Berlinale-Wettbewerb

Angelopoulos' Geschichten aus der Stadt im See

Von Andreas Kilb
12.02.2004
, 21:19
„Die Erde weint”
"Die Erde weint" ist ein reifes Zeugnis der Kunst von Theo Angelopoulos. Der griechische Regisseur darf er durchaus hoffen, Berlin mit einem Bären im Gepäck zu verlassen.
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Theo Angelopoulos sitzt auf einem Sofa im Berliner Marriott-Hotel und lächelt. Heute läuft sein neuer Film "Trilogie: Die Erde weint" im Wettbewerb der Filmfestspiele, und Angelopoulos hat allen Grund, fröhlich zu sein. Er steht nicht unter dem Druck, einen Preis auf diesem Festival zu gewinnen, schließlich hat er erst vor sechs Jahren für "Die Ewigkeit und ein Tag" in Cannes die Goldene Palme bekommen. Andererseits darf er durchaus hoffen, Berlin mit einem Bären im Gepäck zu verlassen, denn "Die Erde weint" ist ein reifes Zeugnis seiner Kunst, ein Spätwerk, das den geschichtsphilosophischen Blick des griechischen Regisseurs zu neuen Höhen treibt.

Ein halbes Menschenalter zwischen 1919 und 1949 umspannt der Film, einen Krieg, einen Bürgerkrieg, eine Diktatur, und wie immer bei Angelopoulos wird die Vergangenheit in großen, visionären Tableaus ausgestellt. Aber zum erstenmal seit seinem Kinodebüt "Rekonstruktion" (1970) stellt der Regisseur, der zuletzt gemeinsam mit Bruno Ganz, Harvey Keitel und Marcello Mastroianni einsame Männer auf einsamen Reisen porträtiert hat, wieder eine Frau in den Mittelpunkt der Erzählung, das Flüchtlingskind Eleni (Alexandra Aidini), das in einem von Griechen aus Rußland erbauten Dorf bei Thessaloniki aufwächst, zwei Söhne gebiert, die im Bürgerkrieg sterben, und am Ende in den Ruinen des Ortes zusammenbricht, Schmerzensmutter eines brudermörderischen Landes.

Proportionen der Geschichte

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Frauen, sagt Angelopoulos, seien besser geeignet als Männer, geschichtliches Leid zu spiegeln, weil sie es eher erduldeten als verursachten, weil sie auf keiner Seite stünden als auf der ihrer Männer und Kinder - und daß er beim Schreiben des Drehbuchs an seine Mutter gedacht habe und die anderen Frauen seiner Familie, welche die Zeit noch erlebt hätten, von der sein Film erzähle. Tatsächlich ist "Die Erde weint" eine Lektion in weiblicher Symbolik, von den halbüberfluteten Marschwiesen, über die die Flüchtlinge aus Odessa im ersten Bild der Kamera entgegenschreiten, über das Meer von wehenden weißen Bettlaken, zwischen denen eins der Opfer der Machtübernahme des Generals Metaxas seinem Tod entgegentaumelt, blutige Spuren auf dem Stoff hinterlassend, bis zu dem künstlichen See von Kerkini, in dem das Exilantendorf am Schluß versinkt, als kehrte es in den Schoß der Erde zurück.

Hier und im Hafen von Thessaloniki hat Angelopoulos gewaltige Außenbauten errichten lassen, die größten Sets, die es je in einem Film von ihm gegeben hat. Mit dem Umfang der Gebäude haben sich auch die Proportionen der Geschichte verändert, sie wirkt statischer, ortsgebundener als in früheren Angelopoulos-Filmen, zumal dem "Bienenzüchter" und der "Landschaft im Nebel". Die Architektur der zwanziger Jahre, sagt der Regisseur, sei aus den griechischen Städten fast vollständig verschwunden; um sie zeigen zu können, mußte er sie rekonstruieren. Die Holz- und Ziegelquartiere waren für sein Team, was sie auch für die Flüchtlinge damals waren: Transitorien, Wartesäle, Orte des Übergangs zwischen Einst und Jetzt.

