Verleumdungsprozess

Amber Heard erinnert sich an Dauersalven von Johnny Depp

Von Christiane Heil, Los Angeles
05.05.2022
, 11:15
Nun ist sie an der Reihe: Schauspielerin Amber Heard im Zeugenstand
Nach der Aussage der Psychiaterin dreht Amber Heard den Spieß um. Im Zeugenstand erinnert sie sich an Dauersalven von Übergriffen – die ersten Schläge soll Depp ihr zweieinhalb Jahre vor der Hochzeit versetzt haben.
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Viel Glamour ist nach drei Prozesswochen nicht geblieben. Johnny Depp, lange einer der hellsten Sterne Hollywoods, präsentierte sich während des Verleumdungsprozesses gegen seine frühere Ehefrau Amber Heard als alternder Schauspieler mit Hang zu Alkohol, Drogen und Selbstmitleid. Auch die Fotos von abgetrennten Fingerkuppen, untermalt mit Gewaltphantasien via Textnachricht, dürften seinen Q-Score, in der Unterhaltungsbranche das Maß für die Popularität eines Prominenten, nicht unbedingt in die Höhe getrieben haben.

Dass Disney den Achtundfünfzigjährigen aus den Drehbüchern des familienfreundlichen Kinokassenschlagers „Fluch der Karibik“ gestrichen hat, scheint nach seinem halb gelangweilten, halb verwirrten Auftritt vor Gericht in Fairfax, mehr als 4000 Kilometer von Hollywood entfernt in Virginia, fast nachvollziehbar. Wie der Finanzberater Michael Spindler den Geschworenen vorrechnete, soll das Ende der Piratenrolle nach Heards Missbrauchsvorwürfen Depp mehr als 22 Millionen Dollar gekostet haben. Insgesamt, sagte Spindler aus, schätze er Depps Verluste durch die Anschuldigungen auf mehr als 40 Millionen Dollar. Bei seiner vier Tage langen Aussage hatte Depp versichert, Heard vor der plötzlichen Trennung im Mai 2016 nicht, wie von der Schauspielerin in einem Artikel für die „Washington Post“ angedeutet, körperlich, psychisch und sexuell missbraucht zu haben. Nicht er habe Heard wiederholt angegriffen, sondern die Sechsunddreißigjährige ihn. „Ich bin ein Opfer häuslicher Gewalt“, ließ Depp die Jury wissen.

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„Ich wollte nicht, dass das Realität war“

Am Mittwoch war nun Heard an der Reihe. Nach der Aussage der Psychiaterin Dawn Hughes, die bei der Texanerin posttraumatische Störungen diagnostiziert hatte, berichtete sie im Zeugenstand an Dauersalven von Übergriffen. Die ersten Schläge habe Depp ihr 2012 versetzt, zweieinhalb Jahre vor der Hochzeit. Heard saß angeblich mit ihrem damaligen Liebhaber auf dem Sofa und trank Wein, als er ausholte und sie ohrfeigte. Die Schauspielerin sei in Lachen ausgebrochen, als Depp auf ihre Frage nach seinen Tattoos erwidert habe, sich das Wort „Wino“ tätowiert haben zu lassen. Depps Ohrfeige habe sie mehr als überrascht. „Ich lachte weiter, weil ich nicht wusste, wie ich sonst reagieren sollte. Ich dachte, das muss ein Witz sein“, sagte Heard unter Tränen aus. Es seien zwei weitere Schläge gefolgt, der letzte so hart, dass sie vom Sofa auf den Boden rutschte. „Ich wollte Johnny aber nicht verlassen. Ich wollte nicht, dass das Realität war. Aber ich wusste auch, dass man sich davon nicht wieder erholt“, ließ die Schauspielerin die Jury wissen. Depp soll sich reumütig gezeigt haben. Er sei neben ihr auf die Knie gegangen und habe begonnen zu weinen. Am nächsten Tag habe er Heard mehrere Kästen Wein gebracht und versprochen, „den verdammten Fucker“, seine dunkle Seite, künftig besser zu kontrollieren. Im Gerichtssaal hielt Depp die Augen hinter den getönten Brillengläsern gesenkt.

Bei der Befragung durch ihre Anwältin Elaine Bredehoft hatte sich Heard zuvor an den Beginn der Romanze erinnert: Wie sie sich schon 2008 bei dem ersten Treffen vor den Dreharbeiten zu der Buchverfilmung „The Rum Diary“ mit Depp über die gemeinsame Vorliebe für Blues und Gedichte unterhielt. Und wie er sie vor der Kamera am Set auf Puerto Rico ein paar Monate später küsste – mit Zunge und Gefühl anstelle des üblichen einstudierten Filmkusses. Bei der Pressetour im Herbst 2011 sei es dann ernst geworden. „Wir haben uns Hals über Kopf ineinander verliebt. Ich hatte das Gefühl, dass er mich verstand wie kein anderer“, sagte Heard aus. Gleichzeitig lebte das Paar in einer „Blase der Verschwiegenheit“. Depp hatte sich angeblich schon ein Jahr zuvor von seiner Lebensgefährtin und Mutter seiner beiden Kinder, der französischen Schauspielerin Vanessa Paradis, getrennt, das Beziehungsende aber noch nicht öffentlich gemacht.

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Heard fordert 100 Millionen Dollar

Der „Traum“, in dem Heard sich glaubte, währte demnach aber nicht lange. Auf die ersten Ohrfeigen folgten angeblich weitere Übergriffe. Bei einem Campingurlaub im Nationalpark Joshua Tree im Mai 2013 soll Depp die Vagina der Schauspielerin gewaltsam mit den Fingern penetriert haben. Wie Heard aussagte, unterstellte er ihr damals im Drogenrausch, nach dem Flirt mit einer Besucherin des Camps Kokain in der Vagina versteckt zu haben. Einige Monate später endete ein Urlaub mit Depps Kindern Lily-Rose und Jack auf der Privatinsel des Schauspielers in den Bahamas angeblich abrupt. Depp soll damals handgreiflich geworden sein, weil er vermutete, dass Heard den Jugendlichen von dem Alkoholkonsum ihres Vaters erzählt habe. „Er drückte meinen Hals gegen die Wand des Schlafzimmers und hielt mich dort fest. Er sagte mir, dass er mich umbringen könne und dass ich peinlich sei“, berichtete Heard am Mittwoch im Zeugenstand.

Warum die Schauspielerin nach den mutmaßlichen Gewaltexzessen dennoch eineinhalb Jahre später mit Depp vor den Traualtar trat, könnte im zweiten Teil ihrer Aussage thematisiert werden. Die Vorsitzende Richterin Penney Azcarate hat für den Schlagabtausch der Hollywood-Stars – bei dem Depp von seiner früheren Ehefrau 50 Millionen Dollar verlangt, während sie von ihm 100 Millionen Dollar fordert – weitere drei Prozesswochen angesetzt.

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Quelle: F.A.Z.
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