Berlinale-Wettbewerb

Pariser Walzer

Von Michael Althen
10.02.2004
, 19:15
Ethan Hawke und Julie Delpy in Paris
In Wien ist die Sonne einst aufgegangen, in Paris geht sie jetzt unter: "Before Sunset" ist ein kleiner Film über große Fragen. Und er zeigt - mit Julie Delpy und Ethan Hawke - die schönste Filmszene der Berlinale.
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Der Wettbewerb hat sein erstes kleines Wunder, einen Film, dessen Zauber so leicht ist wie ein Spätsommertag in Paris, wenn nicht sogar noch leichter: wie die Erinnerung an einen solchen Tag in genau dieser Stadt, die stets für jeden dasselbe bereitzuhalten scheint und sich doch nie abnutzt. Davon lebt auch Richard Linklaters "Before Sunset" - und vor allem davon, daß er sich aus Kinoerinnerungen speist, die man fast schon geneigt ist, für die eigenen zu halten.

Deshalb nochmal von vorn: Vor neun Jahren drehte Linklater mit Ethan Hawke und Julie Delpy in Wien "Before Sunrise", der gleichermaßen von dem letzten Tag der Jugend wie der ersten Nacht des Erwachsenseins handelte. Zwei junge Menschen in einer fremden Stadt, für eine Nacht entflammt - und von der Idee aller großen Melodramen, die Liebe erst zu prüfen, um sich genau ein halbes Jahr später am gleichen Ort wiederzutreffen.

Über Erinnerungen reden

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Neun Jahre sind seither vergangen, im wirklichen wie im erfundenen Leben, und diesmal ist Ethan Hawke in Paris, um in der Buchhandlung "Shakespeare & Company" seinen Bestseller vorzustellen, der natürlich nicht autobiographisch ist, aber eben doch von jener Nacht in Wien handelt. Und genau in dem Moment, in dem er die letzte Frage beantwortet, weil er wieder zum Flughafen muß, sieht er zwischen den Regalen Julie Delpy stehen, neun Jahre später und ungefähr neunmal so schön.

Die Versuchsanordnung von "Before Sunset" ist also dieselbe, ein Mann, eine Frau, eine Stadt und kaum eine Filmlänge Zeit, ehe der Abschied droht - entscheidend anders ist der Umstand, daß die beiden über ihre Erinnerungen reden, die identisch sind mit denen des Zuschauers an "Before Sunrise". Er ist also Schriftsteller geworden, sie Umweltschützerin, er hat Frau und Kind, sie einen Freund, man trinkt einen Kaffee, man spaziert durchs Quartier, die Seine hinauf, redet über damals und heute und insbesondere über die Frage, wie das Leben heute aussähe, wenn sie sich damals tatsächlich getroffen hätten.

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Kleiner Film über große Fragen

Die beiden Schauspieler haben am Drehbuch mitgeschrieben, und so kann man den Film schon deshalb nicht von ihnen trennen, weil Hawke tatsächlich auch Schriftsteller ist und Delpy auch im wirklichen Leben mit der Gitarre auf Tournee geht. Es kommt also tatsächlich der Moment, wo sie zur Gitarre ein Lied singt, einen kleinen Walzer, der einem das Herz aufgehen läßt, weil auch er von einer Nacht in Wien handelt und deshalb mehr sagt als tausend Worte. Und dann legt Ethan Hawke eine Platte von Nina Simone auf, obwohl sein Chauffeur im Hof wartet, und was Julie Delpy dann macht, ist schon jetzt mit Sicherheit der Lieblingsmoment der diesjährigen Berlinale. "Before Sunset" ist ein kleiner Film über große Fragen, denn es geht darum, was von der Liebe bleibt und wie das Leben so spielt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2004, Nr. 35 / Seite 37
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