Zur Eröffnung der Berlinale

Vorhang auf

Von Michael Althen
11.02.2010
, 13:59
Eine besondere Open-Air-Erfahrung: So stellt sich die Künstlerin Christina Kim die Freiluftvorführung von „Metropolis” zur Berlinale-Eröffnung vor
Scorsese hin und Polanski her: In ihrer filmästhetischen Bedeutung kann es die Berlinale nicht mit dem Festival in Cannes aufnehmen. Zur sechzigsten Auflage sucht sie ihr Profil in einem Programm, das sich eher über die politische Relevanz definiert.
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Zur sechzigsten Auflage der Berlinale scheint sich auch das Wetter einer alten Festivaltradition zu besinnen. Denn im ausgehenden vergangenen Jahrhundert war es geradezu integraler Bestandteil der Festivalerfahrung, dass der Februar die Stadt in eisigem Griff hatte und man unter bleigrauem Himmel über Eis und durch Matsch von Kino zu Kino eilte. Selbst das schien der stets gutgelaunte Festivalchef Dieter Kosslick geändert zu haben, denn seit seinem Amtsantritt 2002 präsentierte sich die Berlinale stets mindestens so sonnig wie sein Gemüt.

Man darf also gespannt sein, wie sich das anfühlt, wenn gleichzeitig zur Galavorführung im Friedrichstadtpalast am Freitagabend die rekonstruierte Fassung von „Metropolis“ (siehe auch: „Metropolis“: Die Wiedergeburt eines Jahrhundertfilms) aufs Brandenburger Tor projiziert wird und die Zuschauer unter offenem Himmel der Kälte trotzen sollen. Das wird wahrscheinlich eine Open-Air-Erfahrung, von der man noch seinen Enkeln wird erzählen können.

Der Frost ist also genauso Teil der Festivalgeschichte wie der Kalte Krieg, dem sich die Entstehung der Berlinale ja auch verdankt. Wenn man die zum Jubiläum entstandene Dokumentation „Spur der Bären“ von Alfred Holighaus und Hans-Christoph Blumenberg sieht, die am Wochenende Premiere hat, dann begreift man erst wieder, wie sehr sich das Festival über politische Zwänge definiert hat. Die diversen Skandale um Michael Verhoevens Vietnam-Film „o.k.“, dessen Ausschluss 1970 zum Abbruch des Festivals führte, oder die Vorführung von Michael Ciminos „Deer Hunter“ 1979, als der Ostblock geschlossen abreiste, wiegen im Rückblick viel schwerer als der Regie-Bär für „Außer Atem“, den die Jury übrigens unter dem Vorsitz des Komikers Harold Lloyd 1960 Godard zusprach, oder der Goldene Bär im folgenden Jahr für Antonionis „La notte“.

Ein großstädtisches Ereignis

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In „Spur der Bären“ kann man aber auch lernen, wie sehr etwa jemand wie Tilda Swinton das Forum als ihre eigentliche Heimat begreift, weil sie dort mit ihrem Regisseur Derek Jarman groß wurde; wie wichtig Ang Lee die Bedeutung des Goldenen Bären für Zhang Yimous „Rotes Kornfeld“ als Initialzündung fürs chinesische Kino nimmt; und wie sehr sich das Festival eben auch definiert über sein Augenmerk auf das schwul-lesbische Kino. All dies vor dem Hintergrund natürlich, dass Berlin im Unterschied zu den Konkurrenten in Cannes und Venedig tatsächlich ein großstädtisches Ereignis ist, dessen Publikum sich nicht nur aus Branchenangehörigen, Kritikern und Honoratioren zusammensetzt, sondern vom Interesse der Berliner lebt.

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Dass die Berlinale trotzdem ein Bedürfnis hat, sich auch ihrer filmästhetischen Bedeutung zu versichern, sieht man schon daran, dass sie fürs Jubiläum drei international renommierte Filmkritiker und -historiker beschäftigt hat: Der Brite David Thomson wurde mit der Auswahl der Jubiläumsretrospektive betraut (siehe auch: Reise durch die Geschichte in vierzig Filmen: Die Berlinale-Retrospektive), sein Landsmann Peter Cowie hat den Rückblick „Die Berlinale. Das Festival“ (Verlag Bertz und Fischer) geschrieben und der Franzose Michel Ciment das Vorwort verfasst. Das hat auch damit zu tun, dass die Berlinale in dieser Hinsicht einem Festival wie Cannes kaum das Wasser reichen kann. Dort liefen vergangenes Jahr Haneke, Tarantino, Almodóvar und Resnais, Trier und Campion, Loach und Lee, Jacques Audiard und Park Chan-wook im Wettbewerb (siehe auch: Cannes 2009: Grausamkeit kennt keine Grenzen). Und auch wenn man im Vorhinein schwer über einen Wettbewerb (siehe auch: F.A.Z.-Kritiker kommentieren die Filme im Wettbewerb) urteilen kann, der noch nicht begonnen hat, lässt sich doch zumindest feststellen, dass er nach der Papierform weit dahinter zurückbleibt, Scorsese hin und Polanski her.

Kosslick hat eben auch begriffen, dass er auf diesem Gebiet kaum mit Cannes konkurrieren kann, und sucht sein Profil deshalb in einem Kino, das sich eher über die politische Relevanz definiert. Und er setzt dabei sozusagen auf Eigengewächse wie die Bären-Gewinner der Jahre 2006 und 2007 wie Wang Quan'an (siehe auch: Wang Quan'ans Eröffnungsfilm „Apart Together“: Wer die Welt erkennt, wird das Leben bejahen) und Jasmila Žbanić (siehe auch: Berlinale 2006: Drei Bären für Deutsche). Von Freitag an wird man mehr wissen.

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Quelle: F.A.Z.
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