Berlinale 2004

Die Wettbewerbsfilme kurz belichtet

12.02.2004
, 19:20
Infografik: Das Berlinale-Votum der F.A.Z.-Kritiker
Beides kennt der Berlinale-Rummel: viel Lärm um Nichts und heimliche Gewinner. FAZ.NET begleitet den Wettbewerb mit Kurzbewertungen der Filmkritiker von F.A.Z. und Sonntagszeitung.
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Beides kennt der Berlinale-Rummel: viel Lärm um Nichts und heimliche Gewinner. FAZ.NET begleitet die Filmfestspiele mit Kurzbewertungen der Filmkritiker von F.A.Z. und Sonntagszeitung.

Freitag, 13. Februar

Trilogia: To livadi pou dakrisi (Trilogie: Die Erde weint)

Griechenland/Italien/Frankreich 2003, Regie: Theo Angelopoulos. Mit Alexandra Aidini, Nikos Poursanidis und Giorgos Armenis

In dem großen Panorama, das Theo Angelopoulos mit seiner Trilogie entwirft, erzählt er zugleich zwei persönliche Schicksale, die eng aufeinander bezogen sind. Alexis und Eleni müssen das Heimatdorf verlassen und bahnen sich einen Weg durch das Griechenland der Zwischenkriegszeit. Ihre Liebe zerbricht, Alexis wandert nach Amerika aus, Eleni wird als Oppositionelle verhaftet. Im Zweiten Weltkrieg und Bürgerkrieg fallen die gemeinsamen Söhne, Alexis stirbt als Soldat in Okinawa. Eleni gibt den Kampf nicht auf.

Andreas Kilb: „Ein Wiedersehen mit den Geschichtspanoramen des Theo Angelopoulos. Wasser, Erde, Luft, Musik, ein Karneval der Melancholie, eine Prozession wunderschöner Bilder, virtuos, unzeitgemäß und ein wenig nostalgisch.“

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20:30:40

Taiwan, China/Hongkong, China, Regie:Sylvia Chang. Mit Sylvia Chang, René Liu und Lee Sinje

Drei moderne chinesische Frauen und ihr verstricktes Liebesleben in Taipeh: Popstar zu werden ist Xiao Jies größter Wunsch, nur gerät sie auf dem Weg dorthin in riskante Gefühlswirren. Die Stewardeß Xiang Xiang muß sich zwischen der Affäre mit einem verheirateten Mann und einem jüngeren Liebhaber entscheiden. Lily Zhao ist gerade frisch geschieden, genießt die Vorzüge des Single-Daseins und lernt einen Mann kennen, der sich eigentlich für Frauen im Alter ihrer Tochter interessiert. Alle drei kämpfen mit den Wirren eines freien, modernen Lebens als Zwanzig-, Dreißig- und Vierzigjährige.

Andreas Kilb: „Sylvia Changs Episodenfilm über drei Frauen im Großstadtdschungel von Taipeh wirkt so gemütlich und lebensfroh, als hätten ihn Wong Kar-wai und Tsai Ming-liang bei einem verlängerten Wellness-Wochenende konzipiert. Vielleicht ist man vom asiatischen Kino einfach anderes gewohnt.“

Donnerstag, 12. Februar

Samarian (Die Samariterin)

Korea 2004, Regie Kim Ki-Duk. Mit Lee Uhl, Kwak Ji-Min und Seo Min-Jung

Jae-Young verdient ihr Geld als Prostituierte, ihre beste Freundin Yeo-Jin ist so etwas wie ihre Managerin. Als die einmal beim Schmierestehen die Polizisten übersieht, die nach minderjährigen Prostituierten fahnden, kann sich Jae-Young nur durch einen Sprung aus dem Motelfenster retten, bei dem sie sich lebensgefährlich verletzt. Yeo-Jin beginnt, mit den ehemaligen Freiern der gestorbenen Freundin zu schlafen, gibt ihnen aber ihr Geld zurück. Bis ihr Vater hinter das Doppelleben seiner Tochter kommt und die Freier attackiert.

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Andreas Platthaus: „Kim Ki-duk ist mittlerweile Stammgast bei der Berlinale, aber warum, will sich auch nach diesem Film nicht klar erweisen. Er steht optisch und narrativ in bester asiatischer Tradition, doch fehlt seinem Film über zwei Drittel die Richtung. Erst im Schlußkapitel, 'Sonata' betitelt, erweist sich, daß die eigentliche Hauptperson nicht die Samariterin ist (die zudem nichts an sich hat, was die biblische Anspielung rechtfertigen könnte), sondern deren Vater. Und dieses letzte Drittel ist grandios - aber viel zu spät.“

Maria, llena eres de gracia (Maria voll der Gnade)

Vereinigte Staaten/Kolumbien 2003, Regie: Joshua Marston. Mit Cataline Sandino Moreno, Yenny Paolo Vega und Guilied López

Aus dem eintönigen Kleinstadtleben nördlich von Bogotá bricht die 17jährige, schwangere Maria in die Stadt auf, um dort ihr Glück zu finden. Ein alter Bekannter erzählt ihr von der lukrativen Arbeit als Drogenkurier, und Maria steigt ins Geschäft ein. Die Schwangere läßt sich einweisen und macht sich mit 62 Päckchen Heroin im Magen auf die Reise in die Vereinigten Staaten.

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Andreas Kilb: „Ein Frontbericht aus dem Leben der weiblichen Drogenkuriere zwischen Kolumbien und New York, einfach und spannend. Joshua Marstons Film fehlt vielleicht nur eins: der Ehrgeiz, über den selbstgesteckten Rahmen hinauszugehen.“

Andreas Platthaus: „Wer sich schon immer einen Film über die Praktiken des organisierten Kokainschmuggels von Kolumbien in die Vereinigten Staaten gewünscht hat, ist hier richtig. Leider hat Joshua Marston aber keinen Dokumentarfilm gedreht. Als Spielfilm muß man schlichtweg mehr erwarten, nämlich ein persönliches Schicksal, das über Klischees hinausgeht. Daran mangelt es, obwohl die junge Kolumbianerin Catalina Sandino Moreno ein sensationelles Debüt gibt. Aber was hilft es, wenn sie der Drehbuchautor und Regisseur Marston immer wieder im Stich läßt?“

The Final Cut

Amerika 2003, Regie: Omar Naïm. Mit Robin Williams, Mira Sorvino und Jim Caviezel

Ein implantierter Chip dient dazu, das Leben seines Trägers mitzufilmen, so daß nach dessen Tod für die Hinterbliebenen ein Film aus den besten Bildern zusammengeschnitten wird. Der beste Cutter der Firma, die den Chip installiert und auswertet, ist durch seine Arbeit abgestumpft. Er erwacht, als er die Aufnahmen eines ehemaligen hochrangigen Mitarbeiters der Firma auswertet und dabei auf ein Bild stößt, das ihn seit seiner Jugend verfolgt.

Andreas Platthaus: „Die Idee, sämtliche Erinnerungen eines Menschen mittels eines Implantats aufzuzeichnen und nach dessen Ableben für die Hinterbliebenen einen 'Best of'-Zusammenschnitt daraus zu erstellen, ist als Filmstoff wunderbar - auch wenn wir uns fragen, wer denn über die für die Herstellung eines solchen Videos nötige Lebenszeit verfügt. Das fragt sich der Spielfilmdebütant Omar Naim nicht. Seine Hauptfigur, der Cutter Alan Hakmann (nomen est omen), hat schon etliche solcher Jobs hinter sich und darüber sein eigenes Leben weitgehend vernachlässigt. Plötzlich aber stirbt einer der Erfinder des Aufzeichnungssystems, und hinter dessen Erinnerungen sind sofort die Gegner des Verfahrens her. Was sich zum Krimi entwickeln könnte, wird nach dem Vorbild von M. Night Shamalyan zum Psychokammerspiel, doch leider fehlt Robin Williams jegliches neues Ausdrucksmittel, um seine Rolle interessant zu gestalten. Denn als Eindringling in anderer Leute Privatleben hatte er schon vor Jahresfrist in 'One Hour Photo' alles gegeben, über das er verfügt.“

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Mittwoch, 11. Februar

Gegen die Wand

Cahit und Sibel treffen sich in der Psychiatrie. Er hat seinen Ford Granada vor die Wand gefahren, weil er lebensmüde ist, sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, weil sie ihrer traditionsbewußten Familie entfliehen will. Sie überredet ihn zur Scheinehe, und jeder lebt sein Leben voller Drogen und Affären weiter, bis sie sich ineinander verlieben, ohne es wahrhaben zu wollen. Dann erschlägt er im Affekt einen ihrer Liebhaber. Er geht für fünf Jahre ins Gefängnis, sie geht nach Istanbul. Nach der Haft reist er ihr nach.

