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Berlinale-Fazit

Von Höllenbildern und Henkern

Von Simon Strauß
Aktualisiert am 29.02.2020
 - 11:52
Weites Land und keine Hoffnung: Mohammad Seddighimehr als der Henker in „Sheytan vojud nadarad“
Viele Höhen und wenige Tiefen: Mit zwei das politische Bewusstsein bewegenden Filmen geht der facettenreiche Wettbewerb der siebzigsten Berlinale zu Ende.

Mit zwei das politische Bewusstsein bewegenden Filmen ist der Wettbewerb dieser siebzigsten Berlinale zu Ende gegangen. Waren es bisher vor allem die unterschiedlich düsteren Facetten der individuellen Existenz – Freundschaft, Liebesleid, früher Krebstod, Demenz, Abtreibung, totalitäre Gewalt, Psychose und Flucht –, die berührt wurden, so weiten die zwei letzten Wettbewerbsbeiträge den Fokus noch einmal auf die universelle Gegenwart des Bösen. Für seinen Dokumentarfilm „Irradiés“ („Bestrahlt“) hat der kambodschanische Regisseur Rithy Panh Szenen der totalen Zerstörung zusammengeschnitten. Mehr Überreste als Bilder sind, was er uns anklagend zeigt, die Erde im zwanzigsten Jahrhundert als ein unüberschaubares Flammenmeer. Hiroshima, Hanoi, Verdun, Dresden, Ruanda, Sarajevo – das Greuel des Krieges hat viele Namen und noch mehr Requisiten: Granaten, Giftgas, Galgen, Napalm. Das dem vergangenen Jahrhundert eingeschriebene Todesprogramm, von dem der Film vornehmlich mit Originalaufnahmen und zwei Erzählerstimmen berichtet, findet seinen Ausdruck hier in Leichenbergen auf vietnamesischen Feldern genauso wie in einem KZ-Häftling auf dem für immer vom Bösen verstrahlten Boden von Auschwitz.

Mit seiner allgemeinen und verallgemeinernden Schreckensbilanz lässt uns der nur schwer auszuhaltenden Dokumentarfilm von Panh ratlos zurück. Er versucht mit aller Kraft, dass wir nicht nur gewohnheitsmäßig vor den Bildern zurückschrecken, sondern uns von ihnen verstören lassen: „Sieh hin, noch einmal“, befiehlt er und stochert vor unseren Augen quälend langsam in der Höllenbilderglut. Das ist erschütternd, solange nur die verwackelten Originalbilder der Verheerung gezeigt werden; in dem Moment aber, wo eigene Bildfantasien sich untermischen, zwei weißgeschminkte Darsteller als Personifikation des Gewissens auftreten, verliert sich der Film vollends im falschen Pathos.

Auch „Sheytan vojud Nadarad“ („Es gibt kein Böses“), der Film des zur Zeit im Iran festgehaltenen Regisseurs Mohammad Rasoulof, handelt vom Grauen. In vier Episoden erzählt er von Männern, die vom iranischen Gesetz gezwungen werden, Todesstrafen zu vollstrecken. Die erste (und stärkste) Sequenz zeigt den Alltag eines bärtigen Mittelständlers mit erschöpften Augen, führt vor, wie er seiner Frau die Haare färbt und im Wohnzimmer seiner kranken Mutter staubsaugt – und dann sehen wir ihn tief in der Nacht zu einem Militärgefängnis fahren, sehen, wie er sich in einem kleinen Büro sein Frühstück vorbereitet und plötzlich auf einen Knopf drückt, sodass fünf Männern im Nebenzimmer der Boden unter den Füßen wegklappt und sie im verzweifelten Todeskampf um ihre letzten Lebenssekunden zappeln. Drei weitere Henker lernt man kennen, die im Zuge ihres Militärdienstes gegen ihren Willen im Auftrag eines höheren Gesetzes töten sollen. Zwei von ihnen widersetzen sich mutig und fliehen, einer verliert sein Bewusstsein und seine große Liebe durch die Tat. Vielleicht ist Rasoulofs Film mitunter einen Hauch zu konstruiert und sein Spannungsbogen zu offensichtlich, aber die Verzweiflung in den Augen dieser vier Männer, die sich von ihrem Staat zum Unrecht gezwungen sehen, die verfolgt einen und lässt nicht los.

Das war eine starke, eine facettenreiche Wettbewerbsauswahl mit wenigen wirklichen Tiefpunkten wie „El Prófugo“ oder „Siberia“ und einem zynischen Brandmal namens „Dau.Natasha“. Unter dem Schatten von Hanau begonnen, konnte man im Wettbewerb mit Kelly Reichardts poetischem Spätwestern „First Cow“ einen ersten Höhepunkt erleben, mit Philippe Garrels „Le sel des larmes“ noch einmal von der Liebe in Paris träumen oder in „Volevo Nascondermi“ mit einem für verrückt erklärten Maler die Welt aus anderen Augen sehen. Von den drei deutschsprachigen Beiträgen war keiner wirklich enttäuschend, obwohl „Berlin Alexanderplatz“ hinter „Undine“ und „Schwesterlein“ zurückfällt. Die besten Chancen auf einen Preis können sich vielleicht der von einer Männerliebe stumm-schön erzählende Film „Rizi“ oder „Never Rarely Sometimes Always“, die tieftraurige und durch die Augen zweier Mädchen ergreifend erzählte Geschichte einer jugendlichen Abtreibung, machen. Wie auch immer die Entscheidung heute Abend ausgeht: Die neue Leitung um Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek hat mit ihren Einladungen zum Wettbewerb bewiesen, dass sie Berlin etwas zu bieten haben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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