Autor-Figur-Beziehung

Latte Igel, c’est moi

EIN KOMMENTAR Von Tilman Spreckelsen
05.03.2018
, 15:12
In vielen literarischen Figuren stecken autobiographische Züge des Schriftstellers. Für manchen Autor ist der Weg zu seiner Figur jedoch etwas weiter.

Sie habe „Tausende von Leben“ geführt, sagte die Schriftstellerin Meg Rosoff im vergangenen Jahr auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin, sei „Spitzenathletin, Wissenschaftlerin, Stand-Up-Comedian“ gewesen, habe „Bomben über Vietnam abgeworfen, den Pazifik auf einem Floß überquert und König Heinrich VIII. abgeraten, noch mal zu heiraten“.

Und während man sich noch fragt, ob das nicht ein bisschen dick aufgetragen ist, geht es weiter: „Ich habe mich in tausend verschiedene Menschen verliebt, im Kopf eines Mannes, eines Pferdes, eines Vampirs, eines Königs und einer Ameise gelebt“, sagte sie, „ich weiß, wie es ist, anders zu sein.“ Woher sie das weiß? Durch ausufernde Lektüre, durch das Annehmen der Angebote, die Literatur nun einmal macht, ihren Lesern so gut wie den jeweiligen Autoren, die sich für die Dauer des Schreibens auch von einem durchschnittlichen mittelalten Mann in eine Madame Bovary verwandeln oder vielmehr: sie in sich selbst entdecken und aufs Papier bringen können.

Bisweilen ist der Weg vom Autor zu seiner Figur etwas weiter. So ging es dem schwedischen Kinderbuchautor Sebastian Lybeck, der um 1950 für eine Artikelserie, die das Sommerloch einer Zeitung stopfen sollte, die Abenteuer eines Igels erzählte, den er „Latte“ nannte. Später machte er in akuter Geldnot daraus ein Kinderbuch: „Latte Igel und der Wasserstein“, das 1956 im Original, 1958 in deutscher Übersetzung erschien und 1959 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Ein zweiter Band folgte rasch. Aber erst fünfzig Jahre später schrieb der knapp achtzigjährige Lybeck einen dritten Band, in dem der Igel deutlich autobiographische Züge erhielt und sich unter anderem aus einer waschechten Altersdepression kämpft.

Nun soll der erste Band verfilmt werden, teilte eine Produktionsfirma mit, und man werde der Handlung ungefähr folgen: Latte Igel sucht gemeinsam mit dem Eichhörnchen Tjum den gestohlenen Wasserstein, ohne den der Wald ausdörren würde, und kämpft dabei mit den großen, gefährlichen Tieren.

Nur eins ist anders: Die Hauptfigur mutiert zum „Igelmädchen“, behält aber den Jungennamen „Latte“. Letzteres wohl, damit die eingeführte Marke „Latte Igel“ weiterhin ihre Strahlkraft entfalte, aber warum Ersteres? Gern gebraucht wird in solchen Fällen das Argument, dem jungen Publikum „Identifikationsfiguren“ anbieten zu wollen, als hätten Mädchen nie die „Rico, Oskar“-Bücher von Andreas Steinhöfel gelesen und Jungen nie „Die Tribute von Panem“, als könnten sich Mädchen in einem Igeljungen nicht wiedererkennen, wohl aber in einem Igelmädchen, und als würden junge Leser und Kinogänger auf alles pfeifen, was nach Meg Rosoff gerade das Glück der Fiktion ausmacht. Mehr noch: als traute man ihnen diesen Schritt in den Kopf eines anderen Wesens nicht zu. Ganz abgesehen davon, dass sich Sebastian Lybeck vielleicht ja etwas dabei gedacht hat, als er seinen Igel einst maskulin entwarf.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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