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„Deutschland spricht“

Ein Bauchgefühl ist keine Überzeugung

Von Elena Witzeck, Frankfurt
Aktualisiert am 02.11.2019
 - 15:14
F.A.Z.-Digitalchef Carsten Knop mit Susan Küper-Roesnick in der Frankfurter Paulskirche
Von Dortmund nach Weimar, von Umweltzertifikaten zu den Milchbänken der DDR: Der F.A.Z.-Digitalchef Carsten Knop diskutiert mit einer Leserin in der „Deutschland spricht“-Debatte.

Susan Küper-Roesnick wusste nicht, dass sie ihr Streitgespräch mit dem Onlinechef einer großen Tageszeitung führen würde, deren Abonnentin sie selbst ist, aber es störte sie nicht weiter, und als sie am frühen Abend in den großen Saal der Frankfurter Paulskirche kam, war sie gut vorbereitet und in Diskussionslaune, so wie sie es kennt, wenn sie abends mit ihrem Mann auf dem Sofa sitzt.

Küper-Roesnick ist Angestellte eines Beratungsunternehmens, Vegetarierin und wohnt am Rande des Taunus. Wenn es etwas gibt, das sie als Optimistin verabscheut, dann Gewalt: auf der Welt und in Fernsehkrimis. Am Wochenende geht sie mit Mann und Hund spazieren, manchmal spielt sie Golf, ein bis zweimal im Jahr steigt sie in den Flieger und verreist. Kinder hat sie keine. An diesem Abend trägt sie ein stilvolles blaukariertes Kostüm.

Carsten Knop ist seit zwei Jahren Digitalchef der F.A.Z. Vorher hat er lange als Wirtschaftsredakteur der Zeitung gearbeitet, als Korrespondent aus New York und dem Silicon Valley berichtet. Er geht gerne joggen, schreibt Bücher und ist als Dortmunder und Fußballfan selbstverständlich Anhänger des BVB, was in bestimmten Kreisen der F.A.Z.-Onlineredaktion für Unverständnis sorgt.

Überall unterschiedlich geantwortet

Beide haben an diesem Tag die Gespräche und Vorträge über Meinungsfreiheit und Diskussionskultur gehört, jetzt sitzen sie einander mit ihrer Fragenliste gegenüber. „Sollten Flugreisen stärker besteuert werden?“ „Kümmert sich Deutschland zu wenig um die Ostdeutschen?“ „Haben Frauen in Deutschland die gleichen Chancen wie Männer?“ Bei allen sieben Fragen, die den Teilnehmern der Aktion „Deutschland spricht“ zuvor online gestellt wurden, haben Knop und Küper-Roesnick unterschiedliche Antworten angekreuzt, und das ist der Grund, warum der Algorithmus sie zusammengewählt hat. Zum Diskutieren.

Deutschland spricht
Deutschland spricht

Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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Mit dem Thema Flugreisen wird es aber dann ein vorbildhaft diplomatischer Einstieg zweier pazifistischer Gesprächspartner: Statt auf der eigenen Position zu beharren, erwägt man Ideen für Verbesserungen: Mit gleichen Löhnen für Piloten verschiedener Airlines, weniger Billigfliegern und Kompensationsabgaben können sich beide anfreunden. Knop hat gerade für einen Flug mit seiner Familie Umweltzertifikate gekauft und festgestellt, dass die Reise erkennbar teurer wurde. Und Küper-Roesnick, deren Mann von Berufs wegen viel und lange Strecken fliegen muss, stellt fest: „Was man selbst nicht kennt, verurteilt man schneller.“

In einigen Fragen sind sich der Journalist und die kaufmännische Angestellte so uneins, dass sie sich Zeit nehmen, um alle Seiten zu betrachten. Da ist die Frage zu Deutschlands Beziehungen mit Russland. Während Küper-Roesnick die Meinung vertritt, Russland könne als Ersatz für den ehemals natürlichen, mit Trump untragbar gewordenen Verbündeten Amerika dienen, argumentiert Knop, dass es in Trumps Amerika immerhin noch Gewaltenteilung gebe und die Wirtschaftsbeziehungen zu einem Staat, dessen Präsidialsystem nur wenige demokratische Züge trage, nicht noch enger werden müssten: „War Ihr Kreuz für Russland ein Kreuz gegen Trump?“ – „Es war ein Kreuz für den Raum Europa.“ „Und die Lage in der Ukraine?“ „Ja, die Annexion der Krim. Ein Unding.“

