Berlinale-Wettbewerb

Wie sich Jack Nicholson auf der Berlinale verjüngte

Von Peter Körte
08.02.2004
, 20:15
Was das Festival begehrt - Nicholson
Am Freitagabend zeigt sich Jack Nicholson, dessen Gesicht auf den Plakaten zu "Was das Herz begehrt" kinderglatt ist. Er trägt immer noch die Sonnenbrille, die ihm vor Jahren den Titel "Sisyphos mit Ray-Ban" eintrug.
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Freitag abend. Manche nennen es "deformation professionell", wenn etwa dem Zahnarztblick jedes Gesicht zum Gebiß wird. Dem Filmkritiker auf dem Festival wird die Welt zum Set, er sieht nur Szenen, wo andere drei Japaner sehen, die vor einem Tresen fast andächtig auf einen großen Senfbehälter schauen wie auf einen Schrein, aus dem ein dicker gelber Strahl auf ein Stück Krustenbraten schießt. Sie tragen die Pappteller zu ihrem Platz, und während ihr Plastikbesteck gegen die Kruste kämpft, studieren sie das Programmheft der Berlinale.

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So könnte ein Film anfangen, der vermutlich im "Internationalen Forum" liefe, doch durchs Forum zieht am frühen Abend ein seltsamer Treck. Aus einer psychiatrischen Anstalt verschwinden im Jahr 1940 die Patienten. Sie gehen einfach durchs Tor, mischen sich unter die Flüchtlinge auf der Landstraße.

"Folle embellie" ist ein Film von Dominique Cabrera. Zärtlich beobachtet sie ihre verwirrten Helden und macht sich nicht die pädagogische Mühe, die Verrückten als die wahren Normalen vorzuführen. Jean-Pierre Leaud erschlägt eine Kuh mit einem Vorschlaghammer, damit sie etwas zu essen haben. Miou-Miou macht Panettone, sie arbeiten auf dem Feld bei einem Bauern. Die kleine Anarchie in der Loire-Idylle kann nicht dauern. Aber der Film hängt einem nach, weil er in Leaud, der alten Galionsfigur der Nouvelle Vague, nicht bloß die vierziger, sondern auch noch die sechziger und die siebziger Jahre zurückbringt.

Türen in die Vergangenheit

Das Festival hat lauter solche kleinen Türen, die in die Vergangenheit führen. Es ist der Abend, an dem Jack Nicholson sich zeigt, dessen Gesicht auf den Plakaten zu "Was das Herz begehrt" kinderglatt ist. Er trägt immer noch die Sonnenbrille, die ihm vor Jahren den Titel eines "Sisyphos mit Ray-Ban" eintrug. Er hat an drei Abenden im Borchardt gegessen, sich zahllosen Journalisten gestellt, und er wirkt ein wenig müde. Aber er hat sich eine öffentliche Persona entworfen, hinter die sich Jack bequem zurückziehen kann. Im Cinemaxx 8 stehen drei Fotografen, hier laufen die Filme der Retrospektive "New Hollywood 1967-1976". Sie sind ständig ausverkauft. Eine leise Unruhe liegt über dem Saal, als könnte Jack doch noch kommen, vielleicht die Tür aufreißen und "Here comes Johnny" brüllen. Dann gehen die enttäuschten Fotografen ohne Bild, und es wird dunkel.

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"Drive, he said", das war 1971 Nicholsons erste Regie. Es gibt Basketball, viel Basketball, denn Jack sitzt heute noch bei jedem Heimspiel der Lakers direkt am Parkett. Damals war er sicher, daß er einen Preis in Cannes für den Film gewinnen würde. Doch der Film ging unter. Da ist die hinreißende Karen Black, die sich mit ihrer leicht neurotischen Energie immer wieder entzieht, da sind der junge Basketballstar und sein radikaler Mitbewohner, der ausrastet und am Ende nackt über den Campus läuft, in den Biologieraum geht und alle Reptilien und Amphibien freiläßt. Auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen schaut Nicholson illusionslos und ein bißchen traurig auf die Gegenkultur. Die Bilder sind körnig, und es tut gut, das Alter der Kopie zu spüren. Der letzte lange Blick aus dem Rückfenster des Krankenwagens, das ist auch der Blick auf die Sechziger.

Mit Sonnenbrille natürlich

Als Jack dann endlich über den roten Teppich geht, trägt er den üblichen Einreiher über dem mächtigen Leib und die Sonnenbrille natürlich. Es regnet, er gibt Autogramme - und grinst. Er steht auf einer Balustrade, breitet die Hände wie zum Segen aus - und ist wieder fort. Er hat die Pressekonferenz beherrscht, er hat seinen Zahnarzt gelobt, der unermüdlich das Jack-Lächeln konserviert, und er gibt, was die Herzlosigkeit der Presse begehrt. Sieben Mal kann man ihn hier noch jung und wild in den alten Filmen sehen. "Ich fühle mich nicht anders als damals", hat er gesagt.

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Und wenn man dann in der Nacht auf der Oranienstraße steht und auf ein Taxi wartet, fühlt man sich wie in Tom Tykwers hinreißendem Kurzfilm "True", der hier im tiefen Kreuzberg gefeiert wurde; wie der Blinde, dem die Erinnerungen an seine Freundin zum Film im Kopf werden. Und im letzten Bild an diesem Abend taucht ein Mann mit großer Brille, Stirnglatze und wuschligem Resthaar auf, der einsam auf der Eröffnungsparty stand. Monte Hellman drehte mit Jack im philippinischen Dschungel und in der Wüste von Utah, und er ist einer der größten Regisseure der sechziger Jahre. Er fühlt sich heute schon ein wenig anders als damals, und seinen alten Freund Jack, sagt er, den sieht er auch nicht mehr so oft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.02.2004, Nr. 6 / Seite 22
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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