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Angst, Unruhe, Wut – und Demut

Von MARTIN BENNINGHOFF, MONIKA GANSTER, INA LOCKHART und ELENA WITZECK
13. Mai 2020

Wie ist das Krisenmanagement der Politik? Brauchen wir weniger Datenschutz, um mehr Sicherheit zu bekommen? Nach der Corona-Schockstarre kehrt die Lust am Streit zurück. Tausende Leser haben bei „Deutschland spricht“ mitdiskutiert. Das sind die Ergebnisse.

„Anfangs dachte ich, da wird dramatisiert.“ Ulrike von Criegern ist 54 Jahre alt und lebt in der Nähe von Hamburg. Als die Corona-Krise in Europa ausbrach, war die Rechtsanwältin gerade beim Skifahren in der Schweiz. Tage später, als sie in den Alltag zurückkehrte, geriet ihre Welt in Unordnung. Eine befreundete Familie, erzählt sie, kehrte zur selben Zeit aus dem österreichischen Ischgl zurück, wo sich die Infektionsfälle häuften. Der Vater der Familie wurde krank, er kollabierte zweimal während der Genesungsphase und musste zurück ins Krankenhaus. Sie kennt auch Personen, die ihre Eltern verloren haben. Sie hat Angst, selbst zu erkranken, und sie fürchtet weitere Todesfälle in ihrem Umfeld. Die Einschränkungen im öffentlichen Leben? Für sie eine logische Konsequenz. Keine Diskussion. Oder doch?

Von Criegern ist eine von rund 9000 Lesern, die sich bei „Deutschland spricht“ angemeldet haben, einem Gemeinschaftsprojekt dieser Zeitung mit einigen Partnermedien. Am vergangenen Sonntag haben sich rund 2000 Leser in Videochats zu Gesprächen getroffen und über das Krisenmanagement in der Corona-Pandemie diskutiert. Zuvor waren sie zu Paaren zusammengebracht worden, die bei vorher gestellten Fragen wie „Hat die Bundesregierung richtig auf die Corona-Krise reagiert?“ und „Halten Sie die bundesweite Maskenpflicht für richtig?“ möglichst gegensätzlicher Meinung waren.

Überraschende Erkenntnis: Die Teilnehmer sind dieses Jahr stärker polarisiert als 2019, obwohl es damals um vermeintlich kontroversere Themen wie Einwanderung und Klimawandel ging. Nach den Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen löst sich die Corona-Harmonie aber offenbar auf. Gestritten wird nun, wie das Land zurück in die Normalität gelangen kann.

Leseraktion „Deutschland spricht“: „Mal aus seiner Filterblase rauskommen“ Video: Daniel Blum

Während einige Teilnehmer von „Deutschland spricht“ fehlende Exit-Strategien bemängeln, antwortet ein anderer auf die Frage, was ihm am meisten Sorge bereite: „Dass es aufgrund von Lockerungen zu einem zweiten Ausbruch kommt.“ Manche spüren Demut: „Wir vergessen, dass die Natur stärker ist als der Mensch und wir uns unterordnen beziehungsweise anpassen müssen.“ Vor allem die Fragen nach Lockerungen des Datenschutzes für eine Corona-App, nach Online-Unterricht in Schulen auch nach der Pandemie und der Gleichbehandlung von Jüngeren und Älteren, um Risikogruppen zu schützen und die Infektionsketten zu unterbrechen, entzweien die Teilnehmer.

Große Zustimmung bekommt in dieser – nicht repräsentativen – Umfrage allerdings das Krisenmanagement der Politik: Knapp 67 Prozent sind der Meinung, dass die Bundesregierung richtig reagiert hat, rund 33 Prozent sehen das anders. Die gravierenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die langsam gelockert werden, finden 62 Prozent verhältnismäßig.

Auch Tobias Cepok ist mit der Krisenreaktion der Politik ganz zufrieden. Der 36 Jahre alte Gewerkschaftsreferent aus der Nähe von Gießen hat am Sonntag mit Ulrike von Criegern diskutiert. In allen „Deutschland spricht“-Fragen sind sie unterschiedlicher Meinung. Bei der Frage, ob Datenschutz-Lockerungen nötig sind, um die Infektionsketten mittels einer App besser nachverfolgen zu können, ist Cepok nicht ablehnend, aber skeptisch, was Verpflichtungen angeht: „Wenn wir keine harte Grenze haben, die unsere Daten schützt, öffnet das dem Missbrauch neue Türen.“ Seine Gesprächspartnerin sieht das anders: „Wenn es um Menschenleben geht und meiner Sicherheit dient, kann ich nichts dagegen einwenden.“

Andere Streitpunkte, bei denen sie in der Anonymität des Online-Fragebogens noch verschiedener Meinung waren, lösen sich im persönlichen Gespräch auf. Auf die Frage, ob sie sich in der Krise ausreichend und transparent genug informiert gefühlt habe, hatte von Criegern noch mit „nein“ geantwortet. Nun klingt sie milder: „Möglicherweise kann man in diesen Zeiten gar nicht besser informieren.“ Nicht alle Antworten im Fragebogen würde sie heute, nur Tage später, noch genauso angeben: Sie habe sich in einer „schwierigen Stimmung aus Unruhe und Wut“ bei der Aktion angemeldet.

Das war „Deutschland spricht“ 2020: Die Krise kriegen - und wieder loswerden Video: Daniel Blum

So geht es vielen. Die Einschränkungen und die Belastungen nagen zusehends an der Stimmung, Gefühle wie Angst und Sorge vor der Zukunft lassen manches noch schwärzer erscheinen. Andere sehen die Dinge gelassen. „Ich habe schon zwei Pandemien überlebt“, sagt Gabriele Lademann-Priemer, die mit dem 46 Jahre alten Bauingenieur Jens Polk diskutierte. Die 74Jahre alte Religionswissenschaftlerin aus Hamburg hat 1957 die Asiatische Grippe, wie sie sagt, „heil überstanden“, damals waren auf der ganzen Welt mehr als eine Million Menschen gestorben. 1969 erkrankte die Weltenbummlerin an der Hongkong-Grippe: „Die hat mich voll erwischt, mit 40 Grad Fieber, allein im Studentenzimmer, die Krankenhäuser überfüllt. Medikamente gab es auch nicht, aber überlebt haben wir auch das.“ Dem neuen Virus sieht sie ohne Angst entgegen: „Dieses Corona kann mich mal.“

Ganz so entspannt sieht der 26 Jahre alte Student Armin Nolte aus Leipzig die Pandemie nicht, aber auch er sieht Positives: „Erstens hat mich die Krise mit ihren Kontaktbeschränkungen entschleunigt. Ich habe seit langem mal wieder Zeit gefunden zu lesen. Zweitens sehe ich Freundschaften anders. Ich habe wieder mehr telefoniert statt zu chatten. Und bin damit viel mehr bei der Person selbst.“

Mehr zu der Aktion auf unserer Seite www.faz.net/deutschlandspricht

13.05.2020
Quelle: F.A.Z.

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