. Das würde dazu führen, dass auch junge Männer benachteiligt werden. „Es ist schwierig, immer nur auf Minderheiten zu schauen.“

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Rathert unterbricht ihn: „Ich tue mich schwer damit, Frauen als Minderheit zu bezeichnen, in Deutschland gibt es mehr Frauen als Männer.“ Das sieht Jackson ein. Rathert: „Ich bin seit über zwanzig Jahren im Berufsleben und habe Benachteiligung immer wieder erlebt, auch im öffentlichen Dienst.“ Fragen, die nicht offen gesagt, aber mitgedacht werden: Wie alt ist die? Bekommt die noch Kinder? Fällt sie dann für drei Jahre aus? Das führe immer noch dazu, dass Männer in der Arbeitswelt vieles unter sich aufteilten. „Dann müssen Männer, die mittelmäßig sind, aber wegen ihres Geschlechts vorne stehen, eben auch mal hinten stehen.“

Männer in Elternzeit

In seinem Bekanntenkreis habe er oft genug gehört, wie schwierig der Spagat zwischen Familie und Arbeit für Frauen sei. „Der Preis, um das machen zu können, was Männer machen, ist deutlich höher.“ Das könne einfach nicht sein. Wenn eine Frau Kinder habe, dann rufe sie auch noch an und könne nicht zur Arbeit kommen, wenn das Kind etwas hat. „Solange das negativ bewertet wird, können Frauen noch so viele Hochschulabschlüsse machen.“ Jackson sieht das positiver: „Das wächst mit meiner Generation voran.“ Mehr Männer gingen in Elternzeit, deswegen könne es diese Einschränkung beim Mann genauso geben. „Ich glaube, das ist keine Frage des Alters“, sagt Rathert. Er habe 15 Monate Elternzeit genommen, auf dem Spielplatz sei er komisch angeschaut worden.

Ein paar Getränke weiter, es bleibt nur noch wenig Zeit. Jackson schaut abwechselnd auf sein Handy und die schwarze Armbanduhr. In einer Viertelstunde muss er spätestens los. Er hat noch Kreisvorstandssitzung. Ein paar Minuten bleiben noch, für das vielleicht schwierigste Thema: Ist Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden? Jackson antwortet mit Ja, Rathert mit Nein. „Die Kriminalität, beispielsweise von Nordafrikanern oder Zuwanderern aus dem Balkangebiet, ist höher als die der deutschen Bevölkerung.“ Deswegen sei der Befund klar, Deutschland sei unsicherer. Rathert: „Da muss ich widersprechen.“ Es sei problematisch, dass durch die Presse der Eindruck entstehe, dass Frauen nicht mehr alleine auf die Straße sollten, wenn es dunkel wird. Das Bild sei deutlich überzeichnet. Die Kriminalität sei in den letzten Jahren zurückgegangen. „Es ist eine gefühlte Wahrheit, dass ich nicht mehr auf die Straße kann, weil mich sonst der Maghreb-Afrikaner anfällt.“

Das sieht Jackson ein, doch sei für ihn auch das subjektive Sicherheitsgefühl wichtig. Seine Freundin habe in Gießen studiert. Auf seinem Handybildschirm blinkt manchmal ein Pärchenfoto der beiden auf. In der Stadt habe es einen Fall gegeben, eine junge Frau sei joggen gegangen und vergewaltigt worden, der Täter sei ein Flüchtling gewesen. „Das hat meine Freundin, die passionierte Läuferin ist, abgehalten, nachts joggen zu gehen.“ Wenn dieser Moment da sei, dann sei es ein Problem. Rathert kann das verstehen. Doch er störe sich daran, dass die AfD genau diese Fälle aufblase, das mache die Debatte weniger objektiv. Jackson schaut noch einmal auf sein Handy. „Ich muss jetzt wirklich los.“ Er bezahlt, wirft seine Jacke über, verabschiedet sich von Rathert und läuft aus dem Restaurant. Der denkt noch kurz nach: Was habe das Gespräch gebracht? Es fördere die pluralistische Demokratie. „Solange wir miteinander reden, schlagen wir uns nicht die Köpfe ein.“ Das Motto vom Anfang, das hat also schon mal funktioniert.

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Aktion „Deutschland spricht“
„Es hängt alles zusammen“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Sippel, Stefanie
Stefanie Sippel
Volontärin.
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