Berlinale-Wettbewerb

Binoche und Theron in Filmen des Wettbewerbs

Von Michael Althen
08.02.2004
, 21:15
Journalistenpaar auf Wahrheitssuche: „Country of My Skull”
Eigentlich sollte man annehmen, daß Festivals für Filme da sind. In Berlin hat man eher den Eindruck, daß Festivals dazu da sind, Stars in die Stadt zu bringen, und daß die Filme nur schmückendes Beiwerk sind.
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Eigentlich sollte man annehmen, daß Festivals für Filme da sind und Stars ihnen lediglich die Krone aufsetzen. Man hat aber eher den Eindruck, daß Festivals wie die Berlinale hauptsächlich dazu da sind, Stars in die Stadt zu bringen, und die Filme nur wie schmückendes Beiwerk wirken.

Kommt dieser, kommt jene, das sind die Fragen, auf die alles hinausläuft. Wenn Filme aus Kroatien oder Schweden im Wettbewerb laufen, verlieren sich an den Absperrungen ein paar Schaulustige, wenn aber Stars dabei sind, dann ist schon an der rückwärtigen Garagenausfahrt des Hyatt der Teufel los. Die paar Meter vom Hotel über den roten Teppich in den Berlinale-Palast sind es, auf denen die Stars durch ihre Präsenz die Existenz des Festivals überhaupt erst beglaubigen.

Juliette erscheint

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Da taucht dann Juliette Binoche auf, bildschön wie eh und je und leichtsinnig dünn gewandet, wird von Dieter Kosslick empfangen, Blitzlichtgewitter, Autogrammgeschrei, Beifall im Saal, das ganze Hurra, mit dem das Kino die Seinen umfängt, und dann sieht man den Film und weiß, daß er nur deswegen im Wettbewerb gelandet ist, damit Juliette Binoche begrüßt werden kann und das Festival jenes Futter bekommt, ohne das es verhungert. Anders ist nicht zu erklären, was "Country of My Skull" auf der Berlinale verloren hat. Der Film wirkt so hölzern und unbedarft wie eine Schüleraufführung, und geradezu erschütternd daran ist, daß sein Regisseur John Boorman heißt, der mal Filme wie "Point Blank" und "Deliverance" gemacht hat. "Country of My Skull" ist in seinem Scheitern aber nicht nur traurig, sondern richtig ärgerlich. Nicht nur, weil er ein großes Thema in den Sand setzt, sondern weil die Art, wie er das tut, fast schon fahrlässig genannt werden muß.

Juliette Binoche
Juliette Binoche Bild: AP

Es geht um die "Kommission für Wahrheit und Versöhnung", mit der in Südafrika versucht wurde, nicht Siegerjustiz walten zu lassen, sondern ein Volk mit seiner blutigen Geschichte zu versöhnen, indem sie nicht unter Urteilen begraben, sondern ans Licht gebracht wird. Das gesellschaftliche Experiment lautete: Wahrheit gegen Amnestie. Die Schergen des Apartheid-Regimes wurden begnadigt, wenn sie sich den Opfern stellten und nachweisen konnten, daß sie auf Befehl handelten. Zwanzigtausend Opfer und Hinterbliebene erzählten ihre Geschichten, und die Täter ergänzten das, was sich im Dunkel der Gefängnisse und Folterkeller verlor. Ein erschütterndes gesellschaftliches Ritual von Schmerz, Scham und Selbstreinigung, in dem die widersprüchlichsten Empfindungen zusammenschießen. Die Afrikaans-Dichterin Antje Krog hat von diesen Anhörungen im Radio berichtet, und auf ihren Erfahrungen basiert die Figur von Juliette Binoche.

