<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Zum Tod von Reinhard Rürup

Außer Konkurrenz

Von Stefanie Schüler-Springorum
 - 15:25

Man würde so gerne noch einmal mit ihm Mittag essen gehen, über ein Buch diskutieren oder über eine Ausstellung. Der Tod von Reinhard Rürup hat viele Kollegen und Freunde tief und überraschend getroffen. Er stand mit seinen fast 84 Jahren mitten im Leben, nahm an akademischen Debatten ebenso engagiert teil, wie er sich über politische Ereignisse ärgern oder über ein gutes Tennisspiel freuen konnte. Vielleicht hat die allseitige Überraschung auch mit einer besonderen Art von Konstanz zu tun: Reinhard Rürup war gleichbleibend präsent als verlässlicher und zugewandter Wissenschaftler und Gesprächspartner, der sein Gegenüber, egal ob Professorin oder Student, stets mit demselben Respekt und derselben Aufmerksamkeit bedachte. Wenn er sich manchmal bei Vorträgen langweilte, so konnte man dies lediglich daran erahnen, dass Bleistift und Papier vor ihm unberührt liegen blieben. Und selbst wenn er ein Dissertationsthema besonders misslungen fand, so nutzte er dies nie zur öffentlichen Demütigung, stattdessen wurden sanft klingende Verbesserungsvorschläge unterbreitet und alles Weitere auf ein Zweiergespräch verschoben.

Dass man solche zwischenmenschlichen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten als Erstes zu Papier bringt, sagt vielleicht mehr aus über universitäre Umgangsformen als über Reinhard Rürup. Und dennoch liegt gerade hier der Schlüssel für die breite, Generationen wie Geschlechter und Fächer übergreifende Achtung, ja Zuneigung, die ihm entgegengebracht wurde und wird.

Reinhard Rürup, der Geschichte und Germanistik studierte und eigentlich Gymnasiallehrer werden wollte, gehörte zu jener Generation von Historikern, die den Nationalsozialismus als Kinder erlebt hatten und sich dann angesichts der katastrophalen Hinterlassenschaft der Eltern schworen, es selbst besser zu machen. Während die jungen Leute das Studium eher pragmatisch angingen, setzten sie sich in studentischen Zirkeln wie dem Göttinger Historischen Colloquium mit zeitgeschichtlichen Fragen auseinander und engagierten sich in der politischen Bildungsarbeit. Daraus erwuchs bei Rürup ein für die westdeutsche Historikerzunft einmalig frühes Interesse an der Geschichte des Antisemitismus sowie der Juden und deren rechtlicher Lage, das sich zunächst in einem fast hundert Seiten umfassenden Aufsatz über die „Judenemanzipation in Baden“ niederschlug und kurz darauf in einem gemeinsam mit seinem damaligen Chef Thomas Nipperdey verfassten Beitrag in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“.

Perspektive der Opfer

Diese beiden quellengesättigten Studien ließen den jungen Historiker zu einem der wichtigsten, weil vertrauenerweckenden Ansprechpartner für das Leo Baeck Institut werden, jene Organisation jüdischer Wissenschaftler deutscher Herkunft, die Ende der sechziger Jahre damit begann, vorsichtig wieder Kontakte nach Deutschland aufzunehmen. Rürup, seit 1975 Professor für Neuere Geschichte an der TU Berlin, der zum Pietismus promoviert und intensiv zur Novemberrevolution geforscht hatte (was ihm, wie sich ältere Leser erinnern werden, den Spitznamen „Revolutions-Rürup“ einbrachte), erarbeitete sich in den nächsten Jahren jene beiden Felder, für die sein Name bis heute in der Öffentlichkeit steht: die deutsch-jüdische Geschichte und die Geschichte des Nationalsozialismus.

Es waren vermutlich die zahlreichen Begegnungen mit jüdischen Kollegen im LBI, aber auch während seiner Gastprofessuren in Berkeley und Stanford, Jerusalem und Harvard, die es ihm viel früher als anderen ermöglichten, die „Katastrophe“, wie er den Holocaust nannte, als das zentrale Ereignis der deutschen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert zu begreifen und darauf immer auch aus der Perspektive der Opfer zu blicken, ohne diese zu seiner eigenen zu machen. Vor diesem Hintergrund war das hartnäckige Engagement nur folgerichtig, mit dem sich Reinhard Rürup, gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, für eine Forschungseinrichtung an der TU Berlin einsetzte, die sich in der ehemaligen Hauptstadt des „Dritten Reiches“ mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung auseinandersetzen sollte. Als das Zentrum für Antisemitismusforschung, als dessen Gründungsbeauftragter er mehrere Jahre fungierte, schließlich 1982 seine Tätigkeit aufnehmen konnte, begann eine lange Phase intensiver Kooperation, in der unzählige Arbeiten zum Antisemitismus, zur deutsch-jüdischen Geschichte, zum Nationalsozialismus und zum Mord an den europäischen Juden entstanden, die maßgeblich zum exzellenten Ruf der Geschichtswissenschaften an der Technischen Universität Berlin beitrugen – ein Ruf, auf den Reinhard Rürup durchaus stolz war und dessen Zerstörung durch die Abwicklung des Fachbereichs ihn zutiefst verbittert hat.

