Berlinale

Was man nicht sagen kann, davon muß man sprechen

Von Peter Körte
10.02.2004
, 19:47
Kleine Albtraummusik: Karmakars „Die Nacht singt ihre Lieder”
Weil es im Kino auch um das geht, was sein könnte, verbindet Romuald Karmakars Film "Die Nacht singt ihre Lieder" und Cédric Kahns "Schlußlichter" mehr, als man glaubt.
ANZEIGE

Als am vergangenen Sonntag die Hasser des deutschen Films auf die Bühne der Berliner Akademie der Künste traten, waren das wie durch ein Wunder dieselben Akteure, welche die deutsche Filmakademie ins Leben gerufen haben. Das ist für Außenstehende ein bißchen schwer zu begreifen, weil wohl keine Filmakademie der Welt sich bei einer öffentlichen Zusammenkunft fragen würde, was man am einheimischen Film hasse, aber es ist vermutlich ein sehr deutsches Symptom, das da mit Freudscher List ans Licht drängte.

Es erklärt auch ganz gut, warum ein deutscher Filmemacher wie Romuald Karmakar es so schwer hat, seine Filme zu machen. Der Achtunddreißigjährige, der seit Jahren den kleinen Grenzverkehr zwischen Dokumentar- und Spielfilm pflegt, ist ein Außenseiter des Betriebs, und er ist mit seiner Art, überall anzuecken, zugleich dessen Albtraum. Er tut, wovor die anderen Angst haben, weil er die Spielregeln dieser Konsensgesellschaft, die sich noch im inszenierten Selbsthaß einig ist, nicht akzeptieren mag, ohne ihnen deshalb entkommen zu können.

Mischung aus Gönnerhaftigkeit und Ignoranz

ANZEIGE

"Der leichte Weg ist immer vermint", hat Karmakar vor Jahren mal gesagt. Von diesem Satz ist er bis heute nicht abgerückt. Seine Filme polarisieren und ziehen damit Aufmerksamkeit auf sich. So ist er nun immerhin in den Wettbewerb der Berlinale geraten, auch wenn es lange Zeit nicht so aussah, als würde aus "Die Nacht singt ihre Lieder" überhaupt jemals ein Film werden, weil mehr als ein halbes Dutzend Fernsehanstalten und Filmfördergremien Karmakars Anträge ablehnte und aus den Begründungen genau jene Mischung aus Gönnerhaftigkeit und Ignoranz sprach, für die man die deutschen Filmverweser hassen könnte.

Karmakars Film ist ein Horrorfilm. Er verbreitet Schrecken und am Ende, ganz genregerecht, heimliche Erleichterung unter jenen, die ihn abgelehnt haben, weil sie glauben, daß man einen guten deutschen Film daran erkennt, daß man ihn auch zur Prime Time im Fernsehen ausstrahlen könnte. Und er verbreitet Schrecken auf der Leinwand - ohne Erleichterung. Das Medium des Horrors sind die Worte, die der junge Mann und die junge Frau sprechen. Man ahnt, daß sie das gleiche schon oft gesagt haben, immer wieder, daß sie es nicht mehr hören können und sich doch immer noch anhören müssen.

ANZEIGE

Dialoge wie Schußwechsel

Sie reden nicht wie auf dem Theater, aber sie reden auch nicht wie in den gängigen Dialogen des mittleren Kinorealismus. Was sie nicht ausdrücken können, davon müssen sie unablässig sprechen. Man könnte an David Mamets Stücke und Filme denken, in denen die Worte wie Kugeln und die Dialoge wie Schußwechsel sind. Doch bei Karmakar sind die Waffen stumpf vom häufigen Gebrauch, und die Wunden, welche das Paar einander beibringt, sind solche, die stumpfe Gegenstände hinterlassen. Keine scharfen Schnitte, keine sauberen Einschüsse, eher böse Platzwunden.

"Die Nacht singt ihre Lieder" ist eine Adaption von Jon Fosses gleichnamigem Theaterstück. Ein junges Paar mit Baby, die Eltern, der Freund der Frau. Der Film spielt in Berlin-Mitte, aber das ist nur eine Chiffre. Der Mann ist Schriftsteller, aber er hat noch nie etwas veröffentlicht, und vermutlich hat der Suhrkamp Verlag, dessen Briefpapier im Film auftaucht, sein Manuskript mit Recht abgelehnt. Mit der ersten Szene ist das ganze Elend da. Anne Ratte-Polle, welche die junge Frau spielt, steht hinter der Gardine, schaut auf die Straße, dann sagt sie einen Satz, den sie noch einige Male wiederholen wird: "Ich halte das nicht mehr aus."