„Es dauert zu lange“

Und da ist die Frage nach der Chancengleichheit. Knop hat angekreuzt, die Chancen für Frauen und Männer seien nicht gleich verteilt, er spricht von den biologischen Gründen der Ungleichheit und den sichtbaren und unsichtbaren, traditionell männlich dominierten Netzwerken in der Wirtschaft. Das werde in zwei Generationen hoffentlich alles anders sein, wenn schon die demographische Lage einen größeren Anteil von Frauen in Führungspositionen verlange. „Aber ich finde, das dauert zu lange.“

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Die Herkunft der Teilnehmer

Rostock

Hamburg

Bremen

Berlin

Hannover

Magdeburg

Münster

Kassel

Leipzig

Dresden

Köln

Erfurt

Frankfurt

Nürnberg

Mannheim

Saarbrücken

Stuttgart

München

Grafik: Giesel

Küper-Roesnick wiederum glaubt an die selbstverschuldete Unmündigkeit vieler Frauen. Wie sei es denn zu einem Einkommensunterschied von 21 Prozent gekommen? Doch mithilfe von Frauen, die an sich selbst zweifeln: „Wenn ich Frisörin werden will, kann ich nicht das Gehalt eines Vorstands erwarten.“

Also sollten Frauen ambitionierter sein? Ja, sagt Küper-Roesnick, es fehle die Ich-packe-das-an-Attitüde. „An einer Eigenschaft, die ich nicht an mir mag, muss doch ich arbeiten – nicht der andere.“ Knop widerspricht, seine Bewerbungsgespräche bewiesen das Gegenteil, und im FAZ.NET-Newsroom träten die Frauen selbstbewusst auf, manche streiten auch mit ihm über Fußball. Er glaubt daran, dass vieles besser werden könnte, wenn mehr Männer in Teilzeit gingen und mehr Raum für die Karriere von Frauen bliebe. Küper-Roesnick könnte sich ein gemeinsames Rentenkonto als Ausgleich vorstellen. Man einigt sich, uneins zu sein.

Dann geht es um Respekt gegenüber Ostdeutschland, um verpasste Chancen und den Glanz der Weimarer Innenstadt. Küper-Roesnick findet, der Westen hätte sich mehr vom Osten abschauen können, bei der Kinderbetreuung lernen und die ostdeutschen Milchbänke testen, in denen Frauen, die Muttermilch übrig hatten, für die Allgemeinheit spenden konnten. Knop verweist auf den aus Ostdeutschland übernommenen grünen Ampelpfeil und mangelnde westdeutsche Empathie mit dem Ruhrgebiet. Es wird gelacht. Die Fronten sind elastisch.

Interessant wird es auch da, wo Susan Küper-Roesnick sich erinnert, welche Fragen sie „aus dem Bauch heraus“ beantwortet hat und bei näherer Betrachtung anders bewerten würde: „Leben die Alten auf Kosten der Jungen?“ Heute, sagt Küper-Roesnick, würde sie mit Ja antworten, auch wenn sie ihrer Mutter die Rente gönne: „Gerade umweltpolitisch leben wir auf deren Kosten“. Und beim Thema Einwanderung, wo sie ihre Kreuz bei der Antwort gemacht hat, Deutschland sei unsicherer geworden, wundert sie sich jetzt über ihre damalige Position. Manchmal hilft es, ein Bauchgefühl abzuwarten.

„Vielleicht können wir uns darauf einigen“ ist der an diesem Abend in der Paulskirche am häufigsten gefallene Satz. Und allein für diesen Perspektivwechsel hat es sich gelohnt.

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Aktion „Deutschland spricht“
„Es hängt alles zusammen“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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