Adelsrollen

Der Fall des Hauses Guttenberg

Von Patrick Bahners
02.03.2011
, 12:21
Nicht weit vom Stamme: Umschlagtext des Buchs „Fussnoten” von Karl Theodor zu Guttenberg (1921 bis 1972), dem Grossvater des zurückgetretenen Verteidigungsministers
Auf den ersten Blick ist Karl-Theodor zu Guttenberg ein Mann ganz nach dem Maß des Großvaters: Sein Rücktritt bedeutet, dass Politik doch kein unehrlicher Beruf geworden ist.

Der erste Artikel, der in dieser Zeitung über den Freiherrn Karl-Theodor von und zu Guttenberg stand, trug die Überschrift „Mit einem Schlag war er vorn“. Der Verfasser war Walter Henkels, der legendäre Chronist der Bonner Republik; das Stück in der Kolumne „Bonner Köpfe“ erschien in der Ausgabe vom 3. September 1960. Die Wirkung des Großvaters des gestern zurückgetretenen Bundesministers der Verteidigung auf die Bonner Politik, eine kleine Welt der Vorsicht und Rücksicht, beschrieb Henkels als ästhetischen Effekt. Die ersten beiden Sätze des Porträts lauteten: „Ein Schnurrbärtchen modischer Art deutet auf Extravaganz hin. Er zündet seine Zigarette nicht an, er setzt sie in Brand.“ Diese emblematische Geste der Nonchalance einer riskanten Existenz konnte der Enkel nicht kopieren, aber die Grundausstattung blieb dieselbe. „Der Anzug ist vornehm und chic.“

Auch ohne Uniform sah man dem 1921 geborenen Guttenberg den Offizier an. Beziehungsweise den Offiziersdarsteller: Als er im Kavallerieregiment diente, waren Pferde dort nur noch zu Paradezwecken in Gebrauch. „Sicher ist er vornehm und gescheit, aber er ist auch darum besorgt, dass niemand einen Zweifel daran hegt.“ In der bürgerlichen Welt ist auch der Adlige genötigt, auf sich aufmerksam zu machen und künstlich die Distanz herzustellen, die das Volk in der alten Welt von selbst wahrte. „Er schafft selbsttätig Abstand.“ Der Edelmann im Politikerberuf braucht Anhänger, aber auch Leute, über die er sich erheben kann. „Gegen die Kleinkarierten in jeder Form hat er eine Abneigung.“

Die Königsdisziplin der republikanischen Staatskunst

Guttenberg maior - auf einmal ist wieder offen, welcher der beiden Karl-Theodore als Fußnote zur Karriere des anderen in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen wird - war für Großes bestimmt: Große Auftritte machten das sinnfällig. Das Geheimnis seines Erfolges: in den Augen von Henkels eine Sache der Haltung. „Ganz leicht, wie viele Reiter, beugt er beim Gehen den Oberkörper vornüber.“ Der Sohn KTs des älteren hat seinen Sohn, KT den jüngeren, schon als Kind in der Kunst des Auftretens unterwiesen. Enoch zu Guttenberg ist Dirigent, übt also einen Beruf aus, in dem er zuallererst Stehvermögen demonstrieren muss, um eine vor ihm versammelte und eine hinter ihm aufgereihte Menge in seine Gewalt zu bringen. Es kommt auf die „Vertikalspannung“ (Peter Sloterdijk) an.

Emblematische Gesten der Nonchalance: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau Rosa Sophie Prinzessin von Arenberg
Emblematische Gesten der Nonchalance: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau Rosa Sophie Prinzessin von Arenberg Bild: dapd

Mit der Plötzlichkeit, in die nach dem Untergang Alteuropas konservative Revolutionäre ihre Hoffnung setzten, kam laut Henkels der ältere Guttenberg über die Deutschen. Er putschte freilich nicht, verlas keine Proklamation, sondern hielt Reden. In der Königsdisziplin der republikanischen Staatskunst, der Rhetorik, feierte der Freiherr Triumphe im Bundestag. Mit einer einzigen Rede, in der Generaldebatte über die Deutsche Frage am 5. November 1959, rückte der Achtunddreißigjährige vor in die erste Reihe seiner Fraktion, dank einer Schärfe des Tons, die das Personal des unsouveränen Rumpfstaats bis dahin vermieden hatte. „Guttenberg wagte einen hohen Einsatz und gewann: Von diesem Tage an sprach man von ihm.“