Parallel dazu konnte er jedoch auf ein von ihm initiiertes und zehn Jahre lang geleitetes Erfolgsprojekt blicken: auf den 1989 unter dem etwas sperrigen Namen „Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts in der Bundesrepublik Deutschland“ (WAG) gegründeten deutschen Ableger des Leo Baeck Instituts. Neben diversen Projekten der WAG, einem Gastprofessorenprogramm für die neuen Bundesländer zum Beispiel oder den Archivführern zu den „Quellen zur Geschichte der Juden“, engagierte sich Rürup besonders für die Doktorandencolloquien und Nachwuchswissenschaftler-Tagungen der WAG, ein Format, das so erfolgreich war, dass es heute von zahlreichen anderen Fachgebieten kopiert wird.

Respektvoller Umgang und politische Klarheit

Hier bot sich einer nachwachsenden Generation von deutschen, fast immer nichtjüdischen Historikern die Möglichkeit, ihre Arbeiten vorzustellen und mit anderen in Kontakt zu kommen, lange bevor die mittlerweile zahlreichen Lehrstühle und Institute zur jüdischen Geschichte ihre Arbeit aufnahmen. Die wissenschaftliche und sprachliche Präzision Reinhard Rürups, aber auch seine stets auf eine konkurrenzfreie Diskussionsatmosphäre bedachte Leitung dieser Colloquien haben die folgende Generation der deutsch-jüdischen Historikergemeinschaft nachhaltig geprägt und bis heute bestehende Freundschaften und Netzwerke geschaffen.

Dies gilt im Übrigen auch für seine Schüler aus der sogenannten Allgemeinen Geschichte, bei denen eine Besonderheit sofort ins Auge sticht: Bei seiner Emeritierung im Jahre 1999 war Reinhard Rürup derjenige deutsche Professor, mit dessen Unterstützung gleich viele Historikerinnen wie Historiker habilitiert wurden. Die Vermutung, dass er diesen Rekord bis heute hält, ist nicht abwegig. Für den Ehemann einer berufstätigen und politisch engagierten Frau und Vater zweier selbstbewusster Töchter war Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit, für die er jedoch durchaus zu kämpfen verstand: Auch das zweite große Zentrum an der TU, das für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, verdankt seine Gründung im Jahre 1995 seiner maßgeblichen Unterstützung.

Reinhard Rürup war ein gesellschaftspolitisch engagierter Gelehrter, der beides, Wissenschaft und Politik, zusammendachte und doch inhaltlich voneinander trennte: Seine Mitarbeit in der Historischen Kommission der SPD wollte er dezidiert nicht als „Parteigeschichtsschreibung“ verstanden wissen; und ein angemessenes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, für das er sich in zahlreichen Beiräten von Gedenkstätten vor allem nach 1989 einsetzte, war für ihn eine politische Aufgabe, wenngleich getragen von einem tiefen Verständnis für die deutsch-jüdische Erfahrung. Mit der Umsetzung von Geschichte in publikumswirksame Ausstellungen hatte sich Reinhard Rürup schon seit den achtziger Jahren befasst: Als wissenschaftlicher Leiter zusammen mit Gottfried Korff war er, der große Berlin-Liebhaber, dafür verantwortlich, dass in der historischen Ausstellung anlässlich der 750-Jahr-Feier der damals noch geteilten Stadt im Martin-Gropius-Bau sowohl der jüdischen Geschichte als auch der Stadtgeschichte im Nationalsozialismus ein gewichtiger Platz eingeräumt wurde – dies war und ist bis heute nicht eben üblich anlässlich staatstragender Jubiläen.

Hinzu kam, zur selben Zeit, die Eröffnung der Dokumentation „Topographie des Terrors“ nebenan auf dem Gelände des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes, bekanntlich als Provisorium gedacht und bis heute Kernstück des gleichnamigen Dokumentationszentrums. Auch hier war Reinhard Rürup, der die wissenschaftliche Leitung der Stiftung Topographie des Terrors bis 2004 wahrnahm, Pionier: der Täterforschung zum Beispiel, wie es der historische Ort nahelegte, und in der Beachtung der Opferperspektive. Erinnert sei nur an die große Ausstellung zum Krieg gegen die Sowjetunion 1991, die die zentralen Thesen der Wehrmachtsausstellung vorwegnahm – wenn man denn zu lesen gewillt war, denn die von ihm kuratierten Ausstellungen waren keine sinnlichen Erfahrungen, sondern äußerst penibel zusammengestellte Dokumentationen.

Reinhard Rürups Bedeutung für dieses in Deutschland so bitter umkämpfte, sinnüberfrachtete und politisch instrumentalisierte Feld kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er war zwar ein public historian, gewissermaßen avant la lettre, aber flamboyante moralische Selbstinszenierungen waren seine Sache nicht. Reinhard Rürup glaubte fest an die überzeugende Kraft des besseren Arguments, da war er auf eine fast störrische Weise nüchtern und rational – und es ist ebendie darauf basierende hohe Kunst, respektvollen Umgang mit politischer Klarheit zu verbinden, die uns in Zukunft so fehlen wird.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNationalsozialismusJudenDeutschlandTU