Ausstellung in Paris

Ein Fremder namens Picasso

Von Jürg Altwegg
22.01.2022
, 13:43
Sein Verbrechen war es, ein Fremder in Frankreich zu sein, und die Sprache konnte er auch nicht: Frankreich erinnert sich Picassos früher Jahre. Eine Ausstellung mit politischer Botschaft.
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Der diskrete Hinweis, dass es auch um die Gegenwart gehe, fehlt nicht. Am Eingang zur Ausstellung, die Pablo Picassos frühe Jahre in Frankreich dokumentiert, ist er kaum zu übersehen. Bettelarm war Picasso im Alter von 19 Jahren nach Paris gezogen und in einem Land angekommen, das noch immer im Bann der Dreyfus-Affäre stand. Bei der Weltausstellung 1900 wurde ein Bild des jungen Künstlers gezeigt. „Siebzig Jahre lang verweigerte man ihm die Einbürgerung. Er wurde von der Polizei wie heute ein ,fiché S‘ behandelt“ – also wie ein potentieller islamistischer Terrorist und seine mutmaßlichen Komplizen. Die Bürokratie demütigte den „Avantgardisten und Anarchisten“, dessen „einziges Verbrechen es war, ein Fremder zu sein“.

So steht es im Katalog der Ausstellung „Picasso, l’étranger“. Gestaltet hat sie Annie Cohen-Solal, einst Autorin der ersten großen Biographie von Jean-Paul Sartre. Auch über Picasso hat sie zusätzlich zum Katalog ein Buch geschrieben, es ist soeben mit dem Essaypreis des Prix Fémina ausgezeichnet worden: „Un étranger nommé Picasso“: Ein Fremder namens Picasso.

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Über ihn recherchierte sie sechs Jahre lang. Sie durchstöberte die Polizeiarchive, die 1944 von den deutschen Besatzern nach Berlin transferiert wurden und über Moskau nach Paris zurückkehrten. Die Experten stufen ihre Darstellung als neues und spektakuläres Kapitel ein. Annie Cohen-Solal beschreibt, wie der Staat 1914 siebenhundert Werke beschlagnahmte und unter abenteuerlichen Umständen verkaufte. Sie befanden sich bei seinem Freund, dem Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler. Ein Jahrzehnt lang blieben sie verschollen.

Er hat diese Demütigung nie erwähnt

Picasso sprach nicht Französisch. Er lebte im Umfeld der Immigranten aus Katalonien. Sein Alltag und die Epoche werden erschlossen – auch mit filmischen Dokumenten. Überzeugend, informativ. Cohen-Solal zeigt seine Nähe zu den Künstlern und unterstreicht die Wertschätzung, die ihm Rilke entgegenbrachte: „Seine Heimat war sein Atelier.“

Im April 1940, kurz vor der Kapitulation, beantragte Picasso – der seine Ausweisung befürchten musste – nach vierzig Jahren erstmals die französische Staatsbürgerschaft. Er war längst weltberühmt. Im Dossier des innenpolitischen Geheimdiensts wird er als verdächtiges Individuum dargestellt: Picasso wohne bei einem Anarchisten, sei mit einer Russin verheiratet, verkaufe seine Bilder über einen jüdischen deutschen Kunsthändler und habe versprochen, seine Sammlung dem kommunistischen Russland zu vermachen. Das Gesuch wurde abgelehnt: „Picasso hat diese Demütigung nie erwähnt.“

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Erst nach dem Krieg wurden Werke von ihm in die staatlichen Sammlungen aufgenommen. Picasso verweigerte die Annahme von Orden und Ehrungen. Seine Beziehung zur Kommunistischen Partei, die ihm zur Heimat wurde, wird von der Kuratorin allzu romantisch präsentiert: Die Friedensbewegung, zu der er seine Taube beisteuerte, war eine stalinistische Inszenierung. Den Umzug an die Côte d’Azur stilisiert Cohen-Solal zum Bruch mit den Pariser Eliten, die ihn ebenfalls verkannt und arrogant behandelt hätten. Der Gesellschaft der mondänen Intellektuellen und Künstler („artistes“) habe der geniale Maler die fleißigen Kunsthandwerker („artisans“) vorgezogen. Das mag sein – der Befund liest sich als populistische Einschätzung aus der Sicht der Gegenwart. Der verfemte Fremde wird zur moralischen Lichtfigur verklärt. Dazu gehört auch der Befund, dass er – so Annie Cohen-Solal – „nie ein Opfer sein wollte“.

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Längst ein nationaler Mythos

Zu sehen ist die Ausstellung im „Palais de la Porte Dorée“, das für die Pariser Kolonialausstellung 1931 errichtet wurde. Der Besuch ist ein Erlebnis. Eine Miniatur-Nachbildung des Dorfs mit den Pavillons der „Gastländer“ und „Attraktionen“ wie dem Menschenzoo im angrenzenden Stadtwald Bois de Vincennes veranschaulicht auf einen Blick und ohne Worte den Kolonialismus in den Köpfen der damaligen Zeitgenossen. Heute beherbergt das Gebäude mit der belastenden Hinterlassenschaft Frankreichs noch junges „Musée de l’Immigration“ unter der Leitung von Pap Ndiaye. Der renommierte Historiker wurde von Emmanuel Macron ernannt, um die Aufarbeitung des Kolonialismus zu betreiben, ohne in die Falle des Woke-Fanatismus zu tappen.

Mit der Umnutzung des Kolonien-Tempels zum Einwanderungsmuseum und seinem vielversprechenden Höhepunkt, der von vielen Schulklassen besuchten Picasso-Ausstellung, gelingt das auf exemplarische Weise. Dem Besucher erspart sie wohltuender Weise die Aufarbeitung von Picassos Umgang mit den Frauen. Sie zeugt vom intellektuellen Anspruch und politischen Auftrag des Hauses, dem beträchtliche Mittel zur Verfügung stehen – nicht nur finanzielle. Gezeigt werden viele Werke aus staatlichen Sammlungen, die ansonsten für ihren Mangel an Kooperationsbereitschaft berüchtigt sind.

Ihre Leihgaben bereichern die dokumentarische Darstellung und liefern den visuellen Beweis, dass der fremde Künstler aus Spanien nicht nur jahrzehntelang von der französischen Polizei observiert wurde: Er brachte im Exil eine kulturelle Revolution in Gang, die seinen eigenen Worten zufolge in seiner Heimat nicht möglich gewesen wäre. Unter der deutschen Besatzung konnte der Avantgardist trotz Guernica und seiner „entarteten Kunst“ überleben und malen. Auch das ist Frankreich. Längst zelebriert es – jetzt mit dieser sehenswerten Ausstellung – Picasso als „nationalen Mythos“. Diese anhaltende hemmungslose Assimilierung nach der bürokratischen Demütigung und Instrumentalisierung stört Annie Cohen-Solal mit keiner kritischen Anmerkung.

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Als Pablo Picasso 1958 – im Alter von 77 Jahren – die französische Staatsbürgerschaft angeboten wurde, hatte er sie abgelehnt.

Picasso, l´étranger . Palais de la Porte Dorée, Paris, bis 13. Februar. Der Katalog kostet 37 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Freier Autor im Feuilleton.
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