Berlinale-Panorama

Der gute Geist des Einmaleins

Von Bert Rebhandl
11.02.2009
, 13:32
Neorealismus, indonesische Variante: „Die Regenbogenkrieger”
Riri Rizas „Die Regenbogenkrieger“ im Panorama der Berlinale etabliert mit Indonesien eine neue Nation im Weltkino. Die Arthaus-Verleiher müssten sich eigentlich ein Bieterduell um diesen Film liefern, der von einer islamischen Grundschule erzählt, welcher langsam die Schüler ausgehen.
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Die indonesische Insel Belitong zählt zu jenen paradiesischen Orten, an denen die harten Lebensbedingungen erst auf den zweiten Blick erkennbar sind. Nacht für Nacht fahren die Fischer hinaus auf die offene See, an manchen Abenden blicken die Kinder ihren Vätern sorgenvoll hinterher, denn der Himmel verheißt nichts Gutes. Wenn der Vater sich dann auch noch einmal umwendet, dem Blick der Kinder aber ausweicht, dann ist das fast wie ein schlechtes Omen. Bei einem touristischen Besuch oder auf einer Rucksackreise würde eine Szene dieser Art wohl kaum zu beobachten sein. Es bedarf schon der dramatischen Verdichtung eines Kinofilms, um die Unsicherheit der Verhältnisse in zwei, drei Einstellungen sichtbar und nachvollziehbar zu machen.

Riri Rizas „Laskar Pelangi“ („Die Regenbogenkrieger“) im Panorama der Berlinale schafft nicht nur das, sondern etabliert eine Nation im Weltkino, die da bisher allenfalls eine marginale Rolle gespielt hatte. Die Arthaus-Verleiher müssten sich eigentlich ein Bieterduell um diesen Film liefern, der auf den ersten Blick nicht unsentimental, auf den zweiten Blick aber auch mit viel Sinn für filmhistorische Traditionen von einer islamischen Grundschule erzählt, der langsam die Schüler ausgehen. Zehn Kinder müssen jedes Jahr neu eingeschult werden, damit die Behörden die entsprechende Genehmigung verlängern. Die wohlhabenderen Eltern schicken ihren Nachwuchs auf eine private Schule, an der Uniformen verpflichtend sind und alles nach Lehrplan und Vorschrift abläuft.

Es geht um Integration

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Nur die Armen sind auf das Angebot der islamischen Bewegung Muhammadiya angewiesen, die Kinder ohne Entgelt nicht nur im Einmaleins, sondern auch in allen anderen elementaren Fächern und natürlich in Religion unterrichtet. Der gute Geist dieser Schule ist Mrs. Mus(limah), die alle Heiratsanwärter abblitzen lässt, weil sie ganz in ihrer Mission aufgeht. Die Szenen an ersten Schultag bilden den ersten Cliffhanger in „Laskar Pelangi“. Neun Kinder sind bald beisammen, damit scheint es aber auch sein Bewenden zu haben. Im letzten Moment taucht dann noch ein älterer Junge auf, der mit seiner Befähigung in Europa wohl in eine Sonderschule abgeschoben werden müsste - aber hier geht alles um Integration, um eine indonesische Variante dessen, was in den Vereinigten Staaten unter dem Slogan „no child left behind“ zu einem Alibi für den daneben betriebenen weiteren Abbau des Sozialstaats wurde.

Auch bei „Laskar Pelangi“ spielen ideologische Fragen im Hintergrund eine Rolle. Der Film spielt in den siebziger Jahren während der Regierungszeit des autoritären Präsidenten Suharto. Bildungspolitik wurde in dieser Zeit vor allem auf dem Land nicht allzu wichtig genommen. Islamische Wohlfahrtsorganisationen wie Muhammadiya halfen in dieser Situation ab. Nicht zuletzt wegen dieser Zusammenhänge ist „Laskar Pelangi“ so interessant. Regisseur Riri Riza ist sehr an einem Bild des Islams gelegen, in dem dessen Offenheit für Bildung betont wird. Nun könnte man diesem Film, der auf einem lokalen Bestseller von Andrea Hirata beruht und in Indonesien ein enormer Publikumserfolg wurde, leichthin als schönfärberisch abtun. Dafür gibt es gute Gründe, denn Riri Riza hat nicht nur die Kinderrollen sehr attraktiv besetzt, er sorgt auch mit einer Hommage an das Bollywood-Kino, mit prächtigen Landschaftsaufnahmen und mit einem eingängigen autochthonen Soundtrack für beste Stimmung.

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Und gerade mit diesen kommerziellen Signalen stellt „Laskar Pelangi“ auch eine Art Testfall für ein internationales Filmfestival dar, bei dem eine Geschichte dieser Art wohl eher als Problemfilm zu erwarten wäre denn als unverhohlene Feier des islamischen Schulwesens und einer mystisch-pädagogischen Mütterlichkeit, unter deren schützende Arme sich die armen Kinder von Belitong flüchten können. Es gibt dabei aber durchaus Traditionen, in die „Laskar Pelangi“ zu stellen wäre. Der japanische Neorealist Hiroshi Shimizu, dessen Gesamtwerk gerade auf DVD erschienen ist, hat ganz ähnlich mit Kindern gearbeitet. Nun wird der Neorealismus auch in Indonesien inkulturiert, er verwandelt sich dabei wieder einmal, lässt gerade so aber das ursprüngliche universalistische Potential erkennen.

Quelle: F.A.Z.
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