Berlinale

Deutschland, das sind die anderen

Von Claudius Seidl
15.02.2009
, 14:40
Das tut so weh: „Krankes Haus”, Wolfgang Beckers Episode in „Deutschland 09”
Die Berlinale hat mit einem Bluff begonnen - und mit einem Debakel geht sie zu Ende: Dreizehn Regisseure, ein großes Missverständnis, das ist „Deutschland 09“ geworden. Bericht von einem seltsamen Festival.
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Als, nach endlosen zwei Stunden und zwanzig Minuten, „Deutschland 09“ zu Ende war, dieser Film, dessen Schöpfer nichts weniger wollten, als, wie sie es selber sagen, „ein Panoramabild der gesellschaftlichen und politischen Situation der heutigen Bundesrepublik zusammenzusetzen“, als ich draußen stand, in der kalten deutschen Februarluft, da spürte ich das dringende Bedürfnis, mich erst einmal zu entschuldigen.

Öffentlich, in aller Form – und zwar bei Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, bei Reinhard Hauff und Michael Verhoeven, bei all den Autoren des sogenannten jungen deutschen Films, über deren gesellschaftskritische und politisch ambitionierte Werke wir Kinofans der nächsten Generation so viel Böses gedacht, gesprochen und geschrieben haben, weil halt die guten Absichten dem genauen Blick so deutlich den Weg versperrten. Vermutlich sind „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder „Die weiße Rose“ nicht besser geworden mit der Zeit. Aber wenn das, was man, nur zum Beispiel, in Hans Weingartners Kopf vermuten muss, politisches und historisches Bewusstsein ist, dann ist Volker Schlöndorff ein Klassiker, der Filmkunst und der Theorie.

Mit sich selbst so einverstanden

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Vermutlich muss erst einmal klargestellt werden, worum es hier, in dieser Zurückweisung, nicht gehen wird. Das Problem von „Deutschland 09“ ist nicht, dass dieser Film zu links wäre, zu kritisch, zu böse, zu wenig einverstanden mit der Globalisierung Deutschlands, der Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs, dem Schicksal von Murat Kurnaz oder auch, um gleich mal ganz allgemein und von Dani Levy zu sprechen, mit der schlechten Laune der Deutschen. (Schon eher ist sein Problem, dass er mit sich selbst so einverstanden ist.)

„Feierlich reist”: Tom Tykwers Film rennt offene Türen ein
„Feierlich reist”: Tom Tykwers Film rennt offene Türen ein Bild: Herbstfilm

Und dieser Artikel hier ist auch nicht die Rache für den Beitrag „Fraktur“ von Hans Steinbichler, in welchem ein Mann, genauer: Josef Bierbichler, eines Morgens seine Zeitung aufschlägt, zum ersten Mal ein Bild, auch noch in Farbe, auf der ersten Seite sieht und keine Frakturschrift mehr über der Leitglosse, was, wie er sagt, „der brutalstmögliche Angriff auf die deutsche Kulturnation“ sei. Und dann fährt der Mann los, kauft die Kioske leer, um aber all die Zeitungen in den Papierkorb zu werfen. Und weil der Mann ein Speditionsunternehmen besitzt, lässt er seine Fahrer Tausende von Zeitungen kaufen, und beim Showdown in Frankfurt, der leider gar nicht mehr lustig ist, brennen Zeitungsberge, und der Mann entsichert seine Pistole und stürmt die Konferenz und schießt die halbe Redaktion über den Haufen. Das, so erzählte Steinbichler dann in der Pressekonferenz, sei seine eigene Phantasie gewesen, am Tag, als die F.A.Z. mit einem Titelbild kam (siehe auch: Berlinale: „Deutschland 09“)

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Susan Sontags Tanz mit Ulrike Meinhof

Nein, das Problem dieses Films ist nicht, dass er wütend, sondern dass er dumm ist: so (um mal in der Heimatsprache Bierbichlers zu sprechen) saudumm und unreflektiert, dass man, angesichts der schönen, zarten oder rätselhaften Momente, die es natürlich auch gibt, angesichts der Eröffnungseinstellung von Angela Schanelec, der über das Wörtchen „Loser“ diskutierenden Schulkinder in Isabelle Stevers Beitrag oder der unverständlichen, aber sehr poetischen Szene, in der Nicolette Krebitz, zum ersten Satz von Schuberts achter Symphonie, Susan Sontag und Ulrike Meinhof miteinander tanzen lässt, leider trotzdem sagen muss, dass es anscheinend keinen richtigen Film in diesem falschen gibt.

