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Androidenforschung

Wer kauft sich schon ein mechanisches Kind?

Von Manuela Lenzen
 - 11:08

Von Robotern mit menschlichem Antlitz geht eine eigentümliche Faszination aus. Da ist Jules, ein freundlicher junger Mann mit leicht androgynen Zügen. Er sei stolz, an einer Revolution in der Robotik teilzuhaben, erklärt er. Diese Revolution werde uns Roboter bescheren, die von Menschen kaum noch zu unterscheiden sind. Intelligent werden sie sein, vielleicht sogar intelligenter als der Mensch, diesem, der Zivilisation und der Natur aber liebevoll zugewandt. Jules’ Gesicht ist täuschend echt, doch seine eckigen Bewegungen und sein offener Hinterkopf verraten ihn als Androiden, als Angehörigen jener neuen Roboterspezies, die mit dem Ziel gebaut wird, dem Menschen äußerlich so ähnlich wie möglich zu sein - auch wenn sie ferngesteuert werden muss.

Die Vision von den freundlichen Übermenschen, die uns helfen, die Welt zu retten, ist die Vision von David Hanson, Gründer von Hanson Robotics, der Jules gebaut hat. Humanlike Cognitive Robotics nennt Hanson seine Disziplin, eine „Superdisziplin“, in der Robotik mit Neurowissenschaft und Kunst zusammenfinde. Den Androiden aus dem Labor von Hiroshi Ishiguro am Department for Adaptive Machine Systems der Universität Osaka hängen keine Kabel aus dem Hinterkopf.

Kommunikation über Gesichtsausdrücke

Die von der Tokioter Kokoro Company gebauten Androiden sind gut gekleidet, ihre Haare hat ein Profi geschnitten - und sie sind lebenden Menschen nachempfunden. Der erste ist das Abbild des Meisters selbst. Bei Ishiguros Androiden brauchen Menschen einige Sekunden, um festzustellen, dass sie es nicht mit Mitmenschen zu tun haben: „Der Frau geht es nicht so gut, oder? Was, ein Roboter? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

Jenseits des alten Traums, Menschen zu bauen, statt bloß Kinder in die Welt zu setzen, gibt es gute Gründe, Roboter menschenähnlich zu machen. Was nützt ein Haushaltsroboter, der zu klein ist, um die Tassen aus dem Schrank zu holen, oder zu groß, um durch die Tür zu passen? Und anders als ein mit Knöpfen übersäter Kasten benötigt ein menschenähnlicher Roboter kein Benutzerhandbuch, sondern kann intuitiv bedient werden. Durch die menschenähnliche Gestalt glaubt der Mensch zu wissen, welche Reaktionen er vom Roboter zu erwarten hat, und umgekehrt wissen die Robotiker, welches Verhalten der Mensch der Maschine gegenüber an den Tag legen wird.

Außerdem kennen Menschen einen genialen Trick, blitzschnell zahlreiche Informationen weiterzugeben, ohne auch ein Wort zu verlieren: indem sie Emotionen durch Gesichtsausdrücke kommunizieren. Auf diese Möglichkeit möchten Robotiker umso weniger verzichten, je komplexer ihre Maschinen werden. Nur wenn Roboter menschliches Verhalten verstehen und sich ihm anpassen können, werden sie als Teil unseres Alltags eine Chance haben.

Verkörperte Theorien des Menschen

Das alles sind gute Gründe, Roboter menschenähnlich zu machen, doch Argumente für die Mimikry der Androiden sind es nicht. Denn silbern glänzende Roboterfinger können eine Spülmaschine ausräumen, und Menschen erkennen Emotionen zuverlässig schon in sehr stark vereinfachten Gesichtern. So wie bei eMuu, einer Gestalt von der Form eines Wassertropfens, mit einem einzigen großen Auge in der Mitte, einer beweglichen Augenbraue darüber und einem Strichmund darunter. Oder bei Kismet mit seinen Lippen aus roten Gummischläuchen, seinen unübersehbar mechanischen Augen und seinen papierenen Schweinsöhrchen.

Doch effiziente Kommunikation ist nur das eine. Kognitionsforscher haben Roboter immer auch benutzt, um besser zu verstehen, wie der Mensch funktioniert. Androiden sind verkörperte Theorien über das menschliche Wahrnehmen und Denken, so Ishiguro. Sie sind für die Begegnung gebaut, sollen helfen, zu verstehen, wie Menschen kommunizieren, wie sie einander wahrnehmen, wem sie Intelligenz, Geist, Seele zuschreiben und worauf es dabei ankommt. Henrik Scharfe von der dänischen Aalborg-Universität besitzt ein Abbild seiner selbst aus Ishiguros Labor und nutzt es für eine Disziplin namens Computergestützte Erkenntnistheorie. Dabei geht es unter anderem darum, wie Roboter unsere Wahrnehmung von Handlung und Kommunikation verändern.

Freund oder Zombie?

Mit das Erste, was die Forscher feststellen mussten, war, dass es mit dem Anthropomorphismus, der den Robotikern gewöhnlich zuverlässig in die Hände spielt, doch nicht so einfach ist: So großzügig Menschen Geldautomaten, Meerschweinchen und Computer in ihre Alltagspsychologie einschließen und mit Gedanken, Wünschen und Emotionen ausstatten, so empfindlich sind sie, wenn sich wirklich etwas anderes in die Kategorie des Menschlichen einzuschleichen versucht. Auf Roboter, die als solche zu erkennen sind, reagieren Menschen meist amüsiert und neugierig. Allzumenschliche Roboter hingegen lösen eine Abwehrhaltung aus, ein Gruseln oder Ekel.

