Al Dschazira

Der Wahrheit nur ein Stückchen näher

Von Verena Lueken
12.02.2004
, 20:45
„Control Room” von Jehane Noujaim
George Bush nannte den Nachrichtensender Al Dschazira einst „das Sprachrohr Usama Bin Ladins“. Der Dokumentarfilm „Control Room“ zeigt bei der Berlinale, wie das CNN der arabischen Welt arbeitet.
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Seit Kriege auch Medienkriege sind, heißt es, die ganze Welt schaue zu, wenn Amerika ins Feld zieht. Aber die ganze Welt sieht nicht dasselbe. Vierzig Millionen Araber etwa haben im vergangenen Jahr einen anderen Krieg gesehen als wir. Wir sahen einen weitgehend klinischen Krieg, sie einen immens blutigen. Wir sahen Bombardements, sie Zerstörung. Wir sahen feiernde Iraker, sie verzweifelte und schimpfende.

Das ist die erste, nicht ganz überraschende Einsicht, die in dem Dokumentarfilm "Control Room" von Jehane Noujaim schon nach wenigen Minuten augenfällig wird. Der Film war vor einigen Wochen beim Filmfestival in Sundance im amerikanischen Bundesstaat Utah uraufgeführt worden und jetzt bei der Berlinale in der Reihe "Panorama Dokumente" zu sehen. Die zweite Einsicht, die sich unmittelbar anschließt, lautet, daß keine der beiden Kriegsversionen das Geschehen authentisch abbildete, und die dritte, daß auch die Kombination aus beiden der Wahrheit nur ein Stückchen näher kommt.

Ungläubige Gesichter

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Die Regisseurin Jehane Noujaim hat unmittelbar vor den amerikanischen Angriffen auf Bagdad und während der folgenden Kriegswochen die Arbeit des Satellitensenders Al Dschazira in Doha/Qatar beobachtet, der in der arabischen Welt ein ähnliches Informationsmonopol besitzt wie CNN in der westlichen. Sie ist den Korrespondenten ins "Central Command" gefolgt, in das Medienzentrum, das die Amerikaner etwa hundertvierzig Kilometer von Badgad entfernt eingerichtet hatten. Sie war dabei, als George W. Bushs Rede mit dem letzten Ultimatum an Saddam in Bagdad übertragen wurde, und sie hat die ungläubigen Gesichter der Iraker gefilmt, die offenbar vollkommen überrascht wurden von Bushs Entschlossenheit, ebenso überrascht wie die Journalisten von Al Dschazira.

"Wenn nach einem amerikanischen Flächenbombardement nur zehn Iraker überleben sollten, wird Saddam einer von ihnen sein" - der Kommentar eines Reporters zu Bushs Rede, eine Äußerung nicht im eigenen Sender, sondern zur Dokumentarfilmkamera hin, offenbart nicht nur den Zweifel am Erfolg der amerikanischen Methode, sondern auch die Abgeklärtheit gegenüber Saddams Fähigkeiten, sein Volk für sich bluten zu lassen. Daß er bei den amerikanischen Angriffen später allerdings tatsächlich seine Bevölkerung als menschlichen Schutzschild benutzt hätte, ein Vorwurf, mit dem die Amerikaner immer wieder die Opfer unter der Zivilbevölkerung zu erklären suchten, dafür gibt es keine Beweise. Gegen diese Version allerdings auch nicht, außer den Bildern von blutigen Kinder- und Frauenkörpern. Diese Bilder, die im westlichen Fernsehen kaum je zu sehen waren, waren ein Hauptanteil der Nachrichten, die Al Dschazira produzierte. Auch die Leichen amerikanischer Soldaten waren dort zu sehen und auch ein paar verschreckte amerikanische Kriegsgefangene.

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Grenzenloser Zugang

Die Regisseurin war dabei, als der später beim Bombardement des Bagdader Al-Dschazira-Büros getötete Kriegsreporter seine schutzsichere Weste und seinen Stahlhelm anprobierte; sie filmte das Erstaunen im Sender, als Bagdad fiel und sich die Reporter fragten: "Wo war die irakische Armee, wo die Republikanergarde?", und sie war mit ihrem Kamerateam auch anwesend, als nach dem Sturz des Saddam-Regimes amerikanische Soldaten, die naturgemäß keine Ahnung von Kommunalverwaltung haben, mit Bürgervertretern über die Trinkwasserversorgung und Abfallentsorgung Bagdads diskutieren mußten.

Der Zugang, den Jehane Noujaim sowohl zum amerikanischen Medienzentrum als auch zum arabischen Sender erhielt, scheint nahezu grenzenlos. So kann sie die Frage, um die es ihr vor allem geht, aus den verschiedenen Blickwinkeln beleuchten: Läßt es sich verhindern, daß sich Berichterstatter engagieren, sind sie nicht Teil der Auseinandersetzung, über die sie informieren sollen? Ist eine weitgehende Objektivität nicht von vornherein und nicht erst, seit es "eingebettete" Journalisten gibt, eine Illusion? Die Antwort, die sie bei Al Dschazira, aber auch im amerikanischen Medienzentrum findet, legt das nahe.

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Propagandistische Zwecke

George W. Bush nannte Al Dschazira "das Sprachrohr Usama Bin Ladins", und der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld ließ die versammelte amerikanische Presse und damit tatsächlich die ganze Welt wissen, weil Al Dschazira auch solcherlei überträgt, daß "Leute, die lügen, bei ihren Lügen erwischt werden" - eine Sequenz, die heute für allgemeine Heiterkeit im Publikum sorgt. Ähnlich komisch wirken die in ihrer eigenen Sprache radebrechenden amerikanischen Offiziere beim Versuch, die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen zu erklären.

Der Chefredakteur von Al Dschazira, Ibrahim Hilal, weiß, daß jede politische Führung, jede Bewegung die Medien für propagandistische Zwecke in Dienst zu nehmen sucht. Gleichwohl sagt er, wenn Fox News ihm eine Stelle anbieten würde, würde er sie sofort annehmen. Seine Kinder will er in den Vereinigten Staaten studieren lassen, und dann sagt er lachend, es wäre ihm schon recht, den arabischen Albtraum für den amerikanischen Traum einzutauschen - ein wenig wahrscheinlicher Plan für einen Extremisten, als welchen die Bush-Regierung jeden Journalisten von Al Dschazira einschätzt.

Teil eines Medienfeldzugs

Ein Kollege des amerikanischen Senders NBC sieht das gelassener: Natürlich sei das Konzept einer freien und unabhängigen Presse bei uns weiter entwickelt, sagte er sinngemäß, wir hätten ja zweihundert Jahre Zeit gehabt, diesen Stand zu erreichen. Al Dschazira aber, der erste arabische regierungsunabhängige Sender, wurde erst vor acht Jahren gegründet.

Im "Central Command" hat Jehane Noujaim einen außerordentlich beredten und überlegten Informationsoffizier getroffen, der zum überwiegenden Teil die amerikanische Seite in ihrem Dokumentarfilm repräsentiert. Er weiß, daß er Teil eines Medienfeldzugs ist, und er scheut sich nicht, das deutlich zu sagen. Für die Wahrheit ist er nicht zuständig, für die Modellierung der Wirklichkeit zu einem medienwirksamen Bild aber will er sich auch nicht mißbrauchen lassen. Er ist ehrlich genug zuzugeben, daß ihn die Bilder toter Iraker weniger berühren als die Bilder toter Marines. Er sagt das nicht kriegerisch, sondern traurig, sich selbst befragend, ebenso wie die Reporter von Al Dschazira, deren Kontaktmann er ist. Im Krieg zählen wir und unsere Medien nur die eigenen Toten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2004, Nr. 37 / Seite 40
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
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