BDZV-Chef Döpfner

Von der Unabhängigkeit der Presse

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
Aktualisiert am 16.09.2020
 - 06:57
BDZV-Präsident und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner.
Als Präsident des Verlegerverbands BDZV sitzt Springer-Chef Mathias Döpfner fest im Sattel. Warum, das deutet seine Grundsatzrede an: Er teilt in alle Richtungen aus. Nur die „Bild“-Zeitung ist seine offene Flanke.

Er hätte nicht gedacht, sagte Mathias Döpfner gestern beim Jahreskongress des Verbandes der Deutschen Zeitungsverleger und Digitalpublisher (BDZV), dass ihm der Job des BDZV-Präsidenten so viel Spaß mache. Der Spaß bleibt ihm vier weitere Jahre erhalten, der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer wurde einstimmig wiedergewählt.

Döpfners Spaß freilich beruht auf der Ernsthaftigkeit, mit welcher er den Kampf um das führt, was er ins Zentrum seiner Rede stellte: die Unabhängigkeit der Presse. Diese sei von vielen Seiten bedroht. Von „Mächtigen“, die Journalisten an Leib und Leben wollten. Bedroht sei die Unabhängigkeit aber auch durch finanzielle Abhängigkeit vom Staat. Deshalb sieht Döpfner die geplante Presseförderung des Bundes, so sie sich nicht auf Technologie-Unterstützung beschränkt, sondern redaktionelle Leistungen direkt honoriert, äußerst kritisch.

Vielfalt, sagte Döpfner, sei für freie Meinungsbildung ebenfalls vonnöten – die Vielfalt zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medien, aber auch faire Wettbewerbsbedingungen im Umgang mit den Digitalkonzernen, deren Übermacht sich die Presse nicht ausliefern dürfe und deren Vormacht die Politik einhegen müsse. Die wortgetreue Umsetzung der Europäischen Urheberrechtsnovelle sei hier das mindeste (ein Wink mit dem Zaunpfahl ans Bundesjustizministerium).

Ihre Unabhängigkeit müssten Journalisten überdies selbst bewahren – als „Chronisten“ und „Zeitzeugen der Realität“, nicht als „Missionare eines bestimmten Weltbildes“. „Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken“, so Döpfner. „Dann braucht es uns nicht mehr. Aktivismus ist das Gegenteil von Journalismus – auch wenn es um eine gute Absicht geht.“ Ein Beispiel dafür hat gerade die „Welt am Sonntag“ aufgezeigt mit einer Recherche über das von Facebook zu „Faktencheckern“ nobilitierte Journalistenbüro „Correctiv“. In dessen Namen recherchierten Aktivisten von „Fridays for Future“ vor der Kommunalwahl in NRW zur Beteiligung von Kommunen an Energiekonzernen, ohne dass dies für die befragten Gemeinden zu erkennen war.

Den Fehler im eigenen Haus, bei der Berichterstattung der „Bild“ über die getöteten Kinder in Solingen, bei der Whatsapp-Nachrichten eines Kindes, das überlebte, veröffentlicht wurden, verschwieg Döpfner nicht. Dass der Journalismus der „Bild“ Aktivismus in Form von Boulevard-Agitation ist, gehört unseres Erachtens allerdings auch zur Wahrheit. „Wenn wir Vertrauen genießen, gewinnen wir Leser. Wenn wir Vertrauen verlieren, verlieren wir unsere Leser“, sagte Döpfner. Mit seiner Tour de Force in Sachen Unabhängigkeit des Journalismus dürfte er sich Vertrauens derer, für die der BDZV-Präsident spricht, mit seiner Grundsatzrede versichert haben.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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