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Als sei ein Star nicht genug, muß Samuel L. Jackson bei Boorman einen amerikanischen Reporter spielen, und als sei das Thema nicht ergreifend genug, muß sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte entspinnen, die so deplaziert wirkt wie nur selten eine Liebe im Kino. Man kann buchstäblich sagen, daß sie zur Wahrheitsfindung nichts beiträgt, im Gegenteil: Die eheliche Beichte des Seitensprungs zieht Parallelen zum gesellschaftlichen Läuterungsprozeß, die schlicht und einfach unzulässig sind, weil man die Übergriffe des Apartheid-Regimes wohl kaum mit Seitensprüngen gleichsetzen kann. So verkommt die reale Qual zur Kulisse für fiktives Herzensleid, und den Opfern wird jene Geschichte gestohlen, die sie unter Schmerzen zurückerobert haben.

Bei „Monster“ eineinhalb Stunden den Atem anhalten

Wie man die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit beschreiten kann, ohne es sich zu leicht zu machen, konnte man dagegen in "Monster" sehen, einem jener Wunder des amerikanischen Kinos, wo der frische Blick einer Regiedebütantin und die Bereitschaft eines Stars, aus dem Schatten der eigenen makellosen Ausstrahlung zu treten, einander auf eine Weise befeuern, daß man anderthalb Stunden den Atem anhält. "Monster" ist die Geschichte der Aileen Carol Wuornos, die mit acht Jahren vergewaltigt wurde, mit dreizehn auf den Strich ging und 2002 hingerichtet wurde, weil sie sechs Männer getötet hatte. Patty Jenkins findet ihre Wahrheit auf dem schmalen Grat, auf dem sich die Biographie eines Opfers in die Geschichte einer Täterin verwandelt und man als Zuschauer nicht mehr weiß, wo das Leid aufhört und der Schrecken anfängt. Der erste Mord geschieht aus Notwehr nach einer brutalen Vergewaltigung, die anderen sind ein Reflex auf diese Erfahrung, aber an Männern exekutiert, die nichts weiter als schnelle Befriedigung gesucht haben.

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"Monster" zeigt eine Frau, die gefangen ist in ihrer Rache und der Sehnsucht, ihrer Geschichte zu entfliehen. So scheint sich all die Energie, die sie in die lesbische Beziehung mit der jungen Ausreißerin Selby (Christina Ricci) steckt, irgendwann zu verselbständigen und das, was sie an Zuflucht und Trost darin findet, zu verschwinden hinter dem Preis, den sie dafür zu bezahlen bereit ist. Irgendwann tötet Aileen dann weniger aus Rache als aus dem Bedürfnis, ihre Flucht aus dieser Welt zu finanzieren.

So macht der Film aus dem Herzen Amerikas eine ähnliche Mördergrube wie vor vier Jahren "Boys Don't Cry", der auch im Hinterland zwischen Tankstellen und Neonkneipen ein trauriges Liebeslied von sexueller Gewalt und Befreiung anstimmte. Und so wie damals Hillary Swank einen Oscar gewann, wird wohl auch Charlize Theron Ende des Monats ausgezeichnet werden, weil ihre Verwandlung vom makellosen Supermodel in eine fluchende Straßenbraut eine jener schauspielerischen Entäußerungen ist, denen die Filmgemeinde schon immer gerne Tribut gezollt hat. Selbst die Mühe, hinter dieser Maske der Gewöhnlichkeit zu verschwinden, trägt dazu bei, ihre Figur dem Zuschauer näherzubringen, macht aus ihrer Körperlichkeit jene schmerzhafte Erfahrung, bei der sich Charlize Theron gedacht haben mag: "Ich bin ein Star. Holt mich hier raus."

„Confidences trop intimes“ - auf halber Flamme

Wie auf Festivals üblich, überlagern die einzelnen Filmerfahrungen einander, ergänzen oder überdecken sich. Nach der rauhen Energie von "Monster" erscheint einem jedenfalls das neurotische Flimmern von Patrice Lecontes "Confidences trop intimes" wie ein Film auf halber Flamme. Patrice Leconte, Sandrine Bonnaire, Fabrice Lucchini, sie alle machen, was sie können, aber keiner wächst über sich hinaus - für ein Festival ist das zuwenig.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2004, Nr. 33 / Seite 35
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