ANZEIGE

Ein Folterkammerspiel

Das ist das Leitmotiv, und es ist auch das Gefühl, das einen mitunter als Zuschauer überkommt. Ihr Gegenüber Frank Giering hockt katatonisch auf dem Sofa, und es ist grandios, wie er mit minimalen Mitteln den Gemütszustand des Charakters vorführt. Die Lähmung, die über diesem Paar liegt, die anhält beim kurzen Besuch der Eltern (Manfred Zapatka und Marthe Keller), hat keine Lösung. Wenn die junge Frau ausgeht, wenn sie mit ihrem Freund (Sebastian Schipper) wiederkommt, um wegzugehen, feiert sie den Entschluß in einem hysterischen Triumph. Sie hält es nicht aus, und doch hält es sie. Es wird nicht gut ausgehen. Es ist ein Folterkammerspiel.

Karmakars Kino ist keines, das zur Identifikation einlädt. Das passiert ihm nicht, er will es so. Er ergreift keine Partei, er arrangiert kühl und streng und stilisiert die Implosion einer Beziehung. Er läßt ihnen keine Chance, und je mehr einem das klar wird, desto mehr sucht man nach Spuren, nach Lebenszeichen unter den Zombies. Aber da ist kein Notausgang, und oft sind die Schärfenwechsel in den langen Einstellungen die einzigen Bewegungen. Natürlich zehrt das auch am Zuschauer, denn "Die Nacht singt ihre Lieder" ist kein Wohlfühlfilm. Aber es gibt ja auch keine Zehn Gebote des Kinos, deren eines lautete, daß sich die Charaktere auf der Leinwand wohl fühlen müssen, damit sich der Zuschauer wohl fühlt. Karmakars Film ist genau die Zumutung, die er sein will. Und der Mann vom ZDF, der nach Ansicht des Films in seiner Erregung hervorstieß, im Grunde müsse Karmakar das Geld zurückzahlen, ist keine Überraschung. Er bestätigt nur, daß es solche Filme geben muß, damit das deutsche Kino nicht stirbt.

Flair des Unwirklichen

Ein anderes Paar war da noch, ein älteres und ein vertrauteres, weil es von Carole Bouquet und Jean-Pierre Darroussin gespielt wird. Am Tag, an dem alle Franzosen in den Urlaub fahren, brechen auch sie auf in den Süden, um ihre Kinder aus dem Feriencamp abzuholen. Ein frustrierter Versicherungsangestellter und eine erfolgreiche Anwältin. Auch ihre Ehe ist vom Mehltau befallen, auch hier ist die Routine die Quelle des Horrors. Er trinkt erst ein paar Bier, dann ein paar doppelte Whiskeys; sie steigt unterwegs aus und nimmt den Zug. Der Frust steht ihm ins Gesicht geschrieben, die Schultern hängen, sein Gesicht wird zu einer Landschaft zunehmender Verwüstung. Auf seiner Reise ans Ende der Nacht nimmt er einen Tramper mit, der ein flüchtiger Häftling ist. Und es passiert, was sich aus solchen Situationen ergibt. Was sich bei Karmakar in die Charaktere hineinfrißt, das drängt hier gewaltsam nach außen.

ANZEIGE

Cédric Kahns Simenon-Verfilmung "Feux rouges" (dt.: "Schlußlichter") hat von den ersten Einstellungen an ein Flair des Unwirklichen: die Blicke aus der Vogelperspektive auf die Bürostadtwelt von La Défense, die wie ein Arrangement überdimensionaler geometrischer Formen aussieht, die Bilder der Nacht, in denen die Farben so wunderbar wie auf einem Aquarell ineinanderfließen, das unwirkliche Weiß des Krankenhauses, vor dem das blaue Hemd des Mannes geradezu explodiert wie die Verzweiflung, mit der er seine Frau sucht, die nicht am Bestimmungsort des Zuges angekommen ist. Beiden ist etwas Schreckliches geschehen, und wie ein Taschenspielertrick des Schicksals wirkt es, daß diese beiden Schreckenserlebnisse zusammenhängen.

Cédric Kahn treibt sein Szenario ins Extrem, doch aus dem, was er da angerichtet hat, kommt er nicht halb so elegant wieder raus, wie er hineingekommen ist - es sei denn, man nähme all das, was dem Paar zustößt, als einen Traum. Man müsse den Mut haben, "nicht ins Glück umzukehren", hat Karmakar über seinen Film gesagt. Wie Kahn den umgekehrten Weg geht, das erfordert nicht weniger Mut, und weil es im Kino auch um das geht, was sein könnte, verbindet beide Filme mehr, als man glaubt: Wenn die Nacht ihre Lieder singt, dann klingen sie alle wie eine kleine Albtraummelodie.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2004, Nr. 35 / Seite 37
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE