Ausstellung in Halle

Ein Blick in den Stammbaum der Varusschlacht

Von Andreas Kilb
24.11.2015
, 20:16
Die Archäologie der Schlachtfelder und Kriegergräber hat einen finsteren Ruf. In Halle beginnt er nun zu leuchten: Das Landesmuseum erzählt mit einer Ausstellung die Geschichte des Krieges von den Anfängen bis Wallenstein.

Am 16. November 1632 stießen bei Lützen im heutigen Sachsen-Anhalt ein kaiserlich-katholisches Heer unter Wallenstein und ein schwedisch-protestantisches unter Gustav II. Adolf aufeinander. Die Schlacht dauerte sechs Stunden und kostete fast zehntausend Menschenleben. Am Ende zogen sich Wallensteins Truppen in Richtung Leipzig zurück. Den größeren Verlust aber hatten die Schweden erlitten: Ihr König war im Kampf gefallen. Gustav Adolfs Tod beraubte die protestantische Koalition ihres charismatischen Führers und gab den Katholiken in den folgenden drei Jahren die Oberhand, bevor Frankreich an der Seite Schwedens intervenierte. Schon vorher hatte sich der innerdeutsche zum europäischen Konfessionskrieg ausgeweitet, jetzt wurde er zum Schlagabtausch der Großmächte, den der Kaiser in Wien nicht mehr gewinnen konnte.

Knapp vierhundert Jahre nach der Schlacht, im Sommer 2011, wurde an der Landstraße von Lützen nach Leipzig ein Massengrab mit den Überresten von 47 Soldaten entdeckt. Das sachsen-anhaltische Landesamt für Denkmalpflege ließ die Gebeine mit Hilfe eines Metallkorsetts als Ganzes bergen und konservieren. Jetzt bilden sie, in zwei massive Blöcke von jeweils dreieinhalb Meter Höhe und zweieinhalb Meter Breite geteilt, das zentrale Ausstellungsstück der Ausstellung „Krieg im Spiegel der Archäologie“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Krieg als kulturgeschichtliches Phänomen

Wie alle Kriegsthemen löst auch dieses Abwehrreflexe aus. Knochen und Waffen: Haben wir nicht genug davon gesehen? Nicht zufällig hatte die Archäologie der Schlachtfelder und Kriegergräber, die andernorts zum Kerngeschäft der historischen Wissenschaft gehört, in Deutschland lange Zeit einen finsteren Ruf. Erst langsam hellt er sich auf.

In Halle beginnt er zu leuchten. Man muss kein Bellizist sein, um zu erkennen, dass die Ausstellung im dortigen Landesmuseum in Form und Gegenstand eine Zäsur auf ihrem Gebiet ist. Sie erzählt nicht nur eine Geschichte kriegerischer Gewalt von den Anfängen der Menschheit bis zur Eisenzeit und stellt die Funde aus Lützen damit in einen Rahmen, der für Exponate aus dem Dreißigjährigen Krieg ebenso ungewöhnlich wie faszinierend ist. Sie verbindet ihre Präsentation auch mit einer expliziten These; und sie macht diese These an den Objekten anschaulich.

Der Krieg, so zeigt es das Kuratorenteam um den Halleschen Museumsdirektor Harald Meller, ist keine anthropologische Konstante, kein dem Menschen eingepflanzter Trieb wie bei Freud und Hobbes, sondern ein kulturgeschichtliches Phänomen, das unter bestimmten Bedingungen entstand und auch wieder verschwinden kann. Zu seinen Voraussetzungen gehören Ackerbau und Viehzucht, Sesshaftigkeit und Besitz, eine gesellschaftliche Struktur, welche die Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel organisiert, sowie Grenzzonen, in denen sich die expansiven Interessen mehrerer kultureller Verbände überkreuzen.

Kampf- und Verletzungsspuren

Die meisten dieser Faktoren waren in Mitteleuropa am Ende der Steinzeit gegeben, als Hirten- und Bauernkulturen aus dem Vorderen Orient nach Nordwesten vordrangen und sich in den Flussebenen zwischen Nord- und Ostsee und den Mittelgebirgen niederließen. Dennoch fanden kriegerische Auseinandersetzungen vorerst hauptsächlich in Form von Blutfehden und Überfällen statt, wie die Grabfunde von Naumburg-Eulau und Halberstadt, aber auch Massenbestattungen im Alpen- und Pyrenäenraum belegen. Die dort geborgenen Skelette weisen durchweg Kampf- und Verletzungsspuren auf; manche der Toten, wie die in Eulau bestatteten Mitglieder einer Großfamilie, wurden offenbar in Killermanier regelrecht abgeschlachtet. Aber nirgendwo gibt es Hinweise auf größere Kriegshandlungen, auf Heere, Schlachten und Feldzüge.

Das ändert sich in der Bronzezeit. Mit dem neuen Metall, einer Legierung aus Kupfer und Zinn, lassen sich Waffen herstellen, die an Härte und Schärfe den bis dato üblichen Steinbeilen und -dolchen weit überlegen sind. Schwerter, Lanzen und Schilde werden zu Insignien einer Kriegerkaste, die ihre Macht durch prunkvolle Grabbeigaben demonstriert. Zugleich entstehen neue Handelswege, um deren Kontrolle erbittert gerungen wird.

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Funde aus dem vorpommerschen Flusstal der Tollense, die hier erstmals in größerem Zusammenhang vorgestellt werden. Um 1250 vor Christus fand im Tollensetal ein Gemetzel statt, an dem mindestens zweitausend, vielleicht auch fünftausend Krieger teilnahmen. Die bisherigen Ausgrabungen deuten auf einen Verlauf der Kämpfe, der an die Varusschlacht der Römer und Germanen erinnert: Eine isolierte, offenbar ortsfremde Truppe wird an einer Furt gestellt und eingekreist, danach flussaufwärts verfolgt und schließlich in einer Art Endkampf vernichtet.

Hierarchien, Infanterie und Kavallerie

Bislang wurden die Überreste von gut hundertzwanzig Individuen gefunden, die Archäologen rechnen mit bis zu tausend Toten. Die Krieger, ausnahmslos junge und reifere Männer, kämpften mit Beilen und Bögen; ihre Anführer waren beritten und trugen Helme und Schwerter. Es gab Hierarchien, Befehlsketten, Kampftaktiken, Infanterie und Kavallerie, alles, was die Kriegführung noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein kennzeichnet.

Etwa zur gleichen Zeit schlossen der Pharao von Ägypten und der König des Hethiterreichs einen Vertrag. Ramses II. und Hattusili III. hatten sich 1274 vor Christus bei Kadesch in Nordsyrien eine unentschiedene Schlacht geliefert, die jeder der beiden als Sieg beanspruchte. Fünfzehn Jahre später setzten sie ihre Friedensbedingungen fest: wechselseitige Anerkennung und Garantie der Thronfolge, Unterstützung im Kriegsfall, Amnestie für Überläufer. Das Originaldokument, zwei Silbertafeln in akkadischer Sprache, ist verschollen, aber eine Übersetzung des Vertragstexts in Keilschrift hat sich auf Tonbruchstücken aus der Hethiterhauptstadt Hattusa erhalten. In Halle sind sie zu sehen.

Spuren von Hungerwintern

In weitem Bogen kehrt die Ausstellung nach Lützen zurück. Viertausend Jahre Kriegsgeschichte münden in das Duell zwischen dem Feldherrn des Kaisers und dem Schwedenkönig, das der Sieger mit seinem Leben bezahlte. In Vitrinen prangen Wallensteins Pferd, sein Sattel und Degen, Gustav Adolfs blutgetränkte Reitjacke, Musketen- und Kanonenkugeln, Tagebücher und Briefe von Zeitzeugen. Aber der Fluchtpunkt aller Exponate ist das Massengrab, das große Memento mori. Der jüngste der 47 Toten war fünfzehn, der älteste etwa fünfzig Jahre alt. Die Archäologen haben ihre Ernährungsgewohnheiten untersucht. Viele trugen Spuren von Hungerwintern der Kindheit an Knochen und Zähnen, aber keiner hatte in jüngster Zeit gedarbt. Noch nährte der Krieg den Krieg.

Und noch konnten die Schweden ihren Nachschub an Soldaten in dem Land rekrutieren, durch das sie zogen. Die Mehrzahl der Gefallenen stammte aus dem deutschen Sprachraum, sie gehörten zu der Blauen Brigade, einer Elitetruppe, die im Zentrum der schwedischen Aufstellung kämpfte. Bei Lützen erlitt sie entsetzliche Verluste. Die sächsischen Bauern, die das Schlachtfeld aufräumten, waren vermutlich Protestanten, denn sie setzten in dem Massengrab ein Zeichen, das wie eine stumme Verbeugung vor den Glaubensgenossen wirkt. Das oberste der Skelette wurde mit ausgebreiteten Armen begraben, in der Pose des toten Christus. Die Weltgeschichte, heißt es bei Schiller, ist das Weltgericht.

Man verlässt dieses penibel ausgeleuchtete und perfekt inszenierte Gruselkabinett mit Schaudern und Gewinn. Die Ausstellung in Halle beweist, dass Archäologie eine Knochenarbeit, aber keine Disziplin von gestern ist. Die Gräber, die sie öffnet, sprechen heute, da der Bürgerkrieg wieder in unsere Nähe gerückt ist, deutlicher als vor fünfzig Jahren. Einer der Toten aus der steinzeitlichen Befestigung von Hambledon Hill im englischen Dorset, heißt es in dem kiloschweren Begleitband, „trug ein Kind in seinen Armen“. Man sieht das Bild vor sich. Weil man es kennt.

Krieg - eine archäologische Spurensuche. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, bis 22. Mai 2016. Der Katalog kostet 39,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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