Polemik in England

Eintrag ins Klassenbuch

EIN KOMMENTAR Von Gina Thomas
06.07.2022
, 06:43
Leidenschaftliche Rednerin: Angela Rayner
Was bitte ist Champagner-Sozialismus? Wenn Politiker anderen Politikern elitäres Gehabe vorwerfen, müssen sie in England bei kulturellen Klassenunterschieden aufpassen. Das zeigt der Fall Angela Rayner.
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In der britischen Politik sind es gewöhnlich Labour-Politiker, die mit klassenkämpferischen Stereotypen hantieren, um gegen die vermeintlich elitären Konservativen polemisch zu punkten. Nun dreht die Regierungspartei den Spieß um. Als sich die beiden Stellvertreter des Premierministers und des Oppositionsführers dieser Tage im Parlament gegenüberstanden, versuchte der konservative Minister Dominic Raab die ihre Arbeiterherkunft gern herauskehrende Labour-Politikerin Angela Rayner mit dem Vorwurf des Champagner-Sozialismus in Verlegenheit zu bringen. Rayner war, wie die Zeitung „Sun“ Heuchelei unterstellend berichtete, kurz zuvor mit einem Champagnerglas in der Hand beim Opernfestspiel in Glyndebourne gesichtet worden, das mit seiner Picknicktradition im Smoking oft als Inbegriff von snobistischer Exklusivität dargestellt wird.

Wo sie denn wohl gewesen sei, als sich ihre Kameraden im Schattenkabinett mit den Eisenbahnarbeitern auf der Streiklinie solidarisierten, statt für die in Mitleidenschaft gezogene Öffentlichkeit einzutreten, stichelte Raab mit einem Augenzwinkern, das ihm mindestens so viel harte Kritik eintrug wie die Antwort auf seine rhetorische Frage: Rayner habe in der Oper Champagner geschlürft, erklärte Raab süffisant, ohne zu ahnen, in welche Falle er damit getappt war. Die muntere Politikerin riet ihm dazu, vom Snobismus zu lassen und besser seine Opernkenntnis auf Vordermann zu bringen, denn sie habe einer Vorstellung von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ beigewohnt, in dem eine einfache Frau aus der Arbeiterschicht die Oberhand über einen privilegierten, aber dämlichen Schurken gewinne. Außerdem sei sie für 62 Pfund Gast eines Arbeiterjungen gewesen, der seit 36 Jahren in Glyndebourne Geige spiele. Die Runde ging an sie.

Nun kommt die Nachricht, dass Angela Rayner sich weigert, ihre grammatischen Fehler im Protokoll der Parlamentssitzungen korrigieren zu lassen, um ihre Wurzeln in der Arbeiterschicht nicht zu verraten, als seien sprachliche Maßstäbe und Authentizität nicht in Einklang zu bringen. In einem Vortrag brüstete sie sich, Politikersprech zu meiden und auch in der Kammer natürlich zu reden, selbst wenn das heiße, dass es für die Ersteller des Protokolls ein Albtraum sei, ihre parlamentarischen Interventionen dem Hausstil anzupassen. Damit unterscheide sie sich von vielen Kollegen aus Arbeiterverhältnissen, die glaubten, auf eine bestimmte Art reden oder ihre Herkunft verbergen zu müssen, um voranzukommen. Ein Umfrage zeigte unlängst, dass die meisten Briten den Klassenstand nicht mehr nach sozialer Herkunft messen, sondern vor allem nach dem Gehalt. Die Politik aber verharrt in alten Gewohnheiten.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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