Namen sind Schall und Bild

EIN KOMMENTAR Von Andreas Platthaus
12.02.2009
, 16:30
Die meistvernachlässigte cinematographische Leistung im heutigen Kino ist das Firmensiegel. Die Klassiker mit geflügelten Pferden, schneebedeckten Gipfeln, Suchscheinwerfer über Hollywood oder fackeltragenden Damen in wallenden Gewändern sucht man auf der Berlinale vergebens.
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Was hat uns Atlas eigentlich getan, dass wir ihm die ganze Welt aufbürden? Und die Berlinale gleich mit dazu, denn das erste Bild des Festivals – wenn wir vom immer wieder neu explodierenden und sich reinkarnierenden Goldenen Bären absehen – war das des Hünen, der den Erdball schultert, niedergedrückt, wie es sich gehört. Und dazu konnten wir lesen: Atlas Entertainment. So heißt die Produktionsgesellschaft, der wir Tom Tykwers „International“ verdanken. Der mythische König wird schon besser gelacht haben.

Wir fühlen uns indes bestens unterhalten, denn seit diesem ersten Bild achten wir auf die meistvernachlässigte cinematographische Leistung im heutigen Kino: das Firmensiegel. Die Klassiker mit geflügelten Pferden, schneebedeckten Gipfeln, Suchscheinwerfer über Hollywood oder fackeltragenden Damen in wallenden Gewändern sind hier selten, denn auf der Berlinale sehen wir die Filme in statu nascendi: meist noch ohne großen Verleih, der dann später sein Logo allem voranstellen wird. Nur „Notorious B.I.G.“ wartete mit der fast achtzig Jahre alten berühmten Foxfanfare auf, ausgerechnet zur Lebens- und damit auch Werkbeschreibung eines Rappers also, für die allerdings auch Danny Elfman den Score komponieren durfte – das ist, als hätte man James Last gebeten, die Musik zur Verfilmung von Adornos „Ästhetischer Theorie“ zu schreiben.

Kamel durchs Nadelöhr

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Andere Produktionssignets bieten ähnliche kontraproduktive Einleitungen zum folgenden Film. „An Englishman in New York“, die Verfilmung des extrem kultivierten und sprachlich elaborierten Lebens von Quentin Crisp, wird mit einem grummelnden Fauchen begonnen, um den Firmennamen „Leopardrama“ in den rechten Ton zu setzen. Das nach der Erzählerin von „1001 Nacht“ benannte Unternehmen „Sherezade Films“ hat einen effeminiert mit der Pfote winkenden Greif zu seinem Wappentier erwählt, obwohl dann mit „The Messenger“ ein Film folgt, dessen Protagonisten sowohl ihre Probleme mit Frauen als auch mit dem Erzählen haben. Und die Produktionsfirma von Lone Scherfigs „An Education“ heißt Endgame, obwohl der Film alles andere als ein Endspiel zeigt, sondern die schwierige Selbstfindung einer lebenslustigen britischen Schülerin.

So klafft auseinander, was zusammengehört. Selbstbewusst lässt „itc Movie“ ein Kamel durch ein Nadelöhr wandern, doch dem folgenden Film, Ermanno Olmis „Terra Madre“, gelingt leider gar nichts. Und „Antidote Films“, verantwortlich für die Dokumentation „Soul Power“, stellt nicht weniger als das ganze eigene Genre in Frage, wenn das im Namen beschworene Gegengift mittels eines durchgeblätterten Buchs versinnbildlicht wird. Sollen wir lieber lesen, statt ins Kino zu gehen? Ja, denn Lesen bildet. Deshalb loben wir uns iranische Filme wie „About Elly“, die als erstes Bild kein Signet und keinen Namen zeigen, sondern stets die gleiche arabische Zeile: „Im Namen Gottes“.

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Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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