Im komplett falschen Film war immer noch und ganz eindeutig Fatih Akin, als er, auf der Pressekonferenz, die Journalisten dafür tadelte, dass sie nicht genügend Wirbel gemacht hätten um den Fall des Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz und die Frage, ob der damalige Kanzleramts-Chef Frank-Walter Steinmeier ihm ein paar Jahre der Haft hätte ersparen können. Dazu muss man allerdings sagen, dass Akins Beitrag die Verfilmung eines Interviews ist, welches Kurnaz der „Süddeutschen Zeitung“ gegeben hat. Aus dem Akin aber alles herausgestrichen hat, was irgendwie holprig, unverständlich, widersprüchlich klang. Ach, Herr Akin, wer weiß, wo Kurnaz heute säße, wenn sein Anwalt nicht die Zeitungen alarmiert und wenn diese Zeitungen nicht so laut getrommelt hätten.

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Ein Fall, ein Skandal

Auf derselben Pressekonferenz kritisierte Hans Weingartner die Medien dafür, dass sie gar nicht erkannt hätten, was für ein Skandal der Fall des Soziologen Andrej Holm sei, jenes Mannes, der elf Monate lang überwacht und dann, als vermeintlicher Chefideologe der „Militanten Gruppe“, verhaftet wurde, bloß weil in seinen Texten dieselben Stichworte vorkamen wie in den Bekennerschreiben jener Gruppe. Dazu muss man sagen, dass der Fall Andrej Holm ein Skandal war. Und dass genau das auch in den Zeitungen stand. Weingartner, in seinem Beitrag „Gefährder“, fiktionalisiert die Figur, was ihm die Freiheit gibt, auch diesen Mann viel glatter, netter und ganz frei von Widersprüchen erscheinen zu lassen. Und dazu erfindet er ein paar Dunkelmänner, die sich, während das Holm-Double in Haft sitzt, noch fiesere und effizientere Methoden der Überwachung ausdenken, was diesem Film endgültig jede dokumentarische Beglaubigung raubt; „Gefährder“ ist nur das Dokument der Paranoia seines Regisseurs.

Tom Tykwer zeigt in seinem Kurzfilm einen Mann, der einmal um die Welt reist, in Hotels der immer gleichen Hotelkette eincheckt, an den Läden der immer gleichen Marken vorbei zum immer gleichen Starbucks geht, den immer gleichen Kaffee bestellt. Und nachts hat er den immer gleichen Traum. Wenn es um die Globalisierung unserer Wahrnehmung geht, rennt Tykwer da Türen ein, die Lawrence Kasdans Film „The Accidental Tourist“ (in dem sich William Hurt so freute, dass ein Hamburger von McDonald’s in Moskau exakt so schmecke wie in New York) schon 1988 mit mehr Schwung und Eleganz geöffnet hat. Und als filmische Etüde ist das die reine Tautologie, weil Tykwers glattgebügelte Bilder genau das Problem sind, von welchem sie angeblich zeugen wollen.

Ein Witz, ein blöder Kalauer

Dani Levys Beitrag ist ein Witz, so schlecht wie das Angela-Merkel-Double, das er zum Psychiater schickt, damit sich die deutsche Laune bessere. Dominik Grafs Bilder versuchen, die Würde der allseits geringgeschätzten und doch so mit Erinnerung vollgesogenen Nachkriegsarchitektur zu retten. Aber der Kommentar aus dem Off phantasiert schon die Diktatur herbei, welche angeblich erst die Sprache verändere – und dann die Häuser.

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Und das Schlimmste, was dem Projekt „Deutschland 09“ passieren konnte, das war Wolfgang Becker, dessen Film „Krankes Haus“ einerseits bloß ein blöder Kalauer über die geläufigen Floskeln des Reform- und Modernisierungsgeredes ist. Und der einen doch so wütend macht, weil Becker, der im Keller jenes kranken Hauses, das angeblich Deutschland heißt, auch ein George-Bush-Double beim Waterboarding zeigt, weil dieser kritische Becker offensichtlich noch nicht einmal merkt, was er da tut, wenn er das, was ihm nicht passt an diesem Land, in pathologische Begriffe übersetzt; wenn er die Scharlatane am deutschen Körper herumoperieren lässt und diesem Körper dann zur Genesung ein deutsches Volkslied schenkt. Kein schöner Land in dieser Zeit: Das tut so weh.