Der Robotiker Masahiro Mori bemerkte dieses Phänomen bereits in den siebziger Jahren und nannte es „uncanny valley“, unheimliches Tal. Je menschenähnlicher ein Roboter wird, desto attraktiver wird er - bis zu einem gewissen Grad. Denn kurz vor dem Gipfel der „Likeness“- Kurve, auf dem der echte Mensch thront, klafft im Diagramm das unheimliche Tal. Ein zu menschlich daherkommender Roboter stürzt in der Sympathie der Beobachter zu den gruseligen Bewohnern der Talsohle: Zombies und Leichen.

Attraktive Telepräsenz

Die meisten Erklärungen für dieses Phänomen heben auf unsere Wahrnehmungsgewohnheiten ab. Ein Roboter, der deutlich als solcher zu erkennen ist, weckt Roboter-Erwartungen. Ein Roboter, der dem Menschen zu ähnlich ist, aktiviert hingegen das Schema Mensch - und weckt damit Erwartungen, die er trotz aller technischen Fortschritte nur für Sekunden erfüllen kann. Der laufende Einstein aus der Hanson-Fabrik, ein kleiner Roboter im Astronauten-Anzug mit täuschend echtem Einstein-Kopf, gehört zweifellos tief in das unheimliche Tal, und auch für Ishiguros Androiden lässt sich der Effekt nachweisen.

Die neuesten Exemplare scheinen das Tal hinter sich zu lassen: Ihre schönen, freundlichen Gesichter bewirken nicht, dass Menschen sich schaudernd abwenden, sondern dass sie gar nicht aufhören können, sie anzustarren. Fragt man nach den Anwendungen der Androiden außerhalb der universitären Forschung, steht der Kuriositäts- und Spaßfaktor im Vordergrund: Ishiguro spricht von besonders attraktiven Schaufensterpuppen, von lebensechten Übungsmodellen für angehende Ärzte. Auf längere Sicht geht es ihm um Telepräsenz: anwesend zu sein, ohne physisch präsent sein zu müssen.

Ist es Betrug, wenn Technik Empfindungen vorgaukelt?

Saya, eine Androide aus dem Labor von Hiroshi Kobayashi, arbeitet versuchsweise als Aushilfslehrerin. Die japanische Botschaft hat fünf Androiden als Rezeptionisten und Übersetzer bestellt. Ein paar Exzentriker mögen sich ein Abbild ihrer selbst wünschen - ein Androide ist jedenfalls schneller fertig als ein Klon -, andere sehen eine neue Vision von Unsterblichkeit am Horizont aufscheinen. Hanson hofft, mit einem Kindroboter Umsatz zu machen, der, wie er verspricht, zu einem echten Familienmitglied werde. Doch wer kauft sich ein mechanisches Kind?

Tatsächlich scheint die Faszination der Androiden auf der Verwirrung zu beruhen, die sie stiften: Ist er echt oder nicht? Wäre diese Phase überwunden und der Androide nicht mehr als solcher zu erkennen, wäre es mit der Faszination vermutlich vorbei. Dafür wären dann andere Diskussionen zu führen: Ist es Betrug, wenn der Mensch nicht mehr weiß, wann er es mit einer Maschine zu tun hat? Wenn gefühllose Technik Empfindungen vorspielt und einfordert?

Showdown mit dem Kampfroboter

Wenn der Mensch glaubt, es mit einem Individuum zu tun zu haben, wo es sich tatsächlich um einen Teil eines Netzwerks handelt, in dem die Informationen, die der Nutzer dem Roboter zukommen lässt, gleich weiterverteilt werden? Vor allem aber ist der Androide eben nur eine Kopie. Mit der Orientierung am Menschen schränkt man seine Ausdrucksformen unnötig auf die menschlichen ein.

Dabei könnte ein Roboter ein echtes Original sein: Er könnte sich bunter Lichter, Farben, besonderer Körperteile oder -formen bedienen. Oder solcher, die bei Tieren abgeschaut sind: Roboter könnten die Ohren aufstellen, wenn sie aufmerksam sind, mit dem Schwanz wedeln, wenn sie gut funktionieren, oder die Haare zu Berge stehen lassen, wenn sie falschen Input bekommen. Warum sich also auf das Kopieren von Menschen beschränken?

Informatiker der Universität Freiburg arbeiten an roboterspezifischen Kommunikationsformen, die von Menschen ebenso leicht und intuitiv verstanden werden wie menschliche Gesichtsausdrücke, bei denen die Grenze zwischen Mensch und Maschine aber nicht verwischt wird. Daryl etwa, ein Roboter mit Antennen an den Ohren, kombiniert menschliche Bewegungselemente wie Kopfnicken und Neigen des Oberkörpers mit Ohrbewegungen, die aus Darwins „Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren“ entlehnt sind, und bunten Lichtsignalen. Versuchspersonen konnten alle von Daryl präsentierten Emotionen erkennen, am besten schnitt die Neugier ab. Abstrakte, roboterspezifische soziale Signale sind mindestens ebenso erfolgreich wie solche, die auf dem Nachahmen von Menschen beruhen, schließen die Forscher.

Noch besteht kein Roboter den ultimativen Turing-Test, als Mensch unter Menschen durchzugehen. Filmemacher spielen hingegen schon lange mit unseren leicht in die Irre zu führenden Intuitionen: Der gefährliche Kampfroboter, den es im Showdown auszuschalten gilt, sieht entweder aus wie ein kleines Kind oder wie eine schöne Frau. Der Held muss lange mit sich ringen, bevor er endlich abdrückt. In der Wirklichkeit zeigt sich, wann immer sich Roboter außerhalb der Labors blicken lassen, dass Technik nicht weniger attraktiv ist, nur weil sie erkennbar bleibt.

Quelle: F.A.Z.
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