Neubau der Landesbibliothek

Für ein glücklicheres Stuttgart

Von Matthias Alexander
23.01.2021
, 21:47
Der Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek setzt darauf, dass die Stadt des Autos demnächst verkehrspolitische Vernunft annimmt. Allerdings glauben seine Architekten vom Büro LRO selbst nicht mehr recht daran.

An der Tür seines WG-Zimmers im München zu Beginn der neunziger Jahre hatte der schwäbische Student einen Zettel befestigt. „Glükliches Stutgard, nimm freundlich den Fremdling mir auf!“ stand darauf, ein Vers aus Hölderlins Elegie „Stutgard“. Es war die Zeit, als Oberbürgermeister Manfred Rommel und Ministerpräsident Lothar Späth die Stadt vor Selbstbewusstsein und Aufbruchsgeist fast bersten ließen. Mit Lokalpatriotismus tun Stuttgarter sich inzwischen schwer, die Stadt scheint sich selbst fremd geworden zu sein.

Die Auseinandersetzungen um „Stuttgart 21“, die Wunden, die das megalomane Projekt während der Bauzeit schlägt, die ständigen Staus im Feinstaubwirbel, der Korruptionsskandal am Klinikum, die Ausschreitungen im Juni vergangenen Jahres – es ist einiges zusammengekommen. Nicht nur aus der Ferne drängt sich der Eindruck auf, dass Stuttgart zu einer Stadt von trauriger Gestalt geworden ist, gefangen in einer eigenartigen Mischung aus Saturiertheit und Verwahrlosung, präsidiert vom saumseligen Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der sich vielleicht besser nie aus den wolkigen Höhen der Bundespolitik herabgelassen hätte.

Immerhin, zwei bemerkenswerte Bauten sind in den acht verlorenen Kuhn-Jahren, die dieser Tage endeten, wenn auch nicht angestoßen, so doch fertiggestellt worden: die John Cranko Schule der Staatstheater und nun der nahegelegene Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek an der Konrad-Adenauer-Straße im Herzen des Kulturquartiers. Entworfen haben ihn die ortsansässigen Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei, kurz LRO. Äußerlich ist es ein typisches Werk des Büros, das vor allem südlich der Mainlinie mit etlichen herausragenden Projekten hervorgetreten ist: Es nimmt den Betrachter durch eine wohlproportionierte, abwechslungsreich geschichtete Hauptfassade von subtil gebrochener Symmetrie und kunstvoller Materialkombination für sich ein. Mit dem sägezahnartigen Reihung von acht ganzen und zwei halben Giebeln, den Ochsenaugen des Vortrags- und Ausstellungssaals und den Fenstern der übrigen Geschosse werden die Grundfiguren der Geometrie – Dreieck, Kreis, Rechteck – durchgespielt.

Mit dem Willen zur Eleganz

Der aufgehellte Sichtbeton, Fensterrahmen aus Eichenholz, das weiße Lochblech der Balkonbrüstung und die Kupferverkleidung der schräggestellten Wandfelder vor den Fenstern der beiden mittleren Lesesaalebenen fügen sich zu einem noblen und zugleich bodenständigen Erscheinungsbild. Das Bestreben des Büros, Häuser zu entwerfen, deren Entstehungszeit nicht ohne weiteres zu erkennen ist, hat sich auch hier erfüllt. Mancher ist versucht, die Architektur von LRO deshalb als konservativ zu etikettieren. Eher handelt es sich um eine gewissermaßen post-post-moderne Entwurfshaltung, die Stil- und Materialzitate aus verschiedenen Epochen nicht als ironische Spielerei herausstellt, sondern zu einem Eigenen amalgamiert, immer mit dem Willen zur Eleganz.

Im Inneren kann der Bau nicht ganz halten, was das Äußere verheißt: Vor allem das Entree – ein Nebeneingang befindet sich auf Straßenniveau, der Hauptzugang liegt eine Ebene höher – fällt enttäuschend aus. Laut Bürogründer Arno Lederer musste auf Geheiß des Finanzministeriums die Deckenhöhe reduziert werden, eine Krämerentscheidung mit traurigen Folgen. Anderthalb Meter mehr Luft nach oben hätten für eine ganz andere Raumwirkung gesorgt, die der herausragenden wissenschaftlichen Bibliothek des Landes gut angestanden hätte. Auch in den Lesesälen mit 390 Plätzen herrscht strenge Raumökonomie, eine gewisse Großzügigkeit entsteht vor allem durch die beiden Lufträume, die sich über vier Geschosse erstrecken und von denen einer als Treppenhaus fungiert.

Fabrik für Geistesarbeiter

An der Bauausführung wurde nicht gespart. Der Sichtbeton ist auch im Inneren handwerklich hervorragend in Bretterschalung ausgeführt, und auch sonst herrscht hier jener Glaube an die langfristige Rendite von Qualität, der den Schwaben seit je nachgesagt wird: Die Fußböden sind aus Schiefer (Eingang), Eichenparkett (Vortragssaal), Terrazzo (Treppen) und einem hellgrünen Teppich (Lesesäle). Die Einbaumöbel stammen aus der Feder der Architekten, ihr Weiß kontrastiert angenehm mit dem Betongrau der Wände und Brüstungen. Als besonders begehrt haben sich die Arbeitsplätze mit Blick auf den Schlossgarten erwiesen. Wer es dagegen introvertiert mag, sucht sich seinen Platz im obersten Geschoss: Nach Industriebauart sind die Dachflächen auf der Nordostseite verglast und erzeugen gemeinsam mit dem Raster der Betonstützen die Atmosphäre einer freundlichen Fabrik für Geistesarbeiter.

