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Berlinale

Die Spur der Tränen

Von Andreas Kilb
Aktualisiert am 24.02.2020
 - 12:52
Historikerin als Nixe: Paula Beer in Petzolds „Undine“
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Berlinale 2020
„Undine“

Vom Mythos in die Gegenwart: Christian Petzolds Märchenfilm „Undine“ und Philippe Garrels Liebesdrama „Le sel des larmes“ im Wettbewerb der Filmfestspiele.

Für manche Regisseure sind die Berliner Filmfestspiele eine Art Relegationsrunde. Der Italiener Matteo Garrone beispielsweise war zuletzt mit jedem seiner Filme in Cannes, für „Gomorrha“ bekam er dort vor zwölf Jahren den Jurypreis. Jetzt läuft Garrones „Pinocchio“ jenseits des Berlinale-Wettbewerbs in der „Special“-Reihe des Festivals, und damit ist der Film noch gut bedient. Denn Garrone hat Carlo Collodis unsterbliches Kinderbuch so lieblos bebildert, dass man sich fragt, was ihn an diesem dutzendfach verfilmten Stoff interessiert hat.

Die Besetzung kann es jedenfalls nicht gewesen sein, denn Roberto Benigni, der den Geppetto spielt, hat vor achtzehn Jahren schon selbst einen besseren „Pinocchio“ inszeniert, und die Französin Marine Vacth als Zauberfee Turchina hat sichtlich Mühe, beim Sprechen ihrer Dialoge nicht einzuschlafen, während alle übrigen Darsteller unter ihrer dick aufgetragenen Maskerade beinahe verschwinden. Vom Staunen darüber, dass eine Holzpuppe die Augen aufschlägt und zu reden beginnt, ist in dieser traumlosen und mit wunderschönen italienischen Landschaften wie ausgestopften Pflichtübung nicht das Geringste zu spüren.

Christian Petzolds „Undine“ dagegen, der erste deutsche Beitrag im Wettbewerb, ist praktisch vollständig im Modus des Staunens gedreht. Schon die Anfangsszene funktioniert wie ein Weckruf, denn die Frau mit den roten Haaren, die mit ihrem Freund im Café vor dem Märkischen Museum in Berlin sitzt und gerade erfahren hat, dass er mit ihr Schluss machen will, bricht nicht etwa in Beschimpfungen oder haltloses Schluchzen aus, sondern sagt seelenruhig: „Du weißt, wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ Der ganze Film, könnte man sagen, zittert im Nachklang dieses Satzes, denn auch wenn Undine (Paula Beer) schließlich darauf verzichtet, ihren untreuen Lover umzubringen, weil sie mit Christoph (Franz Rogowski) eine neue Liebe gefunden hat, liegt der Tod doch ständig als Möglichkeit in der Luft.

Märchen besteht Probe der Gegenwart

Er begleitet das Liebespaar zu der Talsperre bei Wuppertal, wo Christoph als Industrietaucher arbeitet, und er schleicht sich in ihre Umarmungen, wenn sie über den Dächern Berlins das nächtliche Spiel der Lichter betrachten. Einmal, als die beiden zusammen zu jenem Mauerstück in der Tiefe des Stausees tauchen, auf dem Undines Name wie seit Ewigkeiten geschrieben steht, ist die Geliebte plötzlich verschwunden, und als Christoph aufschaut, sieht er sie an die Flosse eines Fisches gekrallt ohne Atemmaske durch die Fluten schweben. Dann treibt Undine wie leblos an der Wasseroberfläche, aber als er sie reanimiert, erwacht sie, als hätte sie nur kurz geschlummert. So zieht der Mythos die beiden in sein verborgenes Spiel.

„Undine“ wäre kein Film von Christian Petzold, wenn er die Märchenwelt, bei der er sich bedient, nicht zugleich durchleuchten und zergliedern würde. Bei Petzold ist die Meerjungfrau Undine Historikerin im Dienst der Berliner Senatsbauverwaltung, sie führt Touristengruppen vor die großen Stadtmodelle am Köllnischen Park und erklärt ihnen daran die Geschichte der Metropole. Ihr Ritter Christoph dagegen hat etwas von einem modernen Don Quichotte, denn die Turbinen, die er bei seinen Tauchgängen repariert, sind selbst schon museumsreif, ihre Erhaltung dient mehr der Landschaftspflege als der Stromgewinnung.

Das Humboldt-Forum in der Hülle des Berliner Schlosses, heißt es einmal in „Undine“, sei der Beweis dafür, dass es keinen Fortschritt gebe. Petzolds Film zeigt, dass das Gegenteil stimmt: Das Alte, Überkommene lässt sich mit heutigen Geschichten beleben, ohne dass die Form zerbricht, das Museum kann zum Aktionsraum der Gegenwart und zugleich zur Bühne des mythischen Geschehens werden. Undine kehrt am Ende in ihr unterirdisches Reich zurück, aber nicht, um den Geliebten für sich zu haben, sondern um ihn der Welt zu erhalten. Das Märchen besteht die Probe der Gegenwart. Die Erzählung besteht die Probe der Geschichte. Petzolds „Undine“ war bislang der stärkste Beitrag im Wettbewerb der Berlinale.

Wach und präzise

Die mythische Zeit des heutigen Kinos ist die Nouvelle Vague. Philippe Garrel, 1948 geboren, kam zu spät, um am Aufbruch der frühen sechziger Jahre teilhaben, aber gerade rechtzeitig, um der Bewegung über ihr Ende hinaus die Treue halten zu können. Er hat mit den Stars von damals gedreht, mit Jean Seberg, Jean-Pierre Léaud, Catherine Deneuve, und dabei Truffauts Maxime, im Kino müsse man mit schönen Frauen schöne Dinge tun, dutzendfach in Zelluloid gegossen. Die größere Hälfte seiner Filme ist schwarzweiß, darunter auch „Le sel des larmes“, sein jüngster, der im Berlinale-Wettbewerb läuft. Es ist der Purismus des Epigonen, des Antiquars. Seltsam nur, dass Garrels Kino so gar nicht antiquarisch wirkt.

Luc, ein Jüngling vom Land, fährt nach Paris, um eine Prüfung abzulegen. An einer Bushaltestelle lernt er ein Mädchen kennen, sie verabreden sich, aber Djemila will nicht mit ihm schlafen, die Liebe wird vertagt.

In seinem Heimatort trifft Luc seine Schulfreundin Geneviève wieder, die beiden werden ein Paar, während Djemila, die Luc hinterhergereist ist, vergeblich im Hotel auf ihn wartet. Luc wird an der Pariser Fachhochschule für Kunsthandwerk angenommen und trennt sich von Geneviève, die von ihm schwanger ist. Er kommt mit Betsy zusammen, die ihn in eine Ménage-à-trois mit einem Kollegen zieht.

Um seine Eifersucht zu dämpfen, besucht er Djemila, aber sie erwartet ein Kind. So dreht sich das Karussell dieses Films, eine Folge von Situationen, die alle auf die gleiche Pointe hinauslaufen: Luc, der Unentschiedene, lässt andere den Preis für seine Schwäche bezahlen. Denn es sind die Frauen, die bei Garrel das Salz der Tränen kosten, die Bitterkeit des Verlassenseins. Ein Film, mit anderen Worten, der unter seiner altmodischen Hülle vollkommen heutig ist, wach und präzise, ein poetisch überhöhtes Stück Gegenwart. Aber dann hört die Geschichte mittendrin einfach auf, als hätte sie Angst vor ihrer eigenen Konsequenz. Auch das erlebt man auf Festivals: wie ein Film endet, ohne dass er zu Ende ist.

Weiteres zur 70. Berlinale finden Sie im Internet unter www.faz.net/ Berlinale
Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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