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Kein geringer Plan

"Die Erde weint" ist der erste Teil einer Trilogie, die der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gewidmet ist - wie schon Angelopoulos' "griechische Trilogie" aus den siebziger Jahren, die mit "Tage von 36" begann, mit den "Wanderschauspielern" weiterging und den "Jägern" aufhörte. Und doch ganz anders. Während es damals vor allem um das Schicksal Griechenlands ging, wird die neue Trilogie den Blick ausweiten auf Europa, Amerika, die Welt. Für den zweiten und dritten Teil, erzählt Angelopoulos, habe er Schauplätze in Rußland, Usbekistan, Frankreich und den Vereinigten Staaten besichtigt. Die Geschichte von Helena-Eleni soll ein Stück Weltgeschichte werden, der Film ihres Lebens ein Markstein im kollektiven Bildergedächtnis.

Das ist kein geringer Plan, und bescheiden waren Angelopoulos' Ansprüche nie. "Die Ewigkeit und ein Tag" ist an ihnen zerbrochen, "Die Erde weint" löst sie wieder ein. Denn anders als in dem vorigen Film hat der Regisseur hier wieder auf jenes Psychologisieren verzichtet, das seinem Kino wesensfremd ist: Ein Mythos kennt keine Moral. Man sieht also einen alten Mann (Vassilis Kolovos), der seine Frau, seinen Sohn und das Waisenmädchen Eleni aus Odessa nach Griechenland bringt. Die Frau stirbt, der Alte heiratet das Mädchen, doch sein Sohn (Nikos Poursanidis) flieht mit Eleni nach der Hochzeit in die Stadt. Sie haben zwei Söhne, die bei Pflegeeltern aufwachsen und im Bürgerkrieg auf verschiedenen Seiten kämpfen werden. Der junge Mann selbst schlägt sich als Akkordeonspieler in einer Band durch, bis das Metaxas-Regime ihn ins amerikanische Exil treibt. Seinen letzten Brief schreibt er 1945 aus Okinawa, am Vorabend der Schlacht.

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Wille zur epischen Synthese

Das ist keine Filmstory, eher eine Art Libretto, und so hat es Angelopoulos auch gehandhabt. Viel mehr als von irgendeiner Handlung ist "Die Erde weint" von der elegischen Musik Eleni Karaindrous und der überwältigenden Schönheit der Sets geprägt, welche die Kamera in tranceartigen langen Einstellungen umkreist. Weiße Laken, schwarzbeflaggte Boote auf dem See, Schafe, die an Bäumen hängen, Häuser in der Flut, ein Schulzimmer, das zum Floß, ein Flußufer, das zur Leichenhalle geworden ist - das alles nimmt teil an der historischen Prozession, die der Film inszeniert, es ist realer Ort, Symbol, objet trouvé und visuelles Zeugnis zugleich. Der Wille zur epischen Synthese, der diese Bilder antreibt, wirkt in unserer vom Widerstreit der Interessen bestimmten Zeit nostalgisch, fast grotesk, aber man kann ihm eine gewisse Grandiosität nicht absprechen, einen Zauber, der die Augen übergehen und das Herz höher schlagen läßt. Wenn Angelopoulos' Kino uns heute weniger rührt als früher, dann nicht deshalb, weil es schwächer geworden ist, sondern weil wir selbst schwach geworden sind.

Der junge kolumbianische Regisseur Joshua Marston, dessen Debüt "Maria, llena eres de gracia" (Maria voll der Gnade) ebenfalls im Wettbewerb läuft, hätte Theo Angelopoulos vermutlich wenig mitzuteilen, obwohl auch sein Film eine Flüchtlingsgeschichte erzählt. Maria (Catalina Sandino Moreno) läßt sich vom Drogenkartell in Bogotá als Kurier einspannen, um eine Abtreibung bezahlen zu können. In New York angekommen, wo sie das Kokain abliefern soll, muß sie erleben, wie ihre Freundin Lucy stirbt, weil sich eins der Gummisäckchen in ihrem Körper geöffnet hat. "Maria, llena eres de gracia" ist so schlicht und bewegend wie das Frauenschicksal, das er beschreibt, ein Film, in dem die Präzision der Einstellungen weniger zählt als ihr dokumentarischer Wahrheitscharakter. Man könnte das alles auch genauer zeigen, vielschichtiger, aber dazu bräuchte man etwas, das auf dem Markt der filmischen Ideen nicht käuflich ist. Erfahrung, Vorgeschichte, Vergangenheit. Ein ganzes Jahrhundert vielleicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2004, Nr. 37 / Seite 38
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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