Wie stets haben LRO auch bei der Gestaltung dieses Hauses auf die unmittelbaren Nachbarn und auf den weiteren städtebaulichen Zusammenhang reagiert. Da ist zunächst der rückwärtig gelegene Altbau der Landesbibliothek, 1970 nach einem Entwurf von Horst Linde, einer südwestdeutschen Größe der Nachkriegszeit, fertiggestellt. LRO zeichnen auch für seine Sanierung verantwortlich, die in den nächsten Jahren noch einmal einen mittlere zweistelligen Millionenbetrag verschlingen wird. Ein Entwurf von hohem Rang, trägt der Altbau Züge eines gemäßigten Brutalismus, nicht zuletzt im großen Lesesaal. Er stellt jenen repräsentativen Raum für hochfliegende Gedanken zur Verfügung, den man sich heute nicht mehr leisten möchte. Die Kubatur, die ausgeprägte horizontale Gliederung der Fassade, die Verwendung von Sichtbeton und Kupfer – das sind die Elemente des Hauses von Linde, an die LRO mit ihrem Erweiterungsbau behutsam anknüpfen.

Einladende Geste

Der Clou ihres Entwurfs ist aber der steinerne Platz, der eine gemeinsame Erschließungsebene für Alt- und Erweiterungsbau schafft. Er stellt auch einen wichtigen Bezug zur Innenstadt her. Ein Brunnen wird genau in der Mittelachse des Neuen Schlosses stehen. Und die breite Freitreppe hinunter zur Straße ist eine einladende Geste – sich der Bibliothek zu nähern und sich auf den Stufen niederzulassen, mit dem Anblick der Stadt als Kulisse für urbanes Leben.

Die Treppe allerdings und ebenso das Café im Sockelgeschoss des Neubaus, dessen Balkon und die zarten Bäume auf dem neu angelegten Bürgersteig davor sind eine optimistische Wette auf die Zukunft – darauf nämlich, dass es Stuttgart eines Tages gelingen wird, das Monster namens B 14 zu bändigen, das vor der Haustür der Bibliothek verläuft. Mit bis zu dreizehn Spuren schlängelt sich der Lindwurm, der teilweise in Tunneln haust, deren Rampen alles noch schlimmer machen, durch die Stadt und zerschneidet deren Heiligstes, das Kulturquartier um Oper und Staatsgalerie in zwei Teile. Die stadträumliche Wirkung ist optisch wie akustisch verheerend: Das Ensemble von Kultureinrichtungen und staatlicher Repräsentativbauten, das in dieser Dichte in Deutschland einmalig ist, wird zu einer Ansammlung desorientierter Solisten degradiert. Kein Wunder, dass die Bauten auf der Ostseite der B 14 bisher so viel Abstand zur Straße gewahrt haben wie möglich.

Indifferenz der Politik

Seit Jahrzehnten wird in der Stadt darüber debattiert, wie sich der Jahrhundertfehler aus dem Geist der autogerechten Stadt retten lässt, der manchem wie die gerechte Strafe für die Autobauerstadt schlechthin erscheint. Schon der geniale James Stirling, Architekt der Neuen Staatsgalerie, legte seinem Entwurf die Zusage zugrunde, dass der fertige Bau an einem Boulevard statt an einer Autobahn stehen werde. 1974 war das. Geschehen ist seither nichts, stattdessen schwollen die Pendlerströme an.

Frustriert von der Tatenlosigkeit der Politik, gründete sich im Jahr 2017 die Bürgerinitiative Aufbruch Stuttgart, Arno Lederer gehört zum engen Kreis um den Gründer Wieland Backes, einem früheren Fernsehmoderator. Ihr Ziel, die Kulturmeile aufzuwerten, stieß auf enorme Resonanz. Getragen vom Erfolg und provoziert von der anhaltenden Indifferenz der Politik, weitete die Initiative ihren Anspruch auf Mitsprache weiter aus, teils mit Erfolg. Dass inzwischen ein Wettbewerb zur Neugestaltung der B 14 entschieden wurde, ist ihrem Wirken zu verdanken. Ihre Kräfte überschätzt hat sie im Kampf gegen den geplanten Umbau der Oper und für den Vorschlag, das Königin-Katharina-Stift abzureißen, um dort Platz für einen Neubau des Musiktheaters zu schaffen. Das stieß in der Schulgemeinde des traditionsreichen Gymnasiums wie in der Politik auf strikte Ablehnung, beeindruckte die selbstbewussten Aufbrüchler aber zunächst wenig. Inzwischen mehren sich auch innerhalb der Initiative kritische Stimmen, die dem Vorstand vorhalten, wenig geschmeidig zu agieren.

Trost bei Hölderlin

Der neue CDU-Oberbürgermeister Frank Nopper steht vor einer schwierigen Aufgabe. Mit seinem Formelkompromiss, die Innenstadt aufzuwerten, ohne den Autoverkehr massiv einzuschränken, wird es nicht getan sein. Lederer scheint inzwischen nicht mehr recht an einen baldigen Durchbruch zu glauben. Er deutet an, dass er mit seiner Frau und Büropartnerin Jórunn Ragnarsdóttir eines nicht allzu fernen Tages nach Berlin umziehen könnte, wo schon ihre vier Kinder wohnen.

Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin zeigt die Landesbibliothek eine Ausstellung, die derzeit in ihrem Neubau zu besuchen wäre, würde Corona das nicht unmöglich machen. „Aufbrüche – Abbrüche“ lautet der Titel, der auch als Überschrift zur Lage der Stadt dienen könnte. Ein Exponat ist das erste Blatt der Handschrift zu „Stutgard“. Dort steht, denjenigen, die an der Stadt irre werden könnten, gleichsam zur tröstlichen Verheißung: „Voll ist die Luft von Fröhlichen jezt und die Stadt und der Hain ist / Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.“

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot