Großfamilie gesucht!

Von wegen Generationenkonflikt: Überall entstehen neue gemeinsame Wohnprojekte für Jüngere und Ältere – und alle profitieren davon.

19. Mai 2022
TEXTE UND PROTOKOLLE: Silke Weber
FOTOS: Anna Aicher

Alt und Jung wohnen zusammen in einem Haus, weil sie zusammenwohnen wollen. Die einen helfen beim Haushalt oder unterstützen in Technikfragen. Die anderen beraten in Lebenslagen und bieten bezahlbaren Wohnraum. Einsamkeit wird gegen Erfahrung eingetauscht, das Miteinander zählt. Das klingt fast wie eine Utopie. Oft ist vom Generationenkonflikt die Rede. Alte Umweltsünder versus junge Umweltkämpfer, wohlhabende Senioren versus machtlose Nachwachsende, denen die Zukunft abhandenzukommen droht, finanziell, klimatisch, generell. Alt gegen Jung, Jung gegen Alt.

Dass es gemeinsam besser für alle geht, zeigen immer neue Mehrgenerationen-WGs, Mehrgenerationenhäuser oder Mehrgenerationensiedlungen. Wo Menschen, die vom Alter und der Lebensphase, in der sie stecken, unterschiedlicher nicht sein könnten, bewusster und vor allem intensiver miteinander leben wollen.  

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

Jetzt abonnieren

„Krabbelstuben für Senioren“, höhnten Kritiker, als Ursula von der Leyen als Sozialministerin von Niedersachsen die ersten Mehrgenerationenhäuser förderte. „Die alte Dame fragt den Schüler Englischvokabeln ab, dafür erklärt er ihr das Handy“, lautete ihre Vision. Seit 2006 fördert die Bundesregierung Mehrgenerationenhäuser: Vereine, Kirchengemeinden und freie Träger können sich bewerben und erhalten Zuschüsse bis zu 40.000 Euro im Jahr. Etwa 530 Einrichtungen dürfen sich heute „Mehrgenerationenhaus“ nennen.

Deutschland wird alt, 2025 ist die Hälfte der Bevölkerung über 47 Jahre alt, die Babyboomer-Massen gehen in Rente. Die soziale Isolation und Einsamkeit nimmt im Alter zu, viele Erwachsene leben fern ihrer Eltern, Familien sind über das ganze Land oder sogar über die Welt verstreut, die moderne Arbeitswelt fordert Flexibilität. Immer mehr Menschen leben allein.

Generationenübergreifende Haus- oder Wohngemeinschaften können eine Lösung für dieses Problem sein. Nicht nur Studis, auch Senioren ziehen heute in WGs. Und manchmal mischen sie sich. Sie nennen sich „Wohnduo“, „Wohnpaar“ oder „Wohnpartnerschaft“. Dahinter steht das Konzept „Wohnen für Hilfe“, bei dem Alte freien Wohnraum zur Verfügung stellen und im Gegenzug Unterstützung im Alltag bekommen. Das sind Aufgaben wie Rasen mähen, einkaufen gehen oder gemeinsam kochen. Angesichts der Knappheit von Zimmern für Studierende wird diese Art der Vermietung immer populärer. Inzwischen gibt es hierzulande um die 40 Standorte, die Wohnpaare vermitteln.

Zusammen, nicht allein, mit Menschen, die mehr als nur die Adresse teilen wollen: Sieht es so aus, das Wohnen von morgen für sehr viele? In ganz Deutschland entstehen auf diese Weise schon heute moderne Tribes, Sippen und neue Großfamilien. Wir haben uns vier Projekte genauer angeschaut und gefragt, wie Junge und Alte von dieser Nähe tatsächlich profitieren.


Testen Sie unser Angebot.
Jetzt weiterlesen.
Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

ANZEIGE