Alltag im Alter

Die Würde des (alten) Menschen ist antastbar

Von Michael Jürgs
08.02.2013
, 14:50
Vom Elend an Bahnhöfen, Fahrkartenautomaten, Fußgängerampeln und in Heimen. Alten Menschen wird es nicht leicht gemacht. Deutschland, als Stolperparcours für Senioren betrachtet.

Ob ich mit der alten Frau ihre Verwirrung vor dem Fahrkartenautomaten am Bahnhof in Dorsten teilte oder ob es an einer Station zwischen Grimma und Leipzig passierte, weiß ich nicht mehr. Tatsache ist, dass es weder dort noch da Ansprechpartner gab, die sie um Hilfe hätte bitten können. Der Bahnhof war vernagelt, verschmiert, tot, sein Personal längst schon in den Vorruhestand wegrationalisiert und ersetzt durch Automaten, weshalb es logischerweise auch keinen Fahrkartenschalter mehr gab.

War es früher besser? Ja. Was war früher denn besser? Das Leben.

Ein Automat gibt auch auf konkrete Fragen keine Antwort: Welchen Knopf soll ich wann wohin drücken? Wie viele Münzen muss ich einwerfen? Nimmt die Maschine von Menschen auch Scheine an? Zahlt sie in barer Münze zurück? Solche Probleme lachen junge Smartphonies einfach weg und drücken für die Antwort auf einen App. Wer da nur Bahnhof versteht, also für die neue Zeit nicht mehr die entsprechenden Botenstoffe im Gehirn aktiviert, muss halt zu Hause im Kopf mit den verbliebenen Neurotransmittern auf Reisen gehen.

Weil ich es eilig hatte, war der Rat, den ich ihr gab, beschämend billig: Einfach in den nächsten Zug einsteigen solle sie, den Fahrschein beim Schaffner lösen. Denn der Rat kann teuer werden. Wer ohne gültiges Ticket reist, muss nicht nur den Fahrpreis, sondern auch vierzig Euro Strafe bezahlen. So steht es warnend in den Waggons geschrieben. Falls die Schrift nicht zu klein gedruckt ist, dürfte sie auch der alternde Großteil der Bevölkerung entziffern können. Bei Kontrollen sind schwarzfahrende Menschen ohne Ansehen von früher oder später Geburt, Rasse, Religion, Herkunft gleichermaßen dran, egal, ob arm oder reich, weiß oder tatsächlich schwarz.

Betrieb eingestellt

Gern erfinden Journalisten für nicht selbst Erlebtes anonyme Taxifahrer, die erzählen, was sie nicht eigens recherchiert haben. Doch dieses Beispiel ist belegt durch einen glaubwürdigen Informanten, einen Journalisten. Seine Mutter, damals Mitte achtzig, wollte von Königsbronn nach Heidenheim fahren. Entfernung: etwa acht Kilometer, Fahrtzeit neun Minuten. Hilflos stand sie, eine wie viele, stellvertretend für alle, vor einem Fahrkartenautomaten. Der Sohn erwähnte es beim Interview mit dem damaligen Bahnvorstand. Kurzbündige Erwiderung: Sie müsse halt künftig vor Antritt einer Reise ihre Fahrkarte online ausdrucken. Die Antwort war nicht nur arrogant, sondern zudem ignorant, denn für Kurzstrecken der Heidenheimschen Art gibt es im Internet keine Tickets.

In vielen deutschen Kleinstädten steht zwar noch ein Bahnhof, aber von ihm fahren keine Züge mehr los, und es kommen keine mehr an. Busse stehen als Ersatz bereit, und die Fahrer reagieren auf Fragen. In vielen Dörfern hält selbst der Bus nur noch zweimal am Tag, ist die Kirche längst nicht mehr im Dorf, hat die Gastwirtschaft geschlossen und der Sportverein mangels Nachwuchses den Betrieb eingestellt. Die Jungen zogen für ihre Jobs weg, die Alten blieben sesshaft, sie hatten keine Wahl. Es geht ihnen im Westen besser als ihren Altersgenossen in den verblühten Landschaften des Ostens. Bei jenen klopft zwar regelmäßig ein freundlicher jüngerer Mitmensch an und bietet jedwede Hilfe im Alltag an. Erwartet dafür aber bei der nächsten Wahl von den Alten, deren Kreuz er heuchlerisch zu tragen hilft, ein Kreuz bei der NPD.