Andreas Kilb: „Fatih Akins Film über eine deutschtürkische amour fou hat mehr Kraft als erzählerische Ökonomie - aber Kraft ist im deutschen Kino mittlerweile so selten geworden, daß man ihn schon dafür loben muß.“

Peter Körte: „Der Rhythmus der Montage und der Herzschlag der Geschichte klaffen bei Fatih Akin mitunter ein wenig auseinander. Doch was zählt das schon, wenn man die melodramatische Wucht mit der eher lauwarmen Betriebstemperatur der meisten Wettbewerbsbeiträge vergleicht?“

Andreas Platthaus: „Bisher der beste Wettbewerbsfilm: im Gestus, Habitus der Figuren, in den Bildern, selbst in der Musik, die ganz aus Songs besteht, die die jeweilige Stimmung perfekt untermalen. Was für ein Thema aber auch: die Türken der zweiten Generation in Deutschland mit ihrer Muttersprache, die sie 'weggeworfen' haben, mit ihren Traditionen, die nichts mehr besagen, und mit einer Frage, die sich allen Menschen stellt: Was macht die Liebe aus? Gespielt, nein: gezeigt wird das von Darstellern, die vorher niemand kannte und um die sich nachher der deutsche Film reißen sollte. Was Fatih Akin in 'Solino' mißlungen war, schafft er hier im Übermaß: packende Schicksale, grandiose Bilder, beklemmende wie befreiende Situationen. Einer der ganz großen Filme des Festivals.“

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Dienstag, 10. Februar

Before Sunset

Amerika 2004, Regie: Richard Linklater. Mit Ethan Hawke und Julie Delpy

Neun Jahre sind seit jener Nacht in Wien vergangen, der „Before Sunrise“ galt, im wirklichen wie im erfundenen Leben, und diesmal ist Ethan Hawke in Paris, um in einer Buchhandlung seinen Bestseller vorzustellen, der natürlich nicht autobiographisch ist, aber eben doch von jener Nacht mit Julie Delpy handelt. Und genau in dem Moment, in dem er die letzte Frage beantwortet, weil er wieder zum Flughafen muß, sieht er sie zwischen den Regalen stehen.

Michael Althen: „Der Wettbewerb hat sein erstes kleines Wunder, einen Film, dessen Zauber so leicht ist wie ein Spätsommertag in Paris, wenn nicht sogar noch leichter: wie die Erinnerung an einen solchen Tag in genau dieser Stadt, die stets für jeden dasselbe bereitzuhalten scheint und sich doch nie abnutzt.“

Andreas Kilb: „Wer nicht geglaubt hat, daß aus dem Remake von 'Before Sunrise' etwas werden könnte, wird von Richard Linklater auf wunderbare Weise eines Besseren belehrt. Ein Film voller zauberhafter Momente, die man nicht für möglich gehalten hätte.“

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Die Nacht singt ihre Lieder

Deutschland 2003, Regie: Romuald Karmakar. Mit Frank Giering, Anne Ratte-Polle und Sebastian Schipper

Romuald Karmakar hat Jon Fosses gleichnamiges Theaterstück verfilmt, in dem ein junges Paar an der Ausweglosigkeit seines Lebens scheitert. Er ist ein erfolgloser Schriftsteller, den sein Schicksal auf das Sofa niederdrückt, sie will der häuslichen Enge entkommen. Wenn die junge Frau ausgeht, wenn sie mit ihrem Freund wiederkommt, um wegzugehen, feiert sie den Entschluß in einem hysterischen Triumph. Sie hält es nicht aus, und doch hält es sie.

Andreas Kilb: „Romuald Karmakar eckt überall an, bei der Filmförderung, bei den Kritikern, bei Kino und beim Theater, und dennoch sieht man jeden seiner kinematografischen Amokläufe mit Gewinn.“

Feux Rouges (Schlußlicht)

Frankreich 2003, Regie: Cédric Kahn. Mit Jean-Pierre Darroussin und Carole Bouquet

Ein frustrierter Versicherungsangestellter und eine erfolgreiche Anwältin brechen auf in den Süden, um ihre Kinder aus dem Feriencamp abzuholen. Die beiden streiten, er betrinkt sich, sie steigt aus. Um sie wiederzufinden, fährt er zum Bahnhof, trifft dort aber nur einen Tramper, der ein flüchtiger Häftling ist. Er nimmt ihn mit.

Andreas Kilb: „Den Simenon-Tocu, wie ihn Chabrols 'Phantome des Hutmachers' hatten, hat diese Simenon-Verfilmung nicht - dafür wirkt sie aber weniger historisch-museal. Ein Simenon von heute, eine Nacht auf der Landstraße, die man nicht vergißt.“

Andreas Platthaus: „Was soll bei einer Vorlage von Georges Simenon schon schiefgehen? Wie der Romancier hier die nach einem Streit auseinandergehenden Wege eines Ehepaars durch zwei Gewalttaten wieder zusammenführt, ist literarisch meisterhaft, und Cédric Kahn hat das in einen Film umgesetzt, der in virtuoser Weise die Balance zwischen Roadmovie, Horrorfilm und Kammerspiel bewahrt. Die Kamera sitzt mit hinter dem Steuer, wenn der betrunkene Ehemann durch die Nacht rast, und sie geht auf vornehme Distanz, wenn der Innenraum des Autos verlassen wird. Dazu liefert Jean-Pierre Darroussin eine unfaßbare schauspielerische Leistung, die nicht anders als mit dem Darstellerpreis belohnt werden kann, wenn auf der Berlinale alles mit dem Rechten zugehen sollte.“

La Vida que te espera

Spanien 2003, Regie: Manuel Gutiérrez Aragón. Mit Juan Diego, Marta Etura und Luis Tosar

Ein Streit zwischen den Bergbauern Gildo und Severo um eine verirrte Kuh, ein Kalb und Gildos Tochter eskaliert und endet mit Severos Tod. Auf der Beerdigung lernt dessen Sohn Gildos Tochter kennen. Die beiden verlieben sich, ohne daß er wüßte, wie seine Geliebte und ihr Vater mit Severos Tod zusammenhängen.

Andreas Kilb: „Manuel Gutierrez Aragón, ein in Spanien berühmter Regisseur, ist international nahezu unbekannt, und nach diesem Film begreift man, warum. Eine Bauerntragödie aus den kantabrischen Bergen erzählt er im Stil einer Seifenoper aus Madrid. Das mag ein Spanier verstehen, ich verstehe es nicht.“

Montag, 9. Februar

Beautiful Country

Norwegen/Amerika 2003, Regie: Hans Petter Moland. Mit Damien Nguyen, Nick Nolte, Bai Ling und Tran Dang Quoc

Als Mischlingskind ohne Eltern wird der junge Vietnamese Binh in seinem Dorf verachtet. Sein Weg führt ihn nach Ho-Chi-Minh-Stadt, wo er seine Mutter findet, die ihm von seinem amerikanischen Vater erzählt. Über Malaysia flüchtet er zusammen mit der Chinesin Lingh nach Amerika. In New York, wo sie für ihre Schlepper Sklavendienste leisten, verlieren sich Binh und Lingh aus den Augen. In Texas schließlich findet Binh seinen verschollenen Vater.

Andreas Kilb: „Terrence Malick hat das Drehbuch geschrieben, Hans Petter Moland hat den Film gedreht, und in diesem Gefälle zwischen Skript und Regie liegt auch das Problem. Mal ist der Film zu pittoresk, dann wieder zu bilderarm. Und Nick Nolte taucht ziemlich genau zwei Stunden zu spät auf.“

Forbrydelser (In deinen Händen)

Dänemark 2003, Regie: Annette K. Olesen. Mit Ann Eleonora Jørgensen, Trine Dyrholm und Nicolaj Kopernikus

Anna arbeitet als Seelsorgerin in der Frauenabteilung eines Gefängnisses. Kate, eine der Gefangenen, hat es ihr besonders angetan; sie ist total verschlossen und soll über heilende Kräfte verfügen. Als Anna schwanger wird und erfahren muß, daß ihr Kind womöglich behindert auf die Welt kommt, muß sie sich entscheiden, auf Kates Kräfte zu vertrauen.