Der Amateur im Parlament

Die Pose der Kühnheit wirkte glaubwürdig bei einem Politiker, der auf Politik als Lebensunterhalt nicht angewiesen war. Henkels schilderte, wie das Faktum der rhetorischen Macht Guttenbergs die Bewertung seiner Person in kürzester Zeit verändert hatte. „Manches nimmt nun für ihn ein: seine absolute finanzielle Unabhängigkeit, mit der er sein Mandat und sein Hobby, die Außenpolitik, betreibt. Selbst seinen Ehrgeiz wollen nun manche in einem anderen Licht sehen, auch wenn er noch als Amateur in der Politik gilt. Vielleicht raten die Konkurrenten in der Fraktion, die sich viele Jahre länger um Anerkennung abstrampeln, nicht falsch, wenn sie sagen, Guttenberg habe sie mit einem Schlage überrundet. Für das Parlament ist der extravagante Baron, wie man auch zu seinen politischen Meinungen und Methoden stehen mag, ein Gewinn.“

Zu den Methoden gehörte die sorgfältigste Vorbereitung auf den Kairos, den Moment, da eine Rede zünden muss. Henkels konnte enthüllen, dass eine weitere Grundsatzrede Guttenbergs in mühevollster Kleinarbeit entstanden war, unter Beiziehung diskreter Mitautoren von gelehrtem Rang. Sie „war vorher so ausgefeilt, von Praktikern und Theoretikern durchgesehen, dass, wie man nachher hörte, an bestimmten Stellen bestimmte Zwischenrufe der Opposition erwartet wurden, selbst die schlagfertigen Antworten auf die erwarteten Zwischenrufe waren im Redemanuskript vermerkt“. Die Antizipation der Rezeption ist der Inbegriff der Geistesgegenwart. Sie erzeugt den Eindruck, der Redner sei mit den Göttern im Bunde.

„Der Baron lügt!“

Die mögliche Achillesferse des Worthelden Guttenberg legte der Schustersohn Herbert Wehner frei. Er kommentierte den neuerdings im Bundestag erhobenen vornehmen Ton unverzüglich mit dem Zwischenruf: „Der Baron lügt!“ Vizepräsident Dr. Preusker rief Wehner zur Ordnung. Wehner wiederholte seinen Zwischenruf: „Der Baron lügt!“ Daraufhin wurde er von Preusker ein zweites Mal zur Ordnung gerufen und auf die Folgen eines dritten Ordnungsrufs - Entziehung des Rederechts - hingewiesen. Ein Fraktionskollege rief statt seiner: „Er lügt trotzdem!“

Das Wort „Lüge“ mit all seinen Ableitungen und Synonymen ist der unparlamentarische Ausdruck schlechthin. Der Gebrauch des Lügenvorwurfs wird gerügt, ohne dass die Wahrheitsfrage geklärt wird. Eine freimütige, notfalls mit äußerster Schärfe geführte Debatte soll dadurch möglich werden, dass die Gegner einander die persönliche Integrität nicht absprechen. Definiert wird diese Integrität, die Ganzheit der Person, durch die Wahrhaftigkeit. Am 17. April 1823 kam es zu einem Eklat im britischen Unterhaus, als der Oppositionsredner Henry Brougham dem Außenminister George Canning vorwarf, durch „monströse Kriecherei“ ins Amt gelangt zu sein. Brougham hatte evident unparlamentarische Ausdrücke verwendet. Den Tumult löste allerdings erst Canning aus, als er sich von seinem Platz auf der Regierungsbank erhob und ausrief: „Ich stehe auf, um zu sagen, dass das falsch ist!“ Die ehrenrührige Behauptung durfte Canning nicht mit der Gegenbehauptung zurückweisen, Brougham habe wissentlich die Unwahrheit gesagt.

Ein unmöglicher Mensch

Brougham und Canning waren Aufsteiger, die auf Vorwürfe des unökonomischen Umgangs mit der Wahrheit höchst empfindlich reagieren mussten. Sie hatten nur ihr erworbenes persönliches Kapital, kein ererbtes. Ihr Wort wog weniger als das ihrer adligen Rivalen, auch de iure. Ein Adliger hatte einen anderen Ruf zu verlieren, daher wurde die Rufschädigung an einem Aristokraten, das scandalum magnatum, strenger bestraft. Wenn die Lords über einen Standesgenossen zu Gericht saßen, wurden sie nicht wie gewöhnliche Geschworene vereidigt, sondern nahmen ihr Urteil auf ihre Ehre. Erst 2009 wurde im Oberhaus eine ausdrückliche Selbstverpflichtung auf den Ethikkodex der Kammer eingeführt. Der Baron, der lügt: ein Mensch der Unmöglichkeit.

Diese Selbstverständlichkeit des adligen Grundwerts der Ehre bildete den Hintergrund der peinlichen Szene im Bundestag am vergangenen Mittwoch, als der Bundesverteidigungsminister auf eine Frage des SPD-Abgeordneten Bartels erläutern musste, er habe bei der Vorlage der Dissertation die ehrenwörtliche Erklärung über die eigenhändige Abfassung abgegeben, dabei handele es sich aber nicht um ein Ehrenwort. Guttenberg muss damit gerechnet haben, dass ihm von den Oppositionsbänken dasselbe entgegenschallen würde, was Herbert Wehner weiland seinem Großvater zugerufen hatte. Aber er hatte in dieser Sache keine schlagfertigen Antworten vorbereiten können. Es war eine leere Drohung mit einem Gerichtsverfahren, als er gegenüber Jürgen Trittin von übler Nachrede sprach.

Keine Rufe nach einem Ordnungsruf

In dieser Bundestagssitzung des 23. Februar 2011, wie Günter Bannas sie zwei Tage später in dieser Zeitung analysierte, kündigte sich Guttenbergs Sturz an. Vizepräsident Preusker hatte Wehner gemaßregelt, weil dieser eine politische Aussage als Lüge qualifizierte und die sachliche Auseinandersetzung ins Persönliche hinüberzog. Vizepräsidentin Göring-Eckardt rügte nicht, dass Redner und Zwischenrufer Guttenberg einen Lügner, Hochstapler und Betrüger im Sinne der bürgerlichen Moral und des bürgerlichen Gesetzes nannten. Dass die Sitzungsleiterin einer Oppositionsfraktion angehört, ist unerheblich. Entscheidend ist, dass das Sitzungsprotokoll außer einem pflichtgemäßen Zwischenruf des Fraktionsvorsitzenden Kauder keine Proteste aus den Regierungsfraktionen verzeichnet, keine Rufe nach einem Ordnungsruf.

Es war eine allzu bizarre Ironie der Geschichte, dass Bundeskanzlerin Merkel zugunsten ihres hochgeborenen Tunichtguts eine Ad-hoc-Radikalisierung des bürgerlichen Fachmannprinzips ins Feld führte: Die Arbeitsteilung sollte sich vollenden in der Spaltung der moralischen Persönlichkeit; aus nachgewiesener Täuschung im gelehrten Zweitleben sollten keine Rückschlüsse auf die Eignung für den politischen Hauptberuf gezogen werden. Aber die Einheit des Charakters ist das adlige Erbteil der bürgerlichen Lebensführung. An der Klippe des moralischen Selbstmords sind die Spitzen der bürgerlichen Parteien gerade noch einmal vorbeigeschrammt: Sie hatten schon zu verstehen gegeben, die Politik sei eine Welt für sich, ein Berufsstand ohne Ehre, in der die für jeden bürgerlichen Beruf verbindlichen Anstandsregeln keine Geltung hätten.

Karl-Theodor von und zu Guttenberg hat im Charakterfach Karriere gemacht, in der Rolle des Adligen. Seine Gefolgschaft wollte ihn für unersetzlich halten, und auch seine Kollegen starrten gebannt auf das „Phänomen“ (Schäuble). Jetzt ist er so plötzlich gestürzt, wie er erschienen war. Die Grundregel der Demokratie ist nun einmal das Gegenteil des aristokratischen Prinzips: Jedermann ist jederzeit austauschbar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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