Nichts für Feiglinge

Hinfällig dagegen sind die Alten, sobald sie vor die Türen treten, eher in den Städten. Da beginnt Feindesland, bevölkert von eiligen, mit Ohrstöpseln gegen Umwelteinflüsse abgeschotteten Mitbürgern, rasenden Radkurieren, am Handy hängenden Jungmüttern mit Kinderwagen so groß wie SUVs. Die Methusalem oder Bette Davis zugeschriebene Erkenntnis, Alter sei nichts für Feiglinge, ist zwar ähnlich abgehangen wie das Klischee vom „Baumelnlassen der Seele“ oder wie die Leerformeln, Politiker hätten etwas „auf den Weg gebracht“, oder eine Betroffenheit, welcher Art auch immer, könne „ein Stück weit“ nachvollzogen werden, oder die Behauptung, wer in einem bestimmten Markt einkauft, sei nicht gar so blöd.

Doch Alltag im Alter ist tatsächlich nichts für Feiglinge. Rund siebzehn Millionen Deutsche über fünfundsechzig Jahre bevölkern die Republik. Tendenz steigend. Die meisten sind auf Betreuung in Seniorenresidenzen, Altenheimen, Pflegestationen, Verwahranstalten (noch) nicht angewiesen und wohnen (noch) dort, wo sie seit Jahrzehnten bereits leben. Weshalb es in diesem Text nicht um das zu lange verdrängte Tabu Demenz geht, nicht wie so oft um die Aufdeckung von unmenschlichen Zuständen in einem Heim. Auch nicht um den gleichfalls längst bekannten Skandal, dass Pfleger und Krankenschwestern schlecht bezahlt werden, so dass der Bedarf an rund 30000 Arbeitsplätzen nicht gedeckt werden kann.

Abteilungen für Seniorenhäftlinge

Ein Sozialstaat, für den laut Grundgesetz die Würde des Menschen verpflichtend unantastbar ist - von einer Altersgrenze steht nichts in Artikel 1 -, der jährlich zweihundert Milliarden Euro in Familienpolitik investiert und größtenteils verschwendet, müsste ohne einen dieser abgewetzten runden Tische fähig sein, zwei, drei Milliarden abzuzweigen für eine grundsätzliche Investition in die Zukunft. Denn die Lebenserwartung steigt, und es ist eher nicht zu erwarten, dass die zukünftigen Alten bereit sind, früher zu sterben, damit die Jungen mehr vom Leben haben. Frauen sind länger alt als Männer, weil Frauen laut Statistik länger leben. Ob das ein Segen ist oder am Ende mehr Fluch, hängt davon ab, was sie vom Leben noch erwarten, außer noch zu leben. Bei den über Achtzigjährigen stieg die Zahl dank medizinischer Fortschritte und gesunder Ernährung von 2,9 Millionen Deutsche vor fünfzehn Jahren auf nunmehr 4,2 Millionen in der Gesamtbevölkerung. Über deren Alltag sagt die Statistik nichts aus.

Wer arm ist, wusste ohne Statistik von jeher der Volksmund, muss früher sterben. Oder gar kriminell werden, um sich durchzuschlagen. Die Zahl alter Ersttäter steige, stellt der Bund Deutscher Kriminalbeamter fest, was auf wachsende Altersarmut schließen lasse. In vielen Gefängnissen gibt es bereits Abteilungen für Seniorenhäftlinge.

Draußen lassen Todgeweihte grüßen: Die Grünphase einer Fußgängerampel in einer Großstadt X ist so eingestellt, dass ein gesunder Mensch mit dem letzten Schritt den gegenüberliegenden Bürgersteig erreicht, bevor die Ampel auf Rot umschaltet und die Autofahrer bei ihrem Grün zum Massenstart ansetzen. Wer zu alt und nicht mehr gut zu Fuß ist, schafft in dieser Zeit allenfalls die Hälfte der Kreuzung. Es spricht aber für die doch (noch) vorhandene soziale Ader von Autofahrern, dass sie nicht hupend lospreschen, sondern den Alten eine reelle Chance geben, sich zu retten.