Andreas Kilb: „Ein Beispiel dafür, daß die Dogma-Formel immer noch Wunder wirken kann. Annette Olesen stellt in der Geschichte einer Gefängnispfarrerin die großen Fragen des europäischen Kinos, ohne sie mit billigen dramaturgischen Lösungen zu beantworten.“

Andreas Platthaus: „Man kann einen Frauenknast auch interessant und abseits jeder Kolportage darstellen. Dannn nämlich, wenn man wie Annette K. Olesen die individuellen Geschichten mit einer derartigen Intensität erzählt, daß man kaum zu zwinkern wagt, um keine der winzigen Reaktionen der Darsteller zu verpassen. Hier wird Dogma zum Ereignis, denn die Beschränkung, der sich die dänische Regisseurin unterworfen hat, ist nicht eine ästhetische, sondern ein Verzicht auf alles, was von den Schicksalen der Protagonisten ablenken könnte.“

El Abrazo Partido

Argentinien/Frankreich/Italien/Spanien 2004. Regie: Daniel Burman. Mit Daniel Hendler, Adriana Aizemberg und Jorge D'Elia

In einer Einkaufsgalerie in Buenos Aires haben sich vor allem Abkömmlinge jüdischer Emigranten mit ihren mehr oder weniger erfolgreichen Handelsunternehmen angesiedelt. Die Makaroffs betreiben dort ihr Wäschegeschäft. Mutter Sonia und ihre Söhne Ariel und Joseph leiden unter der Flucht, die der Vater Elias 1973 nach Israel angetreten hat - angeblich um das Land im Yom-Kippur-Krieg zu unterstützen. Schließlich aber wird Sonia zugeben, daß es eine Flucht vor ihr war, weil sie ihren Mann mit dem Ladenbesitzer von gegenüber betrogen hat.

Andreas Platthaus: „Die obligatorische Komödie im Berlinale-Wettbewerb, ohne daß - auch das ist dabei obligatorisch - Herz und Schmerz zurückstünden. Eine jüdische Familie und eine überwiegend von Juden betriebene Einkaufsgalerie ringen um ihren Fortbestand. Leider könnte sich dieses Geschehen ebenso witzig überall auf der Welt unter Juden abspielen, dafür muß man nicht in Buenos Aires drehen.“

Primo Amore

Italien 2003, Regie: Matteo Garrone. Mit Michela Cescon, Vitaliano Trevisan und Roberto Comacchio

Von seiner Traumfrau hat Vittorio unverrückbare Vorstellungen; er möchte ihren Körper gestalten können und sie so zu seinem Idealbild erschaffen. Als er Sonia trifft, sieht er sich fast am Ende seiner Suche, denn sie ist jung, schön, zierlich und charmant. Doch mit 59 Kilo ist sie ihm eindeutig zu schwer. Vittorios Verlangen und Sonias Liebe treiben sie an den Rand des Abgrunds.

Andreas Platthaus: „Ein Goldschmied pflegt sexuelle Beziehungen nur zu untergewichtigen Frauen und fasziniert aus unverständlichen Gründen das Aktmodell Sonia, die sich fortan hundert Filmminuten lang ins Elend hungert. So dünn wie am Ende Sonia, ist auch der Inhalt dieses Films, der nur über eine länderspezifische Quote in den Wettbewerb gelangt sein kann.“

Sonntag, 8. Februar

Country Of My Skull

Großbritannien/Irland 2003, Regie: John Boorman. Mit Samuel L. Jackson, Juliette Binoche und Brendan Gleeson

Der amerikanische Reporter Langston Whitfield soll über die Verbrechen des Apartheidregimes und die 'Kommission für Wahrheit und Versöhnung' in Südafrika berichten. Für Whitfield wird diese Dienstreise eine alles in Frage stellende Erfahrung. Seine Bekanntschaft mit Anna Malan, einer weißen südafrikanischen Reporterin, wird, parallel zu dem dargestellten Dickicht von Verbrechen und Brutalität, zu einer Liebesbeziehung.

