Berlinale-Wettbewerb

Gefühlskraftwerk: "Gegen die Wand" von Fatih Akin

11.02.2004
, 19:05
Mit melodramatischer Wucht: Fatih Akins „Gegen die Wand”
In "Gegen die Wand", Fatih Akins Wettbewerbs-Beitrag auf der Berlinale, steckt eine ungeheure Kraft, die sich zugleich aus der Liebe zwischen seinen Hauptfiguren und der selbstzerstörerischen Energie dieser Liebenden speist.
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Es sieht ganz so aus, als sei Fatih Akin wieder heimgekommen. Nach Hamburg-Altona, in die Welt, in der er lebt und in der sein erster Film "Kurz und schmerzlos" (1998) spielte, nach dem man sich fragte, warum es eigentlich so lange dauern mußte, bis einer mit derselben Selbstverständlichkeit deutsch-türkische Geschichten aus unseren Städten erzählt, wie es die Bindestrich-Ethnien in Amerika seit langem tun.

"Gegen die Wand" ist ein Melodram, und er hat genau jene Direktheit, jene Vertrautheit mit seinen Figuren und ihrem Alltag, die Akins vorigem Film "Solino" fehlte. Am Anfang steht eine Gruppe von Roma-Musikern am Bosporus, am Ende packen sie ihre Instrumente ein. Dazwischen liegt eine Liebe, die so wild wie ein Punksong und zugleich so schwermütig ist wie die Lieder der Sängerin Idil Üner.

Bis zur letzten Sekunde in der Schwebe

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Cahit (Birol Ünel) und Sibel (Sibel Kekilli), der Alkoholiker und die "Gucci-Bitch", wie Akin diesen Typus Deutsch-Türkin genannt hat, treffen sich in der Psychiatrie. Er hat seinen Ford Granada vor die Wand gefahren, weil er lebensmüde ist, sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, weil sie ihrer traditionsbewußten Familie entfliehen will. Sie überredet ihn zur Scheinehe, und jeder lebt sein Leben voller Drogen und Affären weiter, bis sie sich ineinander verlieben, ohne es wahrhaben zu wollen.

Dann erschlägt er im Affekt einen ihrer Liebhaber. Er geht für fünf Jahre ins Gefängnis, sie geht nach Istanbul. Nach der Haft reist er ihr nach. Sie sehen sich wieder, und es ist, als könnte alles noch einmal anfangen. Sie verabreden sich für den nächsten Morgen am Busbahnhof, um in Cahits Geburtsort zu fahren. Und Fatih Akin schafft es, ähnlich wie Richard Linklater in "Before Sunset", beider Zerrissenheit und Entscheidungsqualen mit einer solchen Offenheit zu zeigen, daß bis zur letzten Sekunde in der Schwebe bleibt, ob sie kommen wird.

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Ein bißchen zu sehr verliebt in seine Szenen

In "Gegen die Wand" steckt eine ungeheure Kraft, die sich zugleich aus der Liebe und der selbstzerstörerischen Energie der Liebenden speist. Und womöglich steckte in ihm auch ein noch besserer Film, wenn er bisweilen etwas geraffter und atemloser erzählte. Fatih Akin ist in jede seiner Szenen ein bißchen zu sehr verliebt, er kann sich von keiner trennen, und manche sehen daher aus, als stammten sie aus einem anderen Film.

So klaffen der Rhythmus der Montage und der Herzschlag der Geschichte mitunter ein wenig auseinander. Doch was zählt das schon, wenn man die melodramatische Wucht mit der eher lauwarmen Betriebstemperatur der meisten Wettbewerbsbeiträge vergleicht?

Quelle: pek, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2004, Nr. 36 / Seite 37
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