Ein Bluff, ein Debakel

„Deutschland 09“: „Ich danke der deutschen Nation. Ich danke dem deutschen Volk“. Das sagt, am Schluss von Romuald Karmakars Beitrag, ein alter Mann, der sich Ramses nennt; er stammt aus Persien, wie er selber sagt, und betreibt in Berlin seit Jahrzehnten ein Bordell; ein Mann, der noch immer mit Akzent spricht und der sein Deutsch gelernt hat von den Huren und den Freiern. Er sitzt und erzählt, und Karmakars Kamera schaut unbewegt zu, und die unglaublichen Schweinereien, von denen dieser Ramses berichtet, haben eine poetische Qualität schon deshalb, weil das hier, dieser mittelständische Betrieb, das Glück und die Erfüllung dieses Mannes waren, ein Glück, das jetzt, im Alter, vorübergeht, weshalb sich Ramses nach dem Süden sehnt, nach Persien, wo es wärmer ist. So hätte „Deutschland 09“ auch werden können: Ein Film, der zuschaut, zuhört, Fragen stellt, bevor er etwas beweisen will. Ein Film, der die Schönheit findet an einem Ort, wo sie keiner der Schlaumeier vermutet hätte. Und, natürlich, ein Beitrag zur deutschen Psychopathologie, für den sich keiner genieren muss.

Das war also die Berlinale. Mit einem Bluff hat sie angefangen (siehe: Berlinale-Beginn: Die Flügel unserer Sehnsucht), und aufs Debakel von „Deutschland 09“ ist sie hinausgelaufen, und über all die anderen Filme aus dem Haupt- und Wettbewerbsprogramm möchte man gar nichts Böses sagen, schon weil, wer unter den Hunderten Filmen im Panorama und Forum, in der Retrospektive und all den anderen Reihen nichts gefunden hat, vielleicht selber schuld ist und das Programm genauer studieren sollte (siehe: FAZ.NET-Spezial: Die Berlinale 2009).

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Sternstunden der Irrelevanz

Aber der Wettbewerb (mitsamt seinen Spezialvorführungen und Filmen außer Konkurrenz) erregt halt, weil da ein roter Teppich liegt und die Schauspieler in Abendgarderobe erscheinen, doch die größte Neugier. Und die Hoffnung, dass da, in den vermeintlich großen, repräsentativen Filmen, sich etwas offenbare über den Stand der Dinge und der Träume. Und insofern war es eben doch ein Jammer, dass es da Sternstunden der Irrelevanz gab (Mitchell Lichtensteins „Happy Tears“), brave Fernsehspiele (Rachid Boucharebs „London River“), einen Werbeclip für East-Coast-Hiphop (George Tillmans „Notorious“); dass Stephen Frears’ Colette-Verfilmung „Chéri“ so erschütternd harmlos war und Michelle Pfeiffer darin schon deshalb fehlbesetzt, weil eine Fünfzigjährige von heute viel zu jung ist, eine Fünfzigjährige von vor hundert Jahren zu spielen.

Und Kai Wessels „Hilde“ sah, obwohl Heike Makatsch als Hildegard Knef sehr beeindruckend ist, mit seiner Kulissenschieberei, seinen ständigen Verweisen aufs Vertraute und Altbekannte so aus, als läge es in der Konsequenz deutscher Historienfilme, beim nächsten Mal den Einmarsch der Russen in Berlin gleich mit Playmobil-Figuren nachzustellen, weil die immer gleichen Sets ohnehin keinen Ort und Schauplatz definieren, sondern bloß Zeichen dafür sind, dass auch hier das Publikum genau das bekommt, was es nach zwanzig ähnlichen Filmen erwarten darf.

War das die Berlinale? Schlechte Filme, schlechte Laune? Ach was, das Publikum jubelte den Stars zu, liebte weiterhin den Direktor und bescherte dem Festival einen Zuschauerrekord. Wer trotzdem meckert, war nur zur falschen Zeit im falschen Film.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
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