Michael Althen: „Der Film wirkt so hölzern und unbedarft wie eine Schüleraufführung, und geradezu erschütternd daran ist, daß sein Regisseur John Boorman heißt, der mal Filme wie 'Point Blank' und 'Deliverance' gemacht hat. 'Country of My Skull' ist in seinem Scheitern aber nicht nur traurig, sondern richtig ärgerlich. Nicht nur, weil er ein großes Thema in den Sand setzt, sondern weil die Art, wie er das tut, fast schon fahrlässig genannt werden muß.“

Andreas Kilb: „Es gibt nur wenig, was schlimmer ist als ein schlechter Film über ein großes und wichtiges Thema. 'Country of my Skull' ist so ein Film.“

Andreas Platthaus: „Ein Unglück, das gut aussehen will, ist ein Paradox. Weite Landschaften und attraktive Schauspieler können eine Geschichte wie aus dem ideologischen Lehrbuch nicht retten. Das einzige Vergnügen scheint der Produktionsdesigner gehabt zu haben, als er eine Apartheits-Folterkammer nachzubauen hatte: hier noch ein Kabelende aus der Wand, dort ein paar Handschellen von der Decke, den einen oder anderen Blutfleck auf den Boden. Es ist beschämend, wie hier Verbrechen pittoresk gestaltet wurde. Beschämend wie der ganze Film.“

Monster

Amerika 2003, Regie: Patty Jenkins. Mit Charlize Theron, Christina Ricci und Bruce Dem

Der Film erzählt die wahre Geschichte der Aileen Carol Wuornos, die mit acht Jahren vergewaltigt wurde, mit dreizehn auf den Strich ging und 2002 hingerichtet wurde, weil sie sechs Männer getötet hatte. Den ersten Mord begeht sie aus Notwehr nach einer brutalen Vergewaltigung, die anderen sind ein Reflex auf diese Erfahrung, aber an Männern exekutiert, die nichts weiter als schnelle Befriedigung gesucht haben. Was sie an Zuflucht und Trost in ihrer lesbischen Beziehung mit der jungen Ausreißerin Selby findet, verschwindet hinter dem Preis, den sie dafür zu bezahlen bereit ist.

Michael Althen: „Eines jener Wunder des amerikanischen Kinos, wo der frische Blick einer Regiedebütantin und die Bereitschaft eines Stars, aus dem Schatten der eigenen makellosen Ausstrahlung zu treten, einander auf eine Weise befeuern, daß man anderthalb Stunden den Atem anhält.“

Andreas Kilb: „Charlize Theron hat sich unter Einsatz ihres Lebens in die Prostituierte Aileen Wuornos verwandelt, und Patty Jenkins liefert für diese Tour de Force den passenden filmischen Rahmen. Ein Film 'für das gefrorene Meer in uns'.“

Confidences trop intimes

Frankreich 2003, Regie: Patrice Leconte. Mit Sandrine Bonnaire, Fabrice Luchini und Michel Duchaussoy

Anna wendet sich mit Eheproblemen an einen Psychoanalytiker, irrt sich aber in der Tür und landet bei einem Finanzberater, der es nicht übers Herz bringt, sie auf ihre Verwechslung hinzuweisen. Zwischen den beiden entwickelt sich im Laufe der Zeit eine immer engere Beziehung.

Michael Althen: „Eine Frau irrt sich in der Tür und hält einen Steuerberater für einen Psychoanalytiker. Ehe er Zeit hat, den Irrtum aufzuklären, ist er schon gefangen. Patrice Leconte tritt die hübsche Idee breit und breiter, aber Fabrice Luchinis entgeisterter Blick und Sandrine Bonnaires hinreißende Augen retten 'Confidence trop intimes' über die Zeit.“

Freitag, 6. Februar

Om jäg vänder mig om (Morgengrauen)

Schweden 2003, Regie: Björn Runge. Mit Pernilla August, Jakob Eklund und Marie Richardson

In locker miteinander verwobenen Episoden erzählt der Film von einem Paar, das noch einmal Freunde einlädt, bevor es in eine andere Stadt zieht. In dieser Nacht wird ihre Beziehung tief erschüttert. Ein ehrbarer Maurer läßt sich, damit es seiner Familie gut geht, auf Schwarzarbeit ein. Und eine Frau hat die Gelegenheit, ihren Mann wiederzusehen, der sie drei Jahre zuvor verließ, um mit einer 25 Jahr jüngeren Frau zusammen zu leben.

Peter Körte: „Zehn Personen, die unterm Joch der Ehe ächzen und gelegentlich brüllen, suchen einen Sinn. Am Ende, wenn der Morgen graut, soll dann doch noch die Liebe einkehren, weil der Regisseur, wie er allen Ernstes sagt, beschlossen hat, sein Film sei 'ein Befreiungskrieg der Seelen'. Wenn man sich die traurigen Gestalten in ihren Wohnungen anschaut, fragt man sich eher: Lebst du noch, oder wohnst du schon?“

The Missing

USA 2003, Regie: Ron Howard. Mit Cate Blanchett, Tommy Lee Jones und Evan Rachel Wood

In Ron Howards Western spielt Cate Blanchett eine für das New Mexiko der 1880er Jahre erstaunliche Rancherin: Sie hat zwei Töchter von zwei verschiedenen Männern, sie hat einen Vorarbeiter, mit dem sie schläft, der aber nicht bei ihr schlafen darf. Und sie hat einen Vater (Tommy Lee Jones), der vor vielen Jahren die Familie verlassen hat und nun unverhofft wieder auftaucht. Sie will ihn loswerden, und dann braucht sie ihn doch, weil eine Bande aus Weißen und Indianern die ältere Tochter entführt und der Vater unter Indianern gelebt hat.

Andreas Kilb: „Ron Howard ist kein großer Regisseur, aber Cate Blanchett ist eine große Schauspielerin, und wenn man sie mit Hut und Winchester-Gewehr durch die Wildnis reiten sieht, möchte man dem Film fast alles verzeihen.“

Peter Körte: „Ein respektabler Spätausläufer des Genres. Sein Blick auf die Realitäten des Westens ist nüchtern, seine physische Direktheit überzeugend, und natürlich sieht man Tommy Lee Jones und Cate Blanchett gerne zu. Doch immer wieder überkommt einen dabei auch das Gefühl, daß die beiden in einen anderen Film gehörten, den man lieber gesehen hätte.“

Something's Gotta Give (Alles, was das Herz begehrt)

Amerika 2003, Regie: Nancy Meyers. Mit Jack Nicholson, Diane Keaton, Keanu Reeves und Frances McDormand

Jack Nicholson ist ein Musikproduzent, der sich mit einer seiner zahllosen jungen Geliebten (Amanda Peet) im Wochenendhaus ihrer Eltern vergnügen will, wo aber überraschend ihre Mutter (Diane Keaton) und deren Freundin (Frances McDormand) auftauchen. Die peinliche Situation gipfelt in einem Herzanfall, der Nicholson für einige Zeit ans Haus und vor allem an Diane Keaton fesselt - alles Weitere entwickelt sich aus der Tatsache, daß die beiden einander herzlich wenig leiden können, und daraus, daß sich Nicholsons junger Arzt (Keanu Reeves) in Keaton verliebt.

Michael Althen: „Der Film ist wahnsinnig lustig, überraschend traurig und hoffnungslos romantisch; das Buch ist so pfiffig geschrieben, daß man sich fragt, warum das eigentlich nur die Amerikaner so hinkriegen, und die Besetzung so großartig, daß man im selben Moment schon wieder weiß, warum so ein Film nur aus Amerika kommen kann. Weil er mit der Ausstrahlung seiner Stars rechnet, mit all jenen Filmerfahrungen, welche die Zuschauer mit Jack Nicholson und Diane Keaton gemacht haben, und mit der Kinoweisheit, daß im nächsten Moment wieder alle Erfahrungen über den Haufen geworfen werden können.“

Cold Mountain

Großbritannien/Rumänien 2003, Regie: Anthony Minghella. Mit Jude Law, Nicola Kidman und Renée Zellweger

Es ist das Jahr 1864, im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpfen Männer in blauen gegen Männer in grauen Uniformen. Einer der Grauen ist Inman (Jude Law), der bei einer Patrouille vor den Schanzen von Petersburg, Virginia, schwer verletzt wird. Halbwegs genesen, will er nicht mehr zurück aufs Schlachtfeld, sondern heim nach Cold Mountain in North Carolina, wo seine Verlobte Ada (Nicole Kidman) auf ihn wartet.

Andreas Kilb: „Anthony Minghella hat Charles Fraziers Melodrama aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg in elegante Bilder gegossen, aber der Film krankt an seiner eigenen Virtuosität: Er ist (und seine Stars sind) einfach zu schön, um wahr zu sein.“

Quelle: @kue
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