Schunkelnde Mutanten der Volksmusik

In einer per Demoskopie ermittelten „Diskriminierungstabelle“ stehen aber nicht tote oder scheintote Bahnhöfe ganz oben oder Ampelschaltungen, sondern Banken und Versicherungen. Sie sind als Feindbild offenbar in allen Generationen populär: Kredite würden den Alten einerseits eben wegen ihrer fortgeschrittenen Jahre nicht mehr gewährt, weil die Rückzahlung innerhalb einer noch absehbaren Lebenszeit fragwürdig sei, andererseits Achtzigjährigen als sichere Geldanlage Bausparverträge beziehungsweise langfristige Privatversicherungen angedreht. Bei solchen Fällen könne es sich nur um Einzelfälle handeln, dementierten die Bundesverbände der Banken und Versicherungen, die im Gegensatz zu den Alten über eine bestens in der Politik vernetzte Lobby verfügen.

Die Vorwürfe waren außerdem medial keiner weiteren Nach-Rede wert, sobald alte Sexisten durchs mediale Dorf getrieben wurden und alle, die es aus eigener Kraft (noch) schafften, ein Fernsehstudio zu erreichen, über Sexwünsche im Alter oder sexfreie Altersweisheiten Persönliches schildern durften.

Öffentlich-rechtliche Sender und Rundfunkanstalten haben per Staatsvertrag einen besonderen Auftrag für die Gesellschaft zu erfüllen. Deshalb geben sie ihr Bestes, um alte Menschen sicher bis ins Grab zu leiten. Sie versenden für die einen schunkelnde Mutanten der Volksmusik, für bessere Greise auf Arte und den Digitalkanälen Opern und Konzerte und Dramen, auf 3sat-Kulturzeit die werktägliche Nahrung fürs Gehirn, auf dass Alte abends nicht auf die Idee kommen, ihre Wohnung zu verlassen. Selbst dann, wenn es wegen aufkeimender Gebrechen oder steigender Mieten in den eigenen Wänden nicht mehr weitergeht, wird Kultur wenigstens noch live genossen.

Die letzte Reise

Reisende Dichter gibt es, die liebend gern in Seniorenresidenzen aus ihren Werken lesen. Sie wissen, die Bewohner können ihnen ohne Gehhilfe nicht entkommen. Es gibt ja schon Musiker, die sich ihre eigene Altersvorsorge dadurch verdienen, dass sie für die Rolling Bones in den Heimen aufspielen. Wer ins selbst erlebbare Kulturleben will, muss kampfbereit sein. Die Hamburgische Staatsoper bietet bei jeder Opernaufführung vier, bei jedem Ballettabend zwei Plätze für Rollstuhlfahrer. Das ist lobenswert. Wichtiger wären dort wie überall in Theatern, Konzertsälen, Opernhäusern, Kinos ganze Parkettreihen, die ausgestattet sind mit erhöhten Sitzpolstern, weil der Mensch im Alter naturgemäß schrumpft, mit Ablagen für Stöcke, mit Audioanlagen für leisen Tönen abgeneigte Ohren und mit Großbuchstaben im Programmheft.

In der Berliner Gedächtniskirche gab es im vergangenen Jahr eine Ausstellung auf Leben und Tod. Hundert Bürger waren gebeten worden, einen Koffer mit dem zu packen, was sie für ihre letzte Reise mitnehmen würden. Die meisten der aufgeklappten Koffer waren gefüllt mit Familienbildern, Büchern, Rosenkränzen, Notizen. In eine1m lag nur ein Stapel ungeöffneter Briefe. Aus dem Jenseits muss man nicht mehr antworten.

Tarnkappen

Das Konzept wäre ganz einfach zu übertragen auf die noch lebenden Alten. In deren Koffern würden symbolisch die Entwürdigungen gezeigt, die sie im Diesseits erlebt haben: Fahrkartenautomaten. Fußgängerampeln und so weiter. Aber auch zum Beispiel der Kostenvoranschlag für Implantate, ohne die ein Siebenundachtzigjähriger bald seine Wurst nicht mehr würde beißen können. Eine solche Behandlung kostet nicht nur viel Geld, sie dauert lang. Falls er vor der Zeit ins Gras beißt, ist das ein Kollateralschaden und so weiter.

Alle Parteien suchen eine eigene Idee für den Bundestagswahlkampf. Hier ist sie, kostenfrei: Mit den Rentenbescheiden werden, passend zum zweihundertjährigen alten Richard Wagner, für den deutschen Alltag Tarnkappen verschickt. Mit denen wären die Alten unsichtbar und würden nicht mehr so störend auffallen.

Quelle: